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Marburg Phillip Knaack kennt keinen harten Rassismus
Marburg Phillip Knaack kennt keinen harten Rassismus
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13:04 10.06.2020
Phillip Knaack aus Marburg. Quelle: Ina Tannert
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Marburg

Unbeschwert schlendert Phillip Knaack den Steinweg entlang, setzt sich entspannt auf eine Bank am Pferdebrunnen. Passanten laufen vorbei, vor allem junge, die nur flüchtige Blicke in seine Richtung werfen. Mit Menschen in seinem Alter, Mitstudenten, Kumpels hat er nie Probleme, war und ist Rassismus kein Thema, erzählt der 22-Jährige. Anders sehe es bei der Generation 60plus aus. Knaack hat Erfahrungen mit so manchen Klischees und wie die in Gespräche einfließen können: „Wo kommen Sie denn her?“, diese Frage von Fremden kennt er nur allzu gut. Seine Antwort: „Aus Bad Wildungen“. Denn da ist er geboren. Oft folgt die Nachfrage: „Nein, wo kommen sie wirklich her?“ Daran, dass er im Gegensatz zu anderen seine Herkunft erklärt, ist er gewöhnt. „Es ist für viele ein Irrglaube, dass man als Dunkelhäutiger nicht aus Deutschland stammen kann, es gibt immer noch ein bestimmtes Bild vom typischen Deutschen – als dunkelhäutiger Mensch bekommt man das Gefühl, als sei man Bürger zweiter Klasse, nicht Teil der Gesellschaft“.

Blicke, Kommentare und vermeintliches Lob

Rassismus hat er dabei auf der Straße nicht erlebt, dafür im Studentenjob im Einzelhandel. Blicke, Kommentare, auch vermeintliches Lob: „Sie sprechen aber gut Deutsch“, hörte er öfter verwundert von Kunden. Er winkt ab. „Das sind Sprüche, harten Rassismus kenne ich nicht“, sagt er. Die Unterscheidung, eine Abstufung trifft er oft im Gespräch, ganz unbewusst. „Man ist daran gewöhnt, auch wenn das nicht so sein sollte.“ Gegenüber der Intoleranz mancher Menschen entwickelte er eine gewisse Toleranz. Keine Akzeptanz, die Augen verschließt er nicht, „man hört immer, dass es in Deutschland keinen Rassismus gibt, aber das stimmt nicht. Es ist vielleicht nicht so schlimm wie in den USA, aber das macht es nicht besser.“

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Keine Angst vor Übergriffen in Marburg

Sorge vor Anfeindungen, Übergriffen im Alltag hat er keine, erst recht nicht in Marburg, sagt er. Vorsichtig ist er dagegen in sozialen Netzwerken, „Was da für Posts stehen, ist schlimm und ein Riesenproblem – diese Diskussionskultur finde ich furchtbar.“ Er hält sich mit Äußerungen im Internet zurück. Das liege aber weniger daran, dass er auf seinem Profilbild zu erkennen ist, nicht an seiner Hautfarbe, sondern am politischen Engagement. Knaack ist seit Jahren Mitglied der Jungen Union (JU), in den heimischen Stadtverband trat er ein, als er 2016 zum Lehramtsstudium in die Lahnstadt kam, ist heute Stadtvorsitzender der JU Marburg. Als Politiker werde er öfter angegriffen als wegen seiner Hautfarbe, „Politisch aktive Menschen haben es zunehmend schwerer, das Klima ist sehr verroht, vor allem in den Kommentarspalten“, sagt er. Rassistisch wie politisch motiviert – oder beides.

von Ina Tannert

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