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Marburg Endlich den Arzt verstehen
Marburg Endlich den Arzt verstehen
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11:00 15.12.2019
Seminar „Leichte Sprache“ im Maris: Simulationspatientin Tanja Luft spricht mit Medizinstudent Bugrahan Bacara. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

„Hannelore Debus ist 42 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl und hat gerade vor zwei Wochen die Diagnose Diabetes mellitus bekommen. Du bist heute die Vertretung für ihren Hausarzt und sollst ihr die Krankheit erklären sowie motivieren, ihren Lebensstil anzupassen. Und noch etwas: Frau Debus hat kognitive Einschränkungen, sprich mit ihr in einfacher Sprache“, erklärt Tutorin Franziska­ Weppelmann dem Medizinstudenten Bugrahan Bacara die Aufgabe.

Der 23-Jährige soll Arztgespräche üben und das in möglichst realitätsnaher Umgebung. Deswegen wurde im „Maris“ (siehe Kasten) das Behandlungszimmer einer Arztpraxis eingerichtet sowie ein Wohnzimmer mit altem Schrank und Teppichbrücke. Hannelore Debus heißt eigentlich Tanja Luft, die vor ein paar Tagen schriftlich die ­Regieanweisungen von Andrea Schönbauer bekommen hat.

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Üben der Arztgespräche in einfacher Sprache

Die Pädagogin ist die stellvertretende Leitung des Zentrums und betreut zusammen mit Frank Düllmann das „Simulations-Patientenprogramm“. Anfang des Jahres hatte die Leiterin der Behindertenhilfe der Stadt Marburg, Kerstin Hühnlein, Kontakt mit dem „Maris“ aufgenommen, um die Nutzung der „Leichten Sprache“ in ­Arztgesprächen zu etablieren.

Sie stieß sofort auf offene Ohren und im Mai war schon der erste Schauspiel-Einsatz von Tanja Luft, die Mitglied der ­Arbeitsgemeinschaft „Leichte­ Sprache“ ist und sich für Inklusion einsetzt. „Wenn immer ein Betreuer dabei sein muss, weil ich den Arzt nicht verstehen kann – wozu braucht es dann noch ärztliche Schweige­pflicht?“, fragt Tanja Luft, in diesem Fall als Betroffene im realen Leben.

Wenn sich diese Art der Ausbildung in einfacher Sprache in Marburg etabliert hat, dann sollen die Erfahrungen auch an andere Universitäten weitergegeben werden, damit Patienten mit kognitiven Einschränkungen den Arzt endlich verstehen können. Denn häufig werden sie in Gesprächen übergangen und der Arzt unterhält sich lieber mit der Begleitperson, als mit dem Erkrankten selbst. Diese Erfahrung hat auch Tanja Luft gemacht.

Hintergrund

Unter dem Dach des Dr. Reinfried-Pohl-Zentrums befindet sich das „Marburger Interdisziplinäre Skills Lab“, kurz „Maris“, ein Medizindidaktik-Programm für die Lehrenden in der Universitätsmedizin. Als integrale Einrichtung des Fachbereichs Medizin verbindet das Maris modernste Simulationstechnik in einer realitätsnahen Arbeitsumgebung mit innovativen Lehr- und Lernkonzepten, welche die universitäre Ausbildung der angehenden Ärztinnen und Ärzte nachhaltig verbessern. www.uni-marburg.de

Genau deshalb ist sie der perfekte Gegenpart, wenn es um das Üben der Arztgespräche in einfacher Sprache geht. „Sie gibt ein ehrliches Feedback, mit dem die Studenten sich immer weiterentwickeln können“, ­resümiert Frank Düllmann, der selbst mal als Schauspieler im „Maris“ angefangen hat.

Über eine Spiegelwand werden die beiden Protagonisten von den anderen Studenten beobachtet. Nach 15 Minuten geben sie zusammen mit der Tutorin Rückmeldung. Für Bugrahan Bacara fällt diese durchaus positiv aus. „Es gab Augenkontakt, er hat nicht so schnell gesprochen und keine Fremdwörter benutzt“, hat Tanja Luft festgestellt, die anschließend in dem nachgestellten Patientenzimmer auf den nächsten Studenten wartet.   

von Katja Peters