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Marburg Ulrike Ristau kämpft für Anstand und Achtung
Marburg Ulrike Ristau kämpft für Anstand und Achtung
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22:24 20.01.2020
Die Vorsitzende des VfL Marburg Ulrike Ristau holt für das „1. Marburger Präventionsgespräch“ unter anderen Sportstar Sebastian Rode, Mittelfeldspieler bei Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt, in die Universitätsstadt. Foto: Björn Wisker
Die Vorsitzende des VfL Marburg Ulrike Ristau holt für das „1. Marburger Präventionsgespräch“ unter anderen Sportstar Sebastian Rode, Mittelfeldspieler bei Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt, in die Universitätsstadt.  Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Schreiende Fußball-Eltern, brüllende Fecht-Trainer, keifende Sportler: Ulrike Ristau, Vorsitzende des VfL Marburg hat auf Sportplätzen und in Sporthallen in der Universitätsstadt so ihre Erfahrungen gemacht. „Es heißt immer, gegen so einen rauen Umgang, der zuletzt auch immer wieder schlimm, gewalttätig endet, muss man etwas machen.

Ich will keine Apelle, ich will Aktivitäten“, sagt sie. Nicht zuletzt die zunehmenden Angriffe auf Fußball-Schiedsrichter – im Landkreis war der Calderner Andreas Stey ein Opfer – hätten sie nun zur Organisation der Tagung bewogen. „Respekt ist nichts, was man nur für sich selbst in Anspruch nehmen kann, es ist keine Einbahnstraße.“

Als Strafrechtsanwältin weiß sie, dass Respekt ein Wort ist, das häufig in manchen eher halbseidenen sozialen Kreisen benutzt, vom jeweiligen Gegenüber eingefordert wird. Es ist dann meist nicht die von Aretha Franklin in ihrem Welthit „R.e.s.p.e.c.t“ im Jahr 1967 besungene Variante nach einem Leben auf Augenhöhe und Anerkennung, sondern der gar nicht mal so dezente Hinweis, der selbsterklärten Respektsperson gegenüber besser ängstlich zu sein und sich ihr zu unterwerfen.

Internet macht Menschen zu Rüpeln

Für den hessischen Landespräventionsrat organisiert Ristau nun eine Gesprächsrunde mit Promi-Besetzung – um über Anstand, Sitten und „letztlich den Umgang in unserer Gesellschaft“ zu sprechen, wie sie sagt (siehe untenstehenden Kasten).

Die Sorge und Klage in Marburg wie anderswo ist: Das gute Benehmen geht verloren. „Was wir von anderen erwarten, sind wir offenbar nicht bereit, auch anderen zu geben“, sagt Professor Andreas Beelmann (Uni 
Jena).

Das, was Respekt ausmache – von Umgangsformen bis Haltungsfragen – sei eine soziale Fähigkeit, die ein Mensch „aktiv lernen“ müsse. Von Eltern, Erziehern, dem Bildungssystem. In der Realität sei Respekt aktuell eben doch oft eine Einbahnstraße: Dieser werde von vielen für sich selbst und die eigene Leistung eingefordert, anderen aber eben nicht selbstverständlich entgegengebracht.

Und das Internet mache „Menschen zu Rüpeln“, da Anonymität Gift für Respekt sei, ergänzt Professor Niels Van Quaquebeke (KLU-Hochschule Hamburg).

Doch roh geht es nicht nur online zu, auch offline vermehren sich seit Jahren die Bedrohungen, Beleidigungen und auch Gewalttaten gegenüber einstigen Respektspersonen: Polizisten, Politikern, Lehrern, Fußball-Schiedsrichtern. 38 000 Angriffe auf Polizisten, 700 auf Rettungskräfte und 1 250 Straftaten gegen Politiker – das ist ein Ausschnitt aus dem Jahr 2018, dem aktuellsten bundesweiten Zahlenüberblick.

Und es sind mehr als nur Zahlen: Auch in Marburg berichten Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten, Schiris und Lehrer von immer weniger Rücksichtnahme, von mal verbalen, mal tätlichen Angriffen bei ihrer Arbeit. Sieben Mal wurden vergangenes Jahr Übergriffe gegen Rettungskräfte im Landkreis Marburg-Biedenkopf gemeldet – ein Bruchteil dessen, was real passiert, wie Entscheidungsträger vermuten.

Respekt – es ist ein ebenso großes Wort wie Gefühl. Aber eben auch nur das: ein Gefühl. Psychologen unterscheiden zwei Arten von Respekt: Es gibt den respektvollen Umgang miteinander im Sinne von Achtung.

Die einzige Bedingung dafür ist, dass man einander als gleichwertigen Menschen betrachtet. Das nennen Forscher horizontalen Respekt. Die andere Art – als vertikaler Respekt bezeichnet – bringt man einem Menschen für eine besondere Leistung entgegen, schaut zu ihr auf; in der Schule, im Beruf, in der Kunst, im Sport.

Der Psychologe Tilman Eckloff, Gründer der interdisziplinären „Respect Research Group“ untersucht das Phänomen Respekt. Neurologisch gesehen, komme ein vorauseilender Respekt etwa vor Amt oder Position der Informationsverarbeitung im Gehirn zugute, bei vielen ordne und erleichtere das den Umgang miteinander in Arbeitswelt wie Freizeit.

