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Marburg Marburger Prof übt massive Kritik an Pandemie-Politik
Marburg Marburger Prof übt massive Kritik an Pandemie-Politik
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19:58 22.02.2021
Mitte Februar 2021: Marburg weiterhin im Corona-Lockdown, die Oberstadt fast menschenleer
Mitte Februar 2021: Marburg weiterhin im Corona-Lockdown, die Oberstadt fast menschenleer Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Professor Matthias Schrappe (66) ist Infektiologe und war von 2002 bis 2005 Vorstandsvorsitzender und Ärztlicher Direktor des Marburger Universitätsklinikums. Der Marburger beriet als Stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit über Jahre die Bundesregierung. Ein OP-Interview.

Professor Matthias Schrappe, jahrelang Vorstandsvorsitzender und Ärztlicher Direktor des Marburger Universitätsklinikums. Quelle: Privatfoto

In mehreren Thesenpapieren fordern Sie seit Monaten ein Krisenmanagement, das sich nicht nur auf Kontaktbeschränkungen stützt. Verdoppelungszeit, R-Wert, Intensivbetten-Auslastung, Inzidenz – welcher Parameter ist denn für die Pandemie-Bekämpfung entscheidend?

Professor Matthias Schrappe: All diese Werte sind nicht belastbar, haben für sich genommen wenig Aussagekraft. Der für die politische Steuerung maßgebliche, der Inzidenz-Wert ist dabei nicht mal mehr als eine unzuverlässige Melderate. Wenn man viel testet, sind die Zahlen hoch, testet man wenig, sind sie niedrig. Anstatt Gesundheitsämter bis heute Meldezahlen sammeln zu lassen, müsste man mit Kohorten-Studien arbeiten. Also große, repräsentativ ausgewählte Gruppen, die über lange Zeit immer wieder untersucht, getestet werden und anhand derer man tatsächlich die Ausbreitung in Deutschland oder einzelnen Regionen sehen könnte. Wir haben Meldedaten, keine Neuerkrankungsrate. Daher ist davon auszugehen, dass in Deutschland 12,5 Millionen Corona-positiv sind oder waren.

Betroffene erkennt man nicht

Erst Frühjahrs-, dann Wellenbrecher-, seitdem Hart-Lockdown: Was halten Sie von dem Instrument?

Schrappe: Die Besonderheit der Corona-Epidemie – und das wusste man vor einem Jahr schon – ist, dass es asymptomatische Überträger gibt. Das erschwert es, damit fertig zu werden, weil man Betroffene oft nicht erkennt. Also sind Gegenmaßnahmen, eine Präventionsstrategie erforderlich. Es braucht Kontaktbeschränkungen und vor allem Risikogruppenschutz. Das sind bei diesem Virus die Alten, die übrigens vom Lockdown seit November gar nicht profitieren, deren Sterblichkeit nicht abnimmt und an deren Bedürfnissen das Instrument offenbar vorbeigeht. Covid ist längst in der Gesamtbevölkerung verbreitet, es schlummert dort und schleicht voran. Gleichmäßiges, breites Infektionsgeschehen hat einzelne Infektionsherde abgelöst und so wird es immer wieder zu Wellen kommen. Dabei sind es gar keine Corona-Wellen, es ist eine Flut mit langsam ansteigenden Infektionszahlen, die mit einem Lockdown nur kurzfristig eingedämmt, künstlich eingegrenzt wird und nach dessen Ende wieder zu einem Anstieg des Pegels führt. Es ist eine ebenso sinn- wie hoffnungslose Strategie.

Zusammen mit Virologie-Professoren Klaus Stöhr und Jonas Schmidt-Chanasit sowie Medizinstatistiker Professor Gerd Antes fordern Sie seit April 2020 einen Fokus auf Risikogruppenschutz. Wie soll der konkret aussehen?

Schrappe: Es müsste heißen: Alle verfügbaren Masken und Schutzkleidung dort hin, testet massiv in Heimen, bildet regionale Eingreiftrupps und dämmt eine Ausbreitung schnell ein. Das macht man so in jedem Krankenhaus und ist epidemiologisches Grundwissen: Man nimmt die besonders Gefährdeten sofort aus der Schusslinie, verringert ihre Ansteckungsgefahr und rennt nicht der Infektion hinterher. Personal, etwa Bundeswehrsoldaten, auch aus der Zivilgesellschaft braucht es daher weniger für Kontakt-Nachverfolgung, sondern für Tests in Pflegeheimen oder in Schulen. Die deutsche Pandemie-Politik steht seit fast einem Jahr auf nur einem Bein. Und deshalb steht sie sehr schlecht.

"Beratungswilligkeit ist extrem niedrig"

Wieso ist bis heute so ein Kurs nicht eingeschlagen worden?

Schrappe: Die Beratungswilligkeit der Bundesregierung ist extrem niedrig. Man verlässt sich im Kanzleramt auf theoretische Modellierungen, mathematische Berechnungen und Annahmen, bekämpft Corona unter dem Mikroskop und vom Bürotisch aus. Virologen, Epidemiologen oder Praktiker, die Vor-Ort-Studien machen, werden nicht gehört.

