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Marburg Dritte Corona-Impfung ist wahrscheinlich
Marburg Dritte Corona-Impfung ist wahrscheinlich
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14:17 26.07.2021
Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene an der Uni Marburg. Das Team von Prof. Dr. Michael Lohoff (3.von links) arbeitet an einer Studie über Wirksamkeit von Biontech-Impfstoff bei Älteren. Von links: Dr. Addi Romero, Bärbel Camara, Prof. Dr. Michael Lohoff, Svenja Hochstätter, Véronique Hefter, Carina Münch und PD Dr. med. Christian Keller.
Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene an der Uni Marburg. Das Team von Prof. Dr. Michael Lohoff (3.von links) arbeitet an einer Studie über Wirksamkeit von Biontech-Impfstoff bei Älteren. Von links: Dr. Addi Romero, Bärbel Camara, Prof. Dr. Michael Lohoff, Svenja Hochstätter, Véronique Hefter, Carina Münch und PD Dr. med. Christian Keller. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Professor Michael Lohoff, Mikrobiologe an der Philipps-Universität und Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene, hält es mittlerweile für hochwahrscheinlich, dass alte Menschen zügig ein drittes Mal gegen das Coronavirus geimpft werden müssen, um ihren Impfschutz zu erhalten.

Das legen vorläufige Ergebnisse von Studien nahe, die Lohoff und Privatdozent Christian Keller, Oberarzt am Institut für Virologie, mit ihrem Team in Marburg gemacht haben. Sie untersuchen das Blut von alten Geimpften, alten Genesenen und jungen Geimpften, um Vergleiche zu ziehen und Antworten auf die Frage zu geben, welche Faktoren erfüllt sein müssen, damit der Impfschutz optimal wirkt.

Die Immunantwort auf eine Infektion mit Covid-19-Erregern fußt, so berichtet Lohoff, auf zwei wesentlichen Prinzipien. B-Lymphozyten oder kurz B-Zellen gehören zu den Leukozyten (weiße Blutkörperchen). Sie sind als einzige Zellen in der Lage, Plasmazellen zu bilden, die wiederum Antikörper ausschütten, und machen zusammen mit den T-Lymphozyten den entscheidenden Bestandteil des adaptiven Immunsystems aus.

Nach einer Infektion, wie auch nach einer Impfung, bilden körpereigene B-Zellen Antikörper. Deren Wirkung besteht grob gesagt darin, dass sie den Erreger, also das Sars-CoV-2-Virus, im Blut und auf den Schleimhäuten abfangen, zu Fresszellen dirigieren und so um die gefährdeten Zellen herumleiten.

Ein Schwerpunkt des Forschungsteams ist es, im Zusammenhang mit Covid-19-Patienten und Geimpften herauszufinden, wie viele Antikörper jeweils produziert werden und ob sie das Virus in der Tat auch neutralisieren können. Die andere Wirkweise der Immunantwort, an der das Team forscht, ist die von T-Zellen. T-Zellen gehören ebenfalls zu den weißen Blutkörperchen. Jede T-Zelle hat einen unterschiedlichen Rezeptor, so dass T-Zellen ganz unterschiedliche fremde Eindringlinge erkennen können. T-Zellen mit einem Rezeptor für Sars-CoV-2 spüren vom Virus befallene Zellen auf, um sie zu zerstören und so eine weitere Virusausbreitung im Körper zu verhindern.

Ihr Rezeptor („1“ in Abbildung 1 rechts) ist normalerweise frei. Docken Virusteile an diesem Rezeptor an, sendet dieser ein Signal in die Zelle („2“ in Abbildung 1). Die T-Zelle beginnt dann mit der Produktion von CD40L, einem Oberflächen-Protein, und von Interferon, einem Protein mit antiviraler Wirkung („3“ in Abbildung 2).

Ziel der Impfung ist es, die Menge an reagierenden T-Zellen und Antikörpern stark zu erhöhen. Dabei sind die Antikörper sicher für das Umleiten ankommender Viren und damit das Schützen vor Infektion sehr wichtig. Bei einer tatsächlichen Covid-19-Erkrankung könnte dies aber anders sein. Die vorläufigen Daten des Teams zeigen, so sagt Professor Lohoff, dass der Körper dann nicht zwingend B-Lymphozyten für seinen Kampf gegen das Virus braucht, sondern dass T-Zellen allein unter bestimmten Umständen ausreichen. Unter welchen, das wird im Team von Lohoff/Keller nun erforscht anhand der Proben, die das Team entnommen hat.

Die Forscher messen dabei die T-Zellen in Gewebekulturen (Abbildung 2; jeder Punkt ist eine Zelle). Einem Teil dieser Kulturen (linke Seite) werden zerkleinerte Virusextrakte zugesetzt, einem Teil (rechte Seite) nicht. Nach Bebrütung werden auf jeder Zelle CD40L (nach oben) und Interferon (nach rechts) angefärbt und in einem speziellen Gerät gemessen.

Je mehr T-Zellen mit CD40L und Interferon (rot markiert) diese Kulturen nachweisen, desto höher ist der Schutz gegen das Virus.

Man erkennt, dass diese Zahl im Laufe der Impfung ansteigt und dass man diese T-Zellen auch nur mit Virusextrakt finden kann. Das Ganze, so Lohoff, ist ein extrem aufwändiges Verfahren.

Das Projekt wird bis Ende 2022 vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK) gefördert, an ihm arbeiten Spezialisten aus verschiedenen Fachgebieten. Neben Lohoff selbst und Dr. Addi Romero für die Forschung an den T-Zellen untersucht Keller vor allem die Antikörper.

Professor Stefan Bau vom Lehrstuhl für Immunologie interessiert sich weniger für B- und T-Zellen, sondern für das „angeborene“ Immunsystem. Er vermutet, dass vor allem die Nebenwirkungen der Impfung mit diesem sehr schnell reagierenden Arm des Immunsystems im Zusammenhang stehen. Die sehr komplexe Messung der gefärbten Zellen geschieht im deutschen Rheumaforschungszentrum in Berlin.

Entscheidend für die Studie war, so berichtet Lohoff, die Unterstützung vom Impfzentrum, einer Arztpraxis in Cölbe und vor allem die Bereitschaft der Probanden zum Mitmachen. Dafür spricht er seinen herzlichen Dank aus. Erste Ergebnisse der Studie werden nach den Sommerferien erwartet.

Von Till Conrad

26.07.2021
26.07.2021
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