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Marburg Diese Menschen prägten das Jahr 2019
Marburg Diese Menschen prägten das Jahr 2019
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11:00 01.01.2020
Rückblick 2019: Das Havanna 8 wurde besetzt und die Weidenhäuser Brücke ohne Radspur. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„Mit 78 Jahren da fängt das Leben an“ – was einst Udo Jürgens so ähnlich in einem seiner bekanntesten Lieder sang, trifft auf die Erlebnisse von Anna Radke zu. Als Anfang des Jahres die mit ihr befreundete algerische Familie aus Cappel um Tarek Ramdani, seine hochschwangere Frau Fatima Abidi und die zwei gemeinsamen Töchter zur Abschiebung in ein Flugzeug gesetzt und vom Piloten beschützt werden, beginnt Radkes zweites Leben.

Sie nimmt die traumatisierte Familie in ihrer Wohnung auf, baut das Apartment um, verhandelt mit Behörden, wirbt um Unterstützer in der Stadt, beantragt das Sorgerecht für Abidi und will einen Asylantrag für das im Frühjahr geborene dritte Kind durchboxen. Immer noch ist unklar, was aus der Familie, den drei in Marburg geborenen Kindern wird.

Auch ein Mann aus dem Hinterland dachte, er tut etwas Gutes – und tappte damit in die Falle, in der zuvor bereits Lokschuppen-Investor Gunter Schneider feststeckte: Der Immobilien-Investor Ulrich Burk wollte in der Eisenstraße 100 Wohnungen bauen und absichtlich auf Einnahmen verzichten, so dass in diesen Apartments Normalverdiener leben können. Soziale Motive? Löblich, aber eben eine Umgehung der geltenden Sozialwohnungs-Quote.

Der Vorwurf: Er habe mit dem ­Magistrat einen krummen Deal ausgehandelt, um für Investoren die Tür für die Umgehung der Sozialwohnungsbau-Pflicht zu öffnen. Letztlich wurde das Vorgehen genehmigt, der Weg für den Bau der Normalverdiener-Nordstadt-Siedlung ist frei.

Marburger Seenotretterin: Ruby Hartbrich

Was Greta Thunberg als Gesicht für die internationale Klimabewegung ist, das ist Lukas Clobes für die Marburger Klimagruppe, die Basis des städtischen „Fridays for future“-Ablegers: Weniger­ mit öffentlichen Auftritten, dafür umso mehr als Regisseur und Organisator dessen, was im Frühsommer passierte: Das Ausrufen des Klimanotstands in der Universitätsstadt.

Wann immer es gilt, die Botschaft der Straße in den politischen Raum zu tragen, war es der Bad Endbacher Jugendpfleger, der bei Kommunalpolitikern für den Schritt warb und auch manchen Skeptiker überzeugte. 
Den Demo-Druck aufrecht hielten Gymnasiasten wie Bosko­ van Andel und Moritz Hupfer, der auch Aktionen der Ortsgruppe „Extinction Rebellion“ unterstützt hat.

Als die Seenotretterin Carola Rackete im Sommer mit ihrem Schiff und Hunderten Flüchtlingen an Bord in Italien festgenommen wurde, protestierten in der Stadt immer wieder Hunderte mit der Initiative „Seebrücke“ – als ein Gesicht für deren Engagement steht die Marburger Seenotretterin, Ärztin Ruby Hartbrich.

Für Hunderte ist sie eine Art Heldin: Bettina Böttcher orchestrierte in den vergangenen Monaten einen anhaltenden Mieterprotest am Richtsberg, wehrte sich mit Stadtteilbewohnern gegen Modernisierungs- und vor allem Mieterhöhungspläne der Wohnungsbaugesellschaft GWH. Die ehemalige UKGM-Betriebsratschefin sorgte in der Folge für die Gründung eines Mieterbeirats.

Detailversessenheit, Neutralität und juristische Akribie

Die SPD-Stadtverordnete wird für ihr Engagement auch parteiintern in den höchsten Tönen gelobt. Apropos SPD: Dass die Sozialdemokratie noch ein Gewinner-Gen in sich trägt, bewies im Spätsommer Landrätin Kirsten Fründt. Mit einem Erdrutschsieg sicherte sie sich im ersten Wahlgang ihre Wiederwahl. Vielen gilt sie als Musterbeispiel einer bürgernahen Kommunalpolitikerin, parteiintern nicht zuletzt als Hoffnungsträgerin mindestens für die Landesebene.

Der aufsehenerregendste Gerichtsprozess seit Jahren und gleichsam der längste in der jüngeren Justiz-Geschichte Marburgs hatte zwei Hauptakteure: Die wegen versuchten Mordes an Frühchen zu lebenslanger Haftstrafe verurteilte Elena W. und Landgerichtspräsident Dr. Frank Oehm.

Der Vorsitzende Richter bestach in den Monaten der Verhandlung mit Detailversessenheit, Neutralität und juristischer Akribie, so dass es die von der Verteidigung eingelegte Revision vor dem Bundesgerichtshof schwer haben dürfte. Die UKGM-Betriebsratsmitglieder in Marburg und Gießen samt der Jugendauszubildendenvertretung um Mark Müller haben sich angesichts der Personal- und Arbeitsprobleme mit der Klinikspitze angelegt: Es herrsche ein Pflegenotstand – was die Klinik so bestreitet.

Es war seitens der Gewerkschafter wohl der letzte Zeitpunkt, um den sogenannten Fall eines „Change-of-Control“ heraufzubeschwören – die Hoffnung also, dass die Politik die Privatisierung der Krankenhäuser zurückdreht, der Staat die Kliniken zurückkauft.

Wie und wie schnell wird der Flächenmangel gelöst?

Das Fehlen von Radwegen auf der Weidenhäuser Brücke, der weiterhin zu knapp bemessene Platz für Radfahrer in der Stadt stört die Bürgerinitiative Verkehrswende rund um Dr. Ulrich Schu. Er organisierte eine stadtweite Radverkehrs-Zählung, die auch der Stadtverwaltung als eine ­Basis für weiteren Radweg-Ausbau dienen soll.

Alleine die Stellung eines Oberbürgermeisters, eines Bürgermeisters und einer Stadträtin sorgen dafür, dass diese ­eine Stadt, ein Jahr prägen. Was bleibt etwas mehr als ein Jahr vor der Kommunal- und OB-Wahl in ­
Erinnerung? Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) steckt wegen der möglichen Afföller-Privatisierung im Schlamassel: Erst gab es wegen der Privatisierungspläne Kritik von Aktivisten, nun nach dem Rückzug der Pohl-nahen Firma MPG ist die DVAG-Spitze verstimmt.

Stadträtin Kirsten Dinnebier (SPD) musste im Herbst das ­beschädigte Aquamar schließen und wird für ihr Krisenmanagement gelobt. Im Kinderbetreuungsbereich scheint sich die Lage nach dem Platz- und Personalausbau zu entspannen. Problematischer ist für sie die Sporthallen-Krise: Wie und wie schnell wird der akute Flächenmangel gelöst?

OB Dr. Thomas Spies (SPD) hat unterdessen das Klima als sein – auch im Hinblick auf eine Wiederwahl im März 2021 – wesentliches Thema entdeckt. Das Stadtoberhaupt besuchte jede „Fridays-for-future“-Demo, suchte die Nähe zu den Schülern und Studenten, brachte den Klimanotstand in der ZIMT-Regierung durch. Spies will in Marburg beweisen, dass Klimaschutz und Sozialpolitik zusammenzubringen sind. 

von Björn Wisker