Ein Inzidenzwert von 50 galt monatelang als entscheidende Schwelle. Jetzt liegt die Zahl – mit der Mutanten-Argumentation und in Denkrichtung von Covid-Zero-Vertretern – bei 35. Für Sie nachvollziehbar?

Schrappe: Überhaupt nicht. Der Ausrottungsgedanke ist lebensfremd, eine von Theoretikern verfolgte Illusion und allem widersprechend, was man wissenschaftlich über Viren-Ausbreitung weiß. Die Werte, ob nun 50 oder 35, sind aus der Luft gegriffene Zahlen, auf denen man niemals politische oder gar Grundrechte einschränkende Entscheidungen treffen dürfte. Zumal es gerade während einer klassischen Virensaison unerreichbare und somit zermürbende Ziele sind. Es sei denn, die gesellschaftlichen und ökonomischen Kosten spielen keine Rolle.

Welcher Wert wäre denn tauglicher?

Schrappe: Es gibt Vorschläge für Indexwerte, die mehrere Faktoren einbeziehen, darunter Testhäufigkeit und Positivitätsrate. Auch die Entwicklung von Krankenhaus-Aufnahmen ist ein besseres Steuerungsmittel. Der Goldstandard – und eigentlich das für die Tragweite der Entscheidungen nötige Mittel – sind Kohorten-Studien. Wir operieren weiter mit den falschen Werkzeugen.

Ein Segen

Impfungen sollen die Lösung sein, gerade deshalb bekommen zuerst die Alten – wenn auch äußert langsam – das Vakzin.

Schrappe: Die Impfstoffe sind ein Segen. Doch selbst bei hoher Wirksamkeit wie bei dem Biontech-Mittel und einer perfekten Impfkampagne – von der wir weit entfernt sind – wird es eine bestimmte Quote Menschen geben, bei denen die Impfung entweder nicht wirkt, es zu Komplikationen kommt oder die sich gar nicht erst immunisieren lassen. Heißt, wir werden selbst bei schnellem Durchimpfen immer 20, 25 Prozent in der Bevölkerung haben, die nicht geschützt sind oder das Virus übertragen werden. Es wird, wie auch bei Masern, weiter und immer wieder zu Ausbrüchen kommen.

Werden wir Covid also nicht mehr los?

Schrappe: Nie wieder. Das Virus ist unter uns, wir werden für immer damit und auch den Erkrankungen, die es auslöst, leben müssen. Es lässt sich auch vorzeichnen, wie es weitergeht: Auch Kinder werden verstärkt erkranken und eine gewisse Immunität erwerben. Sollten sie sich als Erwachsene wieder infizieren, kriegen sie Schnupfen.

Von Stufenplänen zur Öffnung ist die Rede, zumindest sollen sie im März vorbereitet werden. Wie ist die Perspektive?

Schrappe: Die Politik ist gefangen in einer Befürchtungsfalle. Niemand will dafür verantwortlich gemacht werden, dass es in einer Kita oder gar in einem Altenheim einen Ausbruch gibt und Infektionszahlen steigen. Somit gehen die Entscheidungsträger immer auf Nummer sicher – letztlich also Lockdown. Es ist ja auch eine nicht leichtzunehmende Epidemie, aber die Angst droht zu siegen und damit unsere freiheitliche Gesellschaft zu besiegen. Es bräuchte vor allem ein neues Denken und Mut zur Kreativität, mit Corona zu leben. Wir müssen uns auf die Suche machen. Doch speziell bei der Kanzlerin gibt es weder Mut noch Bereitschaft, sich überhaupt dahingehend beraten, sich von Alternativen überzeugen zu lassen. Sie leidet wie viele in der Bundesregierung unter dem Kuba-Syndrom, umgibt sich nur mit Menschen, die alle der gleichen Meinung sind. Das Resultat ist kein Umdenken, sondern eine dauerhafte Fortsetzung von Fehlern. Doch wenn wir als Gesellschaft nichts riskieren, unsere Lösung Lockdown oder gar Covid-Zero heißt, verharren wir noch 100 Jahre im Ist-Zustand.

Wissenschaftler warnen vor Corona-Kollateralschaden

Eine Arbeitsgruppe um den Marburger Professor Matthias Schrappe hat sich schon kurz nach Beginn der Pandemie unter der Plattform „CoronaStrategie“ zusammengefunden, um für einen stärkeren wissenschaftlichen Diskurs und interdisziplinäre Risikoeinschätzung in Vorbereitung von politischen Entscheidungen in der Pandemiebekämpfung zu werben.

Zentrale Forderungen: Einsetzen eines unabhängigen Expertengremiums zur Risikoeinschätzung und Gründung einer Nationalkommission, die Bewertungen im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung vornimmt. Es brauche grundsätzlich im Vorfeld von politischen Entscheidungen einen breiten wissenschaftlichen Diskurs, vor allem um die Verhältnismäßigkeit von Bekämpfungsschritten einzuschätzen. Eine ausschließliche Ausrichtung auf die gesundheitlichen Schäden durch SARS-CoV-2 sei jedenfalls angesichts hoher Kollateralschäden in Wirtschafts-, Sozial- aber auch Gesundheitsbereichen falsch.
Mehr Infos: https://covid-strategie.de

Von Björn Wisker

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