"Anerkennung muss man sich verdienen"

Die Research Group spricht jedenfalls von einer generationenbedingten Wertesystem-Verschiebung: Während viele Ältere Respekt etwa mit Gehorsam, Höflichkeit und Umgangsformen gleichsetzen, betrachten Jüngere Respekt als etwas, was man sich erst verdienen müsse. „Heute gibt es nur noch wenig durch die Position garantierten Respekt. Anerkennung muss man sich verdienen.“

Der Status schütze nicht mehr, verleihe nicht wie automatisch Autorität und Gefolgschaft. Es lasse sich ein Wertewandel feststellen, wonach der „blinde Gehorsam seltener wird“, statushöhere Personen, Amts- und Würdenträger nicht von vorneherein quasi automatisch Respekt entgegengebracht und garantiert bekommen. „Der Vertrauensvorschuss ist geringer geworden“ – was aber laut Forschern auch Vorteile habe, etwa den Amtsmissbrauch durch Kindermissbrauchs-Pfarrer eindämme oder Rentner vor falschen Polizisten schütze, heißt es von der Forschungsgruppe.

Fazit der Forscher: Solange der Konsens eine menschenwürdige Behandlung sei, wäre der schwindende Amtsrespekt unproblematisch. Zumal Jugendliche genauso wenig den Respekt verloren hätten, wie ihn Ältere einfordern. Der „Schlüssel zum respektvollen Miteinander“ sei der Abbau von Vorurteilen und der Betonung eines gemeinsamen Ziels, das verschiedene Generationen und Gruppen haben – im Alltag wie auf dem Sportplatz. Und genau dafür will Ristau, zumal als Vorsitzende des größten Marburger Sportvereins nun mit dem Präventionsgespräch einen Beitrag leisten.

Promi-Podium

Bei dem am Dienstag, 21. Januar, ab 16.30 Uhr im Cineplex stattfindenden „1. Marburger Sport- und Präventionsgespräch“ diskutieren Eintracht-Frankfurt-Profi 
 Sebastian Rode, der Marburger Staatsanwalt und Schiedsrichter Timo Ide sowie die heimischen Politiker Dr. Stefan Heck (CDU) und Kirsten Dinnebier (SPD). Im Anschluss an die laut Veranstalter rund 90-minütige Diskussion gibt es 
eine Autogrammstunde mit Eintracht-Fußballer Rode, der auch Botschafter des hessischen Präventionsrats ist.

Umfrage

Was bedeutet für Sie Respekt?

Dominic Dehmel, Kommunalpolitiker: Es heißt für mich, Achtung vor dem Gegenüber zu haben und unvoreingenommen zu agieren. Man kann sich immer streiten, ohne sich jedoch persönlich zu verletzen – und selbst dann kann man sich 
entschuldigen. Im kommunalpolitischen Bereich ist wichtig: Wir machen das ehrenamtlich, unentgeltlich in der Freizeit. Man kann immer schimpfen, aber besser ist, man macht selbst etwas – jeder kann ja selbst gewählt werden. Politik braucht Zeit für Kompromisse, deshalb 
dauert alles länger und ist selten eins zu eins umzusetzen.

Andreas Stey, Fußball-Schiedsrichter: Für mich ist es die gegenseitige Wertschätzung und auch die Akzeptanz von Entscheidungen. Egal ob die Entscheidungen – etwa eines Schiris – nun richtig oder falsch sind. Respekt ist die Grundlage aller Dialoge, das macht uns zu Menschen, die miteinander sozial agieren. Ohne das verroht unsere Gesellschaft, die Streitkultur, die in jedem Bereich wichtig ist, geht verloren, da keine konstruktive Kritik geübt wird, sondern es auf Beleidigungen und Schuldzuweisungen hinausläuft. In den sozialen Medien ufert das aus.

Karl-Friedrich Rumpf, Feuerwehrmann: Gerade für meine Tätigkeit bei der Feuerwehr halte ich es für respektvoll, wenn man uns unsere Arbeit machen lässt, sie nicht von Schaulustigen behindert oder man gar angefeindet, angegriffen wird. Das Gegenteil von Respekt ist die Rücksichtslosigkeit und das mangelnde Unrechtsbewusstsein, das heute häufiger vorkommt als in der Vergangenheit. Wenn Menschen ihre Umwelt egal ist, sie zu selbstbewussten Egoisten erzogen sind, sie sich immer im Recht sehen und gar zum sprichwörtlichen Angriff übergehen, stimmt etwas nicht.

von Björn Wisker

 

Standpunkt

Ego-Gehabe

von Björn Wisker

Retter werden attackiert, Schiedsrichter angepöbelt, Politiker bedroht, Autofahrer parken wild, Radfahrer brettern über Gehwege: Respekt vor Mit-Menschen erscheint nicht mehr so wichtig. Hauptsache, jeder kann sich selbst und seine Gefühle ausleben. Es gibt aber Verhaltensweisen, die einfach nicht gehen – und die Grenze beginnt schon weit vor Faustschlägen. Das egoistische „Platz da, hier komm’ ich“-Gehabe, vom Reindrängen in den Stadtbus bis zum Filmen von Unfällen, ist eine Seuche. Dass jeder Mensch Fehler macht – geschenkt, dafür gibt es die Entschuldigung. Doch die Scham, sich wie Sau zu benehmen, bleibt in einer sich immer seltener im Offline-Leben begegnenden Gesellschaft wohl leider immer mehr aus.