Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Wir dürfen jetzt nicht aufgeben“
Marburg „Wir dürfen jetzt nicht aufgeben“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 07.04.2021
Dr. Andreas Jerrentrup ist Leiter der Zentralen Notaufnahme des Universitätsklinikums.
Dr. Andreas Jerrentrup ist Leiter der Zentralen Notaufnahme des Universitätsklinikums. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Dr. Andreas Jerrentrup ist Chefarzt der Notfallmedizin am Marburger Uni-Klinikum und in aktueller Funktion einer der sieben Koordinatoren für die stationäre Covid-Versorgung in Hessen. In unserem Interview spricht er über die aktuelle Corona-Situation, die Aussichten, über Impfungen und sogenannte Querdenker.

Herr Dr. Jerrentrup, wie ist die derzeitige Situation auf der Intensivstation des Uni-Klinikums?

Dr. Andreas Jerrentrup: Sagen wir, momentan ist sie noch stabil. Wir haben einige ernsthaft kranke Patienten, davon wird der größte Teil intubiert beatmet. Aber wir haben weniger Patienten als wir zu Hochzeiten hatten – da hatten wir über 20 Patienten auf den Intensivstationen. Das wird dann schwierig, weil es notwendig ist, andere Intensivbehandlungen zu reduzieren, die man planen kann, etwa nach Operationen.

Ich befürchte aber, dass sich die Situation in absehbarer Zeit verschlechtert, weil die Inzidenzzahlen im Kreis hochgegangen sind – das muss man ganz klar sagen. Die Zahl der aktuell Infizierten liegt bei weit über 700 Personen. Das ist schon etwas bedrohlich. Es wird einige Zeit dauern, bis sich das auf der Station durchschlägt, weil die Patienten gegebenenfalls zunächst krankenhauspflichtig werden und dann zehn Tage später eventuell intensivpflichtig. Es gibt also einen gewaltigen zeitlichen Vorlauf von sicher 20 Tagen, wenn die Inzidenzen hochgehen. Aber man muss mit diesen hohen Infiziertenzahlen befürchten, dass es in einiger Zeit wieder zu mehr Intensivfällen kommt, auch wenn wir jetzt schon deutlich den Erfolg der Impfungen sehen.

Wir haben praktisch keine Patienten aus Altenheimen mehr. Das war ja unser ganz großes Problem in der zweiten Welle, das auch die hohe Sterblichkeit mit sich brachte. Die Impfungen zeigen also jetzt schon – obwohl erst knapp elf Prozent der Bevölkerung die erste Impfdosis bekommen haben – durchschlagende Erfolge. Das ist wirklich enorm.

Welche Rolle spielt die „britische Variante“ des Coronavirus im Geschehen?

Diese ist bei uns in ganz Hessen die zentrale Variante. Mehr als 70 Prozent aller Infizierten tragen diese Mutation.

Wir sehen mehr jüngere Patienten, das Alter hat sich deutlich nach unten bewegt. Das hat wahrscheinlich zwei Gründe: Zum einen sind die Altenheime wirklich sehr gut durchgeimpft, im Landkreis alle. Der andere Grund ist die „britische Mutation“ des Virus, die noch aggressiver ist und zu einer stärkeren Erkrankung führt.

Wie gestaltet sich momentan der Arbeitsalltag der Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte auf der Intensivstation?

Dadurch, dass wir weniger Patienten auf der Intensivstation haben, hat sie sich ein bisschen entspannt. Aber die zweite Welle war natürlich sehr anstrengend für das Personal. Wir haben die Befürchtung, dass sich die Situation ein drittes Mal dahin entwickelt, wenn es nicht gelingt, die dritte Welle jetzt zu glätten. Dann gerät das Personal noch einmal massiv an die Belastungsgrenze. In der zweiten Welle war das schon schwer. Und wir müssen wirklich alles dafür tun, dass wir die dritte Welle abflachen, sonst wird das ganz schlimm für alle – und davor warnen ja sehr viele Notfall- und Intensivmediziner.

Dritte Welle könnte die schlimmste werden

Wenn man sie jetzt nicht einfängt, wird die dritte Welle die bedrohlichste. Es ist verständlich, dass viele sich danach sehnen, wieder anders zu leben. Das geht uns allen so. Reisen, Restaurant- oder Kinobesuche fehlen natürlich jedem. Aber wir haben die Sorge, dass die Bevölkerung die Situation aus diesem Frust heraus etwas lockerer sieht. Ich bin auch nicht ganz glücklich über das Hin und Her der Verordnungen – da blickt ja irgendwann niemand mehr durch. Aber man braucht jetzt nochmal eine vernünftige Disziplin, damit die Zahlen nicht weiter steigen. Das ist noch ein letztes Mal notwendig, bis die Impfungen durch sind und uns schützen.

