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Marburg „Marburger Monuments Men“ im Fokus von Ausstellung
Marburg „Marburger Monuments Men“ im Fokus von Ausstellung
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16:00 20.04.2021
Das Staatsarchiv als „Central Collecting Point“: Skulpturen und Gemälde wurden direkt vor dem Haupteingang entladen.
Das Staatsarchiv als „Central Collecting Point“: Skulpturen und Gemälde wurden direkt vor dem Haupteingang entladen. Quelle: Foto: DDK Bildarchiv Foto Marburg
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Marburg

“Off limits for all unauthorized personnel – Zutritt fuer Unbefugte verboten“: Dieses Verbotsschild aus Holz prangte ab dem 8. Mai 1945 an der Pforte des Hessischen Staatsarchivs am Friedrichsplatz. Es wies auf die neue Nutzung des Archivs durch die US-Besatzungstruppen hin. Nur wenige Wochen nach der Besetzung der Stadt durch die US-Amerikaner kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde hier ein „Central Collecting Point“ eingerichtet. Bis zum August 1946 wurden hier Kunstschätze, unter anderem Gemälde und Skulpturen von internationalem Rang, gesammelt und erfasst.

In dem auf einem Erinnerungsbuch basierenden Hollywood-Film „Monuments Men“ (2014) unter der Regie von George Clooney standen die Experten der Einheit „Monuments, Fine Arts and Archives Section“ als ungewöhnliche Helden im Mittelpunkt eines abendfüllenden Spielfilms mit dem Einsatzbefehl, kurz vor Kriegsende die Zerstörung von Kunstschätzen durch die Nationalsozialisten zu verhindern und sich auf die Suche nach NS-Raubgut zu begeben. Die Sicherung, Bestandsaufnahme und die Rückführung des infolge des Zweiten Weltkriegs auf eine Vielzahl von Ausweichlagern verstreuten Kulturguts aus Museen, Archiven, Bibliotheken sowie aus deutschen Besatzungs- und Kriegsgebieten war im Fokus der Arbeiten der „Monuments Men“.

Auf die Spur dieser amerikanischen Kunstschutz-Offiziere begab sich jetzt der Marburger Kunsthistoriker Marco Rasch, der federführend eine Ausstellung erarbeitet hat, die im Staatsarchiv aufgebaut ist. Zum 75. Jahrestag der Auflösung des im Marburger Staatsarchivs eingerichteten „Central Collecting Point“ erinnert die Ausstellung ab Mittwoch im Archiv am Friedrichsplatz an die Zeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Das erst 1938 neu eröffnete Gebäude war zwischenzeitlich kriegsbedingt schon wieder weitgehend leer geräumt und wurde Teil einer bis dahin noch nicht erprobten Unternehmung der amerikanischen Besatzung zur Sicherung von Kulturgütern.

Zu den „Monuments Men“ zählten auch die beiden Kunstschutz-Offiziere Walker Hancock (der Bildhauer wurde im Film unter dem Namen Garfield durch John Goodman dargestellt) und George Stout (im Film: George Clooney), die unmittelbar vor ihrem Marburg-Aufenthalt Anfang April 1945 in einem als Luftschutzbunker stillgelegten Bergwerk in Siegen ein riesiges Kunstdepot entdeckten, in dem sich Gemälde internationaler Künstler von Cezanne über van Gogh bis Renoir befanden.

Während die Entdeckung in dem Bergwerk auch Eingang in den Hollywood-Film fand, taucht Marburg darin gar nicht auf, auch wenn Hancock eine entscheidende Rolle für den Aufbau des ersten „Central Collecting Point“ der Amerikaner spielte, der in Marburg erfolgen sollte. Denn Hancock besichtigte wenige Tage nach der Siegen-Episode auch Marburg und schaute dort zunächst die auf einer Liste von besonders schützenswerten Baudenkmälern stehenden Bauten an wie das Landgrafenschloss, die Elisabethkirche oder das Universitätsmuseum (Jubiläumsbau) in der Biegenstraße und das Staatsarchiv.

Am 29. April 1945 entdeckte Hancock in einem Kalibergwerk in Bernterode (Thüringen) neben verschiedenen Kunstwerken auch die preußischen Kronjuwelen sowie die Sarkophage der preußischen Könige Friedrichs II. von Preußen, Friedrich Wilhelms I. sowie des ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. „Aufgrund der politischen Brisanz der Objekte ordnete die amerikanische Militärführung die sofortige Evakuierung des in der zukünftigen sowjetisch besetzten Zone liegenden Bestands an“, erläutert Marco Rasch.

Spätestens in Bernterode müsse Hancock entschieden haben, die Objekte nach Marburg zu transportieren, wo sie zunächst im Schloss und im Kunsthistorischen Seminar im Jubiläumsbau zwischengelagert waren. Schon kurz danach entschieden die Amerikaner, das Staatsarchiv als Sammeldepot für Kunstwerke einzurichten. Die offizielle Anordnung dafür erfolgte am 20. Mai 1945, wenige Wochen nach Kriegsende. In der Folgezeit errichteten die Alliierten in ganz Deutschland weitere dieser „Central Collecting Points“. Ebenso wie in Marburg errichteten die Amerikaner in der amerikanischen Besatzungszone auch in Wiesbaden und in München sogenannte „Central Art Collecting Points“.

Um die schweren und oft unhandlichen Kisten mit dem Kulturgut in das Gebäude zu transportieren, halfen in den Anfangszeiten zunächst Insassen des nahe gelegenen Gefängnisses oder Militärpersonal, später waren auch Marburger Schülerhelfer im Einsatz. Einer von ihnen war der damals 15-jährige Walter Otto, der dem Bildhauer Hancock auch Modell saß. So entstand die Statuette „Sitzender Knabe“, von der ein Abguss jetzt auch in der Marburger Ausstellung zu sehen ist.

