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Marburg Neues Leben ohne Korken im Hals
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15:58 14.04.2021
Übernachtung im Schlaflabor: Im Uni-Klinikum auf den Marburger Lahnbergen wurde Sascha Christs Diagnose Schlafapnoe gestellt. Für die Untersuchungen war er verkabelt.
Übernachtung im Schlaflabor: Im Uni-Klinikum auf den Marburger Lahnbergen wurde Sascha Christs Diagnose Schlafapnoe gestellt. Für die Untersuchungen war er verkabelt. Quelle: Sascha Christ
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Wer Sascha Christ kennt – und das gilt im Landkreis für alle, die in den vergangenen Jahren die Biedenkopfer Schlossfestspiele oder ein Konzert seiner Band „Oh, Alaska“ besucht haben –, weiß, dass der 43-jährige Schlagzeuger ein sehr aktiver und sportlicher Mensch ist. „Eigentlich gehöre ich gar nicht der typischen Risikogruppe an“, sagt er. Und doch hat der Musiker vor etwas mehr als drei Jahren eine Diagnose bekommen, die sein Leben verändert hat: Schlafapnoe. Und die ist nicht zu unterschätzen.

„Man kann auf jeden Fall sagen, dass Schlafapnoe eine verkannte Volkskrankheit ist“, bestätigt Professor Ulrich Koehler, Oberarzt und Leiter des Schlaflabors am Marburger Uni-Klinikum. Dort bekam Christ eine Antwort darauf, was die Ursache der vielfältigen Beschwerden war, die ihn lange quälten.

Übernachtung im Schlaflabor: Im Uni-Klinikum auf den Marburger Lahnbergen wurde Sascha Christs Diagnose Schlafapnoe gestellt. Für die Untersuchungen und beim Schlafen muss er eine Maske tragen. Quelle: Sascha Christ

„Nachdem mir schon seit einigen Jahren Menschen gesagt haben, dass ich nachts klinge, als würde ich gerade sterben, dass ich heftig schnarche und aufhöre zu atmen, beschloss ich, mir endlich mal einen Termin im Schlaflabor zu besorgen, um der Sache auf den Grund zu gehen“, erinnert er sich und schildert weitere Symptome: „Ich habe gemerkt, dass ich tagsüber oft müde war, mich schlechter konzentrieren konnte, manchmal depressive Phasen hatte, Panikattacken gab’s auch hin und wieder und sogar Sekundenschlaf beim Autofahren.“

Schlaflabor nach dem Halbmarathon

Und so suchte der Drummer wenige Monate nach seinem ersten Halbmarathon das Schlaflabor auf. Als einer von 2.500 ambulanten Patientinnen und Patienten im Jahr, wie dessen Leiter berichtet: „Nicht alle Menschen, die schnarchen, leiden unter einer Schlafapnoe – aber es gibt gewisse Symptome, die diesen Verdacht zulassen, dem man dann nachgehen sollte.“ 50 bis 60 Prozent der Patienten leiden laut Koehler beispielsweise unter Tagesmüdigkeit, wie Christ sie schildert.

Verständlich, wenn man sich vor Augen führt, was nächtliche Atempausen mit dem Körper anstellen: „Jedes Mal wird ein Impuls ans Gehirn geschickt, was dafür sorgt, dass Stresshormone ausgeschüttet werden – und wir reden über bis zu 300 bis 500 Atempausen pro Nacht“, sagt der Experte. Zu den Folgen einer Schlafapnoe gehören ihm zufolge unter anderem Depressionen, Bluthochdruck und Herzkrankheiten.

Diagnose nach vielen Untersuchungen

„Wenn man sich mal vorstellt, was für ein unfassbarer Stress das für den Organismus ist, verwundert es schon sehr, dass der Körper das überhaupt so lange mitmacht“, sagt Sascha Christ, der froh sei, die Fachleute im Klinikum aufgesucht zu haben.

Die Diagnose erfolgte nach umfangreichen Untersuchungen: „Bevor man im Schlaflabor schlafen geht, wird man komplett verkabelt“, führt er aus. „Es werden die Hirnströme gemessen, man bekommt einen Schlauch in die Nase, mit dem die Atembewegungen registriert werden. Puls, Sauerstoffsättigung und einige andere Sachen werden gemessen. Außerdem wird man mit einer Nachtsichtkamera gefilmt, damit man auch die Schlafbewegungen beobachten kann.“

Schwergradige obstruktive Schlafapnoe ist Ursache

Wenige Tage später wusste er, dass eine schwergradige obstruktive Schlafapnoe die Ursache seiner Probleme war. Eine zweite Übernachtung auf den Lahnbergen stand an – diesmal angeschlossen an ein Gerät, das durch Überdruck Luft in den Rachen pumpt. „Damit sollten meine oberen Atemwege offen gehalten werden, damit ich auch im Schlaf atmen kann“, erläutert Christ. „An dem Gerät hängt ein langer Schlauch und daran eine Maske.“

Übernachtung im Schlaflabor: Im Uni-Klinikum auf den Marburger Lahnbergen wurde Sascha Christs Diagnose Schlafapnoe gestellt. Für die Untersuchungen und beim Schlafen muss er eine Maske tragen. Quelle: Sascha Christ

Gerät und Maske wurden seine ständigen nächtlichen Begleiter, also die Therapiemöglichkeit, die seinen Schlaf verbessern und ihm dadurch helfen sollte. „Ich habe mir an diesem Abend fest vorgenommen, dass ich das Ding erst einmal akzeptieren und jede Nacht tragen werde, komme was wolle“, stellt er klar, beschreibt Optik und Akustik der Maske allerdings als „eine Mischung aus Tom Cruise in ,Top Gun‘ und Benjamin Blümchen, aber mit dem Sound von Darth Vader“.

