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Marburg Parlament will Aus für Rüstungsforschung
Marburg Parlament will Aus für Rüstungsforschung
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19:56 06.09.2019
Dass an der Philipps-Universität erneut für Militärzwecke geforscht worden ist, zieht die Kritik des Stadtparlaments nach sich. Quelle: Jacob Milham/US Navy/dpa
Marburg

Die Universität solle sich „im Sinne von Frieden und Abrüstung dazu verpflichten, ausschließlich Forschung zu zivilen und friedlichen Zwecken zu betreiben“, sagt Linken-Fraktionschefin Renate Bastian. Ein Appell, der von der Stadtparlaments-Mehrheit nun offiziell an die Uni-Leitung gerichtet worden ist. Die vom Land Hessen verursachte Unterfinanzierung der Hochschulen dürfe­ laut Bastian nicht als Ausrede dafür gelten, „in letzter Konsequenz einen Beitrag zum effizienten Töten in Kriegen zu leisten“.

Bei dem zwischen 2015 und 2017 mit 275.000 Euro vom US-Pentagon geförderten Projekt „(Bri) Development And Experimental­ Realization Of Semiconductor Lasers Under Non-Equilibrium Operating Conditions“ geht es laut Uni-Leitung um Grundlagenforschung zu Halbleiterstrukturen. An der Philipps-Uni wurden „auf der Grundlage theoretischer Modellierungen“ aus einem Partner-Forschungszentrum im US-amerikanischen Tucson Halbleiterstrukturen hergestellt. Und zwar mit der Fragestellung, wie kurz Halbleiter-Laser gepulst werden können.

Hussein: "Konsequent umsetzen"

Bereits im ­Dezember 2013 wurde ein vom US-Verteidigungsministerium mit 65.000 Euro finanziertes Forschungsprojekt in Marburg bekannt: Der Biologie-Professor Uwe Homberg führte zwischen 2010 und 2011 Untersuchungen durch, welche Rückschlüsse von der nächtlichen Flugfähigkeit von Heuschrecken auf das nächtliche Flugverhalten von unbemannten Drohnen gezogen werden sollte.

„Wenn man sich eine interne Selbstverpflichtung auferlegt und das ernst meint, dann muss man diese auch konsequent umzusetzen“, sagt Shaker Hussein (SPD) mit Verweis auf die „intentionsleitende Richtlinien“, die der Uni-Senat im Nachgang des Vorfalls statt einer harten Zivilklausel verabschiedete.

Kritik kommt auch vom Asta

Kritik etwa von Dr. Michael­ Weber (Piraten), wonach bei Drittmitteln die Motivlage des Förderers nicht immer klar sei und Forschungsergebnisse auch missbraucht werden könnten,­ wies Hussein zurück: Wenn das Geld vom Pentagon, also dem US-Verteidigungsministerium komme, „dann weiß jeder Wissenschaftler doch ziemlich genau, was letztlich damit bezweckt wird“, sagt Hussein. Denn laut US-Projektbeschreibungen gehe es bei der Drittmittelvergabe um Grundlagenforschung, „die mit der Verbesserung von Armeeprogrammen oder -operationen zusammenhängt oder ein Potenzial dazu hat“.

Zuletzt kritisierte bereits der Asta den nächsten Fall von Rüstungsforschung. „Die Universität ist mehr als nur eine bloße Ausbildungsstätte. Sie dient der Gesellschaft in der Pflege und Entwicklung der Wissenschaft durch Forschung, Lehre und Studium sowie durch Vermittlung wissenschaftsbezogener Berufsqualifikation“, hieß es. Die Uni sei „aktiver Mitgestalter von gesellschaftlichen Impulsen und Normvorstellungen zu den Themengebieten Krieg und Militär“ – und trage in diesem Sinne Verantwortung. Aus diesem Grund müsse sie eine echte Zivilklausel – also das Verbot von Militärforschung an allen Fachbereichen, das Studenten seit Jahren fordern – einführen.

von Björn Wisker