Also ist Ihre Empfehlung ein harter Lockdown?

Ein härterer Lockdown als bislang, nochmal für eine kurze Zeit, definitiv. Und im April steigt die Zahl der Impfdosen erfreulich an. Es dauert dann noch eine Zeit, bis die Leute Immunität aufgebaut haben. Aber aus medizinischer Sicht wäre ein kürzerer, härterer Lockdown sinnvoll, um die Zahlen runterzukriegen und dann mit den Impfungen einen Schutz zu haben, sodass man vernünftig öffnen kann und das Gesundheitssystem dadurch nicht überlastet wird.

Sind die Impfungen das Licht am Horizont?

Absolut. In Deutschland wird ja immer viel schlechtgeredet. Ich sehe die Lage jedoch gar nicht so dramatisch, was die Impfungen angeht. Es war klar, dass es eine Durststrecke gibt. Aber genauso klar ist, dass die Zahl der Impfdosen ab der zweiten Aprilwoche nach allem, was wir wissen, massiv hochlaufen wird. Und dass das Impftempo sich stark beschleunigen wird. Und ich glaube, in einigen Wochen stehen wir schon ganz gut da. Dazu trägt gerade das Biontech-Werk in Marburg bei, das ja am Freitag endgültig zertifiziert wurde. Man kann die Dosen, die dort vorproduziert wurden, alle verwenden und weitere Impfdosen in hoher Schlagzahl produzieren. Dieses Werk wird ziemlich entscheidend sein für die Bewältigung der Corona-Lage.

Situation wird sich im Herbst normalisieren

Es gibt definitiv Licht am Horizont. Und es wird umso heller und ist schneller zu erreichen, je besser wir jetzt nochmal die Zahlen durch Kontaktvermeidung runterkriegen. Dann kommen wir einigermaßen gut durch die Krise.

Es gibt immer noch Leute, die nicht an die Pandemie glauben und die Vorkehrungen für übertrieben halten, einige vermuten sogar eine Verschwörung. Was macht das mit den Menschen, die auf der Intensivstation arbeiten?

Das ist schon skurril. Für uns als Ärzte bewegen sich diese Leute außerhalb der Realität. Sie scheinen den Bezug zur Realität verloren zu haben – wir sehen ja täglich die Schwerkranken. Und wir sehen auch zunehmend die Folgen leichter Corona-Erkrankungen. Also Menschen, die zwar nicht ins Krankenhaus gekommen sind, aber Wochen und Monate massive Probleme und überhaupt keine Leistungsfähigkeit mehr haben – das ist sehr ausgeprägt bei dieser Erkrankung. Das trifft Frauen mehr als Männer und ist eine dramatische Einschränkung im Leben dieser Patienten. Und schwere Erkrankungen sind ja ohnehin dramatisch. Wer in der Notaufnahme, auf der Intensivstation oder im Rettungsdienst arbeitet, hat natürlich diese Patienten gesehen und miterlebt, wie schlecht es diesen Menschen geht. Von daher lässt sich nicht nachvollziehen, warum manche Menschen das leugnen. Vermutlich sind das diejenigen, die einerseits überhaupt keinen Kontakt zu Gesundheitsdiensten haben und andererseits unter den Einschränkungen leiden, die diese Pandemie mit sich bringt. Ich glaube, sie wünschen sich mehr oder weniger eine andere Realität. Aber man muss gerade in solchen Situationen mit der Wirklichkeit klarkommen.

Wie wird sich die Pandemie weiterentwickeln?

Corona wird uns noch viele Jahre beschäftigen oder sogar dauerhaft. Wie uns die Grippe dauerhaft beschäftigt – aber diese ist ja ein Bestandteil des Lebens geworden. Jedes Jahr von Ende Dezember bis Ende März haben wir eine Influenza-Welle, ausgenommen dieses Jahr. Woran man – das in Richtung Querdenker – auch sieht, wie gut die Hygieneregeln funktionieren. Wir haben bislang keinen einzigen Patienten mit Influenza aufgenommen. Normalerweise haben wir deutlich über 200.

Leider überträgt sich Corona leichter als Influenza, aber ohne Schutzmaßnahmen wäre die Situation völlig in die Katastrophe entglitten. Im Herbst wird sich die Lage normalisieren. Wir dürfen jetzt nicht aufgeben.

Von Markus Engelhardt

Marburg Grüner Politikwissenschaftler - Auf das Verhandlungsklima kommt es an
18:00 Uhr
16:27 Uhr
12:22 Uhr