Nur noch wenige Symptome

Aber: „Es hilft! Viele Symptome der Schlafapnoe sind langsam, aber sicher verschwunden“, schildert der Musiker die Wirkung des Geräts. „Ich habe mich insgesamt sehr schnell fitter, wacher und viel besser gefühlt.“

Und doch gefiel ihm der Gedanke, bis an sein Lebensende auf die Maske angewiesen zu sein, nicht so recht. Also fing er an, nach anderen Therapien zu recherchieren – und wurde fündig: „Kieferprotrusionsschienen, Zungenschrittmacher, Operationen, bei denen das Zäpfchen, die Mandeln, der komplette Gaumen oder die Nase operiert werden“, zählt er einige auf.

Eine aufwendige Prozedur

Eine Operationsmethode schien erfolgversprechend, und so führte ihn sein Weg in eine Privatklinik, in der ihm die Methode namens „Bimaxilläre Umstellungsosteotomie mit Rotation gegen den Uhrzeigersinn“ vorgestellt wurde.

Seine Schilderung des geplanten Operationsvorgangs ist nichts für schwache Nerven: „Zunächst mal werden beide Kiefer abgetrennt und ein ganzes Stück nach vorne gebracht, dabei gegen den Uhrzeigersinn rotiert und dann mit einigen Platten wieder festgeschraubt.“ Erhofftes Ergebnis dieser aufwendigen Prozedur: „Dadurch vergrößern sich die oberen Atemwege massiv und man kann nachts wieder atmen.“

Eingriff kostet 55.000 Euro ohne Nachbehandlung

Denn das war das Problem des aktiven Freizeitsportlers, der das exakte Gegenteil jener fettleibigen Risikopatienten ist, die Professor Koehler als klassische Schlafapnoe-Kandidaten bezeichnet: „Wenn die Kiefer zu klein oder zu wenig nach vorn gewachsen sind, hat man leider dadurch auch sehr enge obere Atemwege“, sagt Sascha Christ. „Dann kommt auch noch der Zungengrund ins Spiel, ein sehr großer, dicker Muskel, der am Unterkiefer festhängt – je weiter der Kiefer hinten sitzt, desto enger wird es also im Rachen. Im Schlaf erschlafft dann auch noch die Muskulatur, fällt zusammen und somit ist dann alles dicht.“

Nicht nur der für Laien relativ brutal klingende Eingriff war der Grund für ihn, der Klinik abzusagen, sondern auch die Kosten von 55.000 Euro plus Nachbehandlung.

Eingriff dauerte mehrere Stunden

„In einem Forum las ich dann den Post eines Mannes, der 2019 in der Berliner Charité operiert wurde und seitdem geheilt ist“, erinnert er sich. Dessen Operation und Heilung seien vom Fernsehsender RBB dokumentiert worden: „Die Bilder des Eingriffs sind echt heftig, es ist ein ziemliches Massaker.“ Aber die Wandlung dieses Patienten habe ihn davon überzeugt, Professor Max Heiland von der Charité anzuschreiben. Die Untersuchungen in Berlin seien umfangreich und sehr kompetent abgelaufen. Zwar wurde der ursprüngliche Termin wegen der Corona-Pandemie verschoben, aber im März war es soweit: Die große Operation stand an.

An den Eingriff, der mehrere Stunden dauerte, kann er sich natürlich nicht erinnern: „Der Anästhesist meinte, jetzt könnte es etwas warm werden im Arm – und zack war es halb fünf nachmittags und ich lag im Aufwachraum.“ Sofort habe er gemerkt, dass er tiefer Luft holen konnte als zuvor. Und sein Zimmernachbar habe ihm bestätigt, dass er nicht geschnarcht habe.

Schlafapnoe

Das Schlafapnoe-Syndrom (SAS) ist ein Beschwerdebild, das durch periodische Atemstillstände während des Schlafs verursacht wird. Die Atemstillstände führen zu einer verringerten Sauerstoffversorgung und einem Anstieg des Kohlendioxidgehalts des Blutes. In deren Folge kommt es zur wiederholten Ausschüttung von Stresshormonen. Dadurch wird die Erholungs- und Regenerationsfunktion des Nachtschlafes teils erheblich ­gemindert.

Es folgten Schwellungen und Schmerzen, Nase, Kiefer- und Nebenhöhlen füllten sich mit Blut – die angekündigten Begleiterscheinungen, die allesamt vorübergehend waren. Die vollständige Genesung wird noch dauern: „Ich werde voraussichtlich erst in einigen Wochen wieder feste Nahrung zu mir nehmen können“, sagt der 43-Jährige. Kein Wunder: Unter anderem wurden Gummiringe an Schienen mit Haken, die in die Kiefer geschraubt wurden, eingespannt. In drei bis sechs Monaten wird das Ergebnis noch einmal im Schlaflabor überprüft.

„Ich habe sechs Kilo abgenommen“, berichtet Sascha Christ von einer weiteren Folge der ersten Operation seines Lebens. Er schwärmt vom neuen Lebensgefühl: „Derzeit ruhe ich viel, gehe spazieren und genieße jeden tiefen Atemzug“, sagt er. „Als hätte man den Korken aus meinem Hals gezogen, der da mein ganzes Leben lang drin war.“

Von Markus Engelhardt

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