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Marburg „Die Ukrainer kämpfen bis zuletzt“
Marburg „Die Ukrainer kämpfen bis zuletzt“
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12:00 29.03.2022
Unbeugsam: Menschen wie den alten Wanja hat Alexander Kaschte in der Ukraine kennengelernt. Ähnlich wie jene Ukrainer, die verbotenerweise in der Sperrzone von Tschernobyl leben, schätzt der Marburger die gesamte Bevölkerung ein.
Unbeugsam: Menschen wie den alten Wanja hat Alexander Kaschte in der Ukraine kennengelernt. Ähnlich wie jene Ukrainer, die verbotenerweise in der Sperrzone von Tschernobyl leben, schätzt der Marburger die gesamte Bevölkerung ein. Quelle: Alexander Kaschte
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„Die Ukrainer werden nicht aufgeben, sondern kämpfen bis zuletzt – bis zum letzten Mann oder zur letzten Frau.“ Alexander Kaschte klingt sehr überzeugt, als er das sagt. Für ihn steht fest: Eine Kapitulation der Ukraine wird den seit Wochen tobenden Angriffskrieg des russischen Staatschefs Wladimir Putin nicht beenden.

Kaschte weiß, wovon er spricht: Der 44-jährige Musiker, dessen Band „Samsas Traum“ seit Jahren eine feste Größe in der deutschen Metal- und Gothic-Szene ist, hat die Ukraine mehrfach bereist und dabei Land und Leute kennengelernt. In einem Bildband hat der Marburger vor allem seine Erlebnisse in Tschernobyl festgehalten, jener Stadt also, die nicht nur wegen des Reaktorunglücks 1986, sondern seit Kurzem auch als Kriegsschauplatz traurige Berühmtheit erlangt hat.

Ein Dutzend Mal ist Kaschte in die Ukraine gereist. Manchmal für zwei Tage, um ein „Kiss“-Konzert zu besuchen, einmal sogar für einen ganzen Monat. „Damals haben wir praktisch für vier Wochen dort gelebt, unsere ältere Tochter hat einen ukrainischen Kindergarten besucht“, blickt er zurück. Der Marburger Musiker hat Freundschaften in der Ukraine geknüpft, hält engen Kontakt zu seinen Bekannten dort, und daher beschäftigen ihn die aktuellen Schlagzeilen ganz besonders.

Vor allem die Hauptstadt Kiew hat es ihm angetan, er nennt sie „meine absolute Lieblingsstadt“ und erinnert sich gern an eine lebendige Metropole, in der Gastfreundschaft großgeschrieben wurde. „Kiew war wunderschön und voller Lebensfreude“, sagt Kaschte. Aktuelle Filmaufnahmen zeigen zerbombte Gebäude, schwelende Trümmer und Menschen auf der Flucht: „Es ist zum Heulen.“

Aufmerksam beobachten Alexander Kaschte und seine russische Frau Anastasia das Geschehen in der Ukraine. Quelle: Privatfoto

Wenn er sich die Nachrichten im Fernsehen anschaue, seien dort Fenster und Balkone zu sehen, an denen er selbst bereits gestanden habe.

Er denkt zurück an nächtelange Diskussionen auf dem Bordstein, an offene Menschen, die von Fremden zu Freunden wurden. Und ist nicht nur in Gedanken bei ihnen, sondern tauscht sich täglich mit ihnen aus.

„Ich bekomme die aktuellen Nachrichten aus der Ukraine aus erster Hand“, meint Alexander Kaschte. „Und habe Angst, dass meinen Freunden etwas passiert.“ Da ist zum Beispiel Andrej, der dem Marburger schon oft als Fahrer und Übersetzer zur Seite gestanden hat. „Er ist mit seiner Freundin aus Kiew geflüchtet, aber seine Eltern wollten unbedingt dort bleiben“, berichtet Kaschte. „Nun macht er sich große Vorwürfe, dass er sie nicht deutlicher überredet hat, mit ihm mitzukommen.“

Junge sind pro-westlich, Alte eher konservativ

Da ist der Feuerwehrmann aus Tschernihiw, knappe zwei Autostunden nordöstlich von Kiew gelegen. Der Mann habe bereits einiges erlebt: So habe die Geburt seiner Tochter vor 37 Jahren verhindert, dass er im verstrahlten Tschernobyl im Einsatz war. „Nun ist sie mit ihrem Mann und ihrer Mutter in die Karpaten geflüchtet, mein Freund selbst ist zurückgeblieben, um mit seinem Wissen zu helfen“, erklärt Alexander Kaschte. Die Angehörigen hielten Kontakt per Funk und seien in großer Sorge um ihr Familienoberhaupt, das ohne Strom und Wasser zurechtkommen müsse.

Da ist die Familie in Kiew, die ihre Tochter nach Polen geschickt hat, weil diese die Hauptverdienerin ist. „Sie ist Programmiererin bei einer großen Software-Firma und kann von überall arbeiten“, meint der 44-Jährige. „Sie ernährt ihre Familie und macht sich nun Gedanken darüber, wie es ihr in der Hauptstadt geht.“

Die Menschen in der Ukraine haben seiner Einschätzung nach eine klare Haltung: „Das ist unsere Stadt, das ist unser Land – wir kämpfen erst gegen die Russen und bauen danach alles wieder auf.“ Diese habe ihre Wurzeln in einem „folkloristischen Patriotismus“: „Anders als bei uns mit unserer Geschichte hat dieser in der Ukraine keinen schlechten Beigeschmack“, führt Kaschte aus.

Krieg könnte in Ukraine der Start eines Volksmythos sein

Das Land habe mehrere Revolutionen erlebt und sei auf der Suche nach seiner „großen nationalen Erzählung“. „Putins Angriffskrieg könnte die Geburtsstunde dieses Volksmythos sein“, meint der Marburger Musiker.

Während die jüngeren Menschen in der Ukraine eher pro-westlich eingestellt seien, hätten viele Ältere eine mehr wertkonservative Grundhaltung, mitunter versehen mit pro-russischen Stammtischparolen, berichtet Kaschte aus seinen Reiseerfahrungen. „Der Krieg hat sie nun aber eines Besseren belehrt“, sagt er, „das erfahre ich von meinen Kontakten jeden Tag.“

Im Hause Kaschte wird der Krieg in der Ukraine auch deshalb diskutiert, weil seine Frau Anastasia aus Russland stammt. „Das ist ihre Heimat und ihre Eltern leben dort“, sagt der 44-Jährige. „Obwohl sie klar aufseiten der Ukraine steht, sieht sie auch die Nato und die Vereinigten Staaten durchaus kritisch.“

Er selbst hoffe auf eine Palastrevolution im Kreml, sodass Putin mit Gewalt abgesetzt werde, stellt er klar. „Der Mann hat meine Lieblingsstadt zerstört und sein fragwürdiges Menschenbild offenbart“, sagt Kaschte. Unter der Hand sei in Russland deutlich, dass sehr viele Menschen dort gegen den Krieg seien.

Er spreche sich für sehr kurze und ultraharte Sanktionen gegen Russland aus: „Das ist besser als ein monatelanges Dahinsiechen, das letztlich nur die Zivilbevölkerung trifft und diese gegen den Westen aufbringt.“ Um den kriegerischen Konflikt zu beenden und der Ukraine den Frieden zurückzubringen, gebe es ohnehin nur eine einzige Lösung: „Putin muss weg.“

Von Markus Engelhardt