Mit der Inventarisierung und der Foto-Dokumentation der eingehenden Kunstobjekte wurde Personal aus dem Kunstgeschichtlichen Institut und dem Bildarchiv Foto Marburg beauftragt. Dabei arbeitete Hancock besonders eng mit Professor Richard Hamann zusammen, der einerseits Professor für Kunstgeschichte an der Uni Marburg und gleichzeitig Leiter des Bildarchivs war.

Besonders interessante und umfangreiche Bestände, die zwischenzeitlich in Marburg gelagert waren, stammten einerseits aus Bernterode. Dazu zählten 270 aus Berlin und Potsdam ausgelagerte Gemälde sowie die Bibliothek von Friedrich dem Großen. Die umfangreichste Sammlung und aufgrund der schlechten Lagerungsbedingungen im schlechten Zustand befindliche Sammlung von 700 Gemälden, Plastiken und Kunstgewerbe-Objekten stammte aus dem Erzbergwerk in Siegen. Insgesamt wurden bis April 1946 4200 Kunstwerke, 14 100 Bücher sowie 75 000 Regalmeter Akten zwischenzeitlich im „Collecting Point“ in Marburg gelagert.

Das Ziel der „Monuments Men“ war es gewesen, einerseits bedrohte Bauwerke zu schützen und andererseits geraubte und ausgelagerte Kulturgüter wieder zusammenzutragen. Allerdings waren die Kunstwerke vorwiegend nicht – wie zunächst von den Amerikanern erwartet – NS-Raubgut. „Größtenteils handelte es sich dabei um im Zuge der deutschen Kunstschutzmaßnahmen in den letzten zwei Kriegsjahren evakuierte Bestände aus öffentlichen, kirchlichen und privaten Sammlungen“, erläutert Rasch. Diese waren kriegsbedingt in entlegene Depots evakuiert worden und stammten unter anderem aus Aachen, Berlin, Danzig, Düsseldorf, Essen, Köln, Krefeld, Mannheim und Potsdam. Als Raubgut konnten nach dem bisherigen Recherchestand lediglich rund 200 Objekte identifiziert werden, darunter der Kathedralschatz von Metz.

Der guten Zusammenarbeit zwischen Hamann und Hancock war es zu verdanken, dass Marburg ab Ende des Jahres 1945 in den Genuss von insgesamt zwölf außergewöhnlichen Ausstellungen kam, in denen eine Vielzahl von im Archiv gelagerten Meisterwerke der internationalen Malerei zu sehen waren. So wurde am 14. November im Universitätsmuseum die Ausstellung „Masterpieces of European Painting“ gezeigt, deren Ausstellungsobjekte fast ausschließlich aus der Berliner Schlösser- und Gärten-Verwaltung sowie dem Landesmuseum in Bonn stammten. So wurden beispielsweise das Gemälde „Adam und Eva“ von Lucas Cranach dem Älteren sowie Werke von A. van Dyck gezeigt. Und Hamanns Sohn, der Kunsthistoriker Richard Hamann-Mac Lean, hielt mit seinen Studierenden im Sommersemester 1946 ein exklusives „Meisterwerke“-Seminar im Landgrafensaal des Archivs ab.

Die Auflösung des „Collecting Point“ erfolgte bis zum offiziellen Ende im August 1946. Zug um Zug wurden die Kunstwerke entweder an ihre Ursprungsorte zurückversandt, zu kleinen Teilen auch in die Sicherheitsverwahrung in die USA geschickt. Den Schlusspunkt für den Marburger Sammelpunkt im Archiv bildete die „Operation Bodysnatch“, bei der die Sarkophage der preußischen Könige und von von Hindenburg zunächst in die Marburger Elisabethkirche gelangten.

 

„Monuments Men in Marburg. Das Staatsarchiv Marburg als Central Collecting Point“: Das ist der Titel einer Ausstellung im Hessischen Staatsarchiv in Marburg. Sie ist zwar in mehreren Vitrinen im Foyer im Erdgeschoss und im ersten Stockwerk aufgebaut. Aber wegen der Pandemielage ist sie bisher nur virtuell zu besichtigen. So erfolgt auch die Eröffnung morgen ab 18 Uhr mit Online-Vorträgen. Der Zugang erfolgt über den folgenden Link des Hessischen Landesarchivs: https://landesarchiv.hessen.de/ausstellung_monuments-men

Die Begrüßungsreden halten Dr. Johannes Kistenich-Zerfaß (Leiter des Hessischen Staatsarchivs Marburg) sowie Professor Hubert Locher (Leiter des Deutschen Dokumentationszentrums für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg). Nach einem Streifzug durch die Ausstellung erfolgt eine thematische Einführung durch Marco Rasch (Saxonia-Freiberg-Stiftung), der als Kurator für die Ausstellung zuständig war. Sobald es die Corona-Vorgaben erlauben, soll die Ausstellung auch bei freiem Eintritt jeweils von Montag bis Freitag von 9 Uhr bis 17.30 Uhr im Staatsarchiv, Friedrichsplatz, zugänglich sein.

Zur Ausstellung ist ein Begleitband erschienen: Marco Rasch: Das Marburger Staatsarchiv als Central Collecting Point mit Beiträgen von Tanja Bernsau, Susanne Dörler, Sonja Feßel, Iris Lauterbach und Katrin Marx-Jaskulski, Marburg 2021, 10 Euro.

Bestellbar ist das Buch über: marburg@hla.hessen.de

Von Manfred Hitzeroth

20.04.2021
20.04.2021