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Marburg Marburger Mediziner fordert: Impft die Jugend!
Marburg Marburger Mediziner fordert: Impft die Jugend!
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07:58 21.05.2021
Der Marburger Professor Harald stellt sich im OP-Interview den Fragen zur aktuellen Corona-Entwicklung.
Der Marburger Professor Harald stellt sich im OP-Interview den Fragen zur aktuellen Corona-Entwicklung. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Der Marburger Professor Harald Renz, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin, schätzt im OP-Interview die aktuelle Corona-Lage ein.

Professor Harald Renz Quelle: Thorsten Richter

Die indische Mutation wird gefürchtet, doch die Impfstoffe von Biontech und Moderna schützen nachweislich auch vor dieser Variante. Ist es nicht Zeit, die Alarmsirenen leiser zu schalten?

Professor Harald Renz: Bezüglich eines Schutzes vor der südafrikanischen, britischen und gewissen brasilianischen Varianten durch die Impfstoffe, gibt es mittlerweile solide Daten. Bezüglich der indischen Mutation gibt es erste vielversprechende Daten. Insofern gibt es im Moment keine Anzeichen für ein „Entwischen“ des Virus vor den Immunantworten, nur eine gewisse Abschwächung. Insofern an dieser Stelle zuerst einmal vorsichtige Entwarnung, aber es braucht mehr Daten.

Ihre Prognose: Haben wir bei Corona das Schlimmste überstanden und gibt es daher einen unbeschwerten Sommerurlaub 2021 – auch im Ausland – und wie geht es mit Beginn der Erkrankungssaison ab Oktober weiter?

Renz: Auf der einen Seite stehen die Impfungen und die rückläufigen Infektionszahlen, auf der anderen Seite werden die Öffnungen und die Rückkehr zum „normalen Leben“ wieder mehr Kontakte bedeuten, und wir werden sicherlich leider eine Nachlässigkeit mit den AHA-Regeln erleben. Das wird dem Virus dann möglicherweise doch wieder Raum für neue Infektionsketten bieten. Die Frage ist, ob wir bis Herbst Herdenimmunität erreichen werden. Man muss auch damit rechnen, dass immer wieder neue Varianten auftauchen, die das Infektionsgeschehen beherrschen könnten – sozio-ökonomische Lebensumstände, Migration und Armut, überall da, wo eng zusammengelebt wird, kann sich das Virus wunderbar verbreiten, findet eine hervorragende Spielwiese für die Entwicklung neuer Mutationen. Eine weitere unsichere Größe ist die Frage, ob wir in diesem Winter eine Influenza-Grippewelle erleben werden, die 2020/2021 ausblieb?

Solidarität an junge Menschen zurückzahlen

Wann ist Herdenimmunität erreicht?

Renz: Die Experten gehen davon aus, dass Herdenimmunität dann erreicht ist, wenn 70 Prozent der Bevölkerung immunologisch geschützt sind. Um dies zu erreichen, müssten aber deutlich über 80 Prozent der Bevölkerung geimpft werden, denn nicht jeder Geimpfte hat auch einen vollständigen Impfschutz. Davon sind wir noch weit entfernt. Das Ziel darf aber nicht aus dem Auge gelassen werden, deswegen muss sich die Politik schon heute überlegen, wie wir hier in Deutschland vernünftige Anreize setzen können, um die Impfbereitschaft dann doch auch über den Sommer hinweg in den Herbst hinein hochzuhalten.

Die Impfpriorisierung fällt im Juni – der richtige Weg?

Renz: Im Moment fokussiert sich die Impfkampagne auf die drei Prioritätsgruppen, das sind zusammen circa 15 Millionen Menschen, also immer noch nur etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. Wenn diese Gruppen durchgeimpft sind, stellt sich die Frage, ob man dann die Impfungen für den großen Teil der noch nicht geimpften Bevölkerung freigibt oder weiterhin priorisiert. Immer davon ausgehend, dass so etwa rund eine Millionen Menschen am Tag geimpft werden könne, kann man also leicht hochrechnen, wie lange die Impfkampagne noch dauern wird, um zumindest einen Großteil der Bevölkerung, viele ja zweimal zu impfen. Dabei stellt sich dann schon die Frage, ob nicht doch bestimmte Risikogruppen eine gewisse Priorität erhalten sollten?

Welche Gruppen sollten das sein?

Renz: Die ältere Generation ist nun geimpft und geschützt, während die jüngere Generation über lange, lange Zeit jetzt auf Schule, Studium und Freizeitaktivitäten verzichtet hat. Gerade in der jungen Altersgruppe macht sich die Einschränkung der Freiheitsrechte besonders bemerkbar, auch über Schäden im Sozial- und Bildungsbereich. Die Unruhe und der Unmut sind größer und hier könnte man jetzt ein Zeichen setzen, indem man nun vorrangig die Generation 16+ impft, so ein Stück weit Solidarität auch wieder zurückgibt.

In den USA endet die Maskenpflicht, auch Ärzte in Deutschland fordern das nun für Geimpfte.

Renz: Mit der Befreiung Geimpfter vom Maskentragen möchte man seitens der US-Regierung und der Seuchenschutzbehörde einen stärkeren Anreiz setzen, um sich impfen zu lassen. Dort ist man in großer Sorge, dass aufgrund der nachlassenden Impfbereitschaft die Herdenimmunität nicht erreicht werden könnte. Hier will man jetzt Anreize schaffen. Allerdings ist damit auch ein gewisses Risiko verbunden, weil wir zwar wissen, dass die Impfung vor schweren Verläufen schützt, aber immer noch nicht hinlänglich Klarheit darüber herrscht, ob das Virus sich in den Schleimhäuten Geimpfter nach wie vor ausbreiten kann und der Geimpfte quasi als asymptomatischer dann doch das Virus weitergeben kann. Allerdings gibt es auch Untersuchungen, die zeigen, dass in einem solchen Fall die Virusdosis und Viruslast, die ausgeschieden wird, so niedrig sind, dass es damit kaum zu Infektionen Dritter kommt. Es gibt aber ein Restrisiko. Ich würde empfehlen, auch als Geimpfter nach wie vor die AHA-Regeln voll umfänglich bis auf Weiteres einzuhalten.

Maskenpflicht-Ende alsImpf-Anreiz

Was halten Sie vom Dreiklang „geimpft, genesen, getestet“?

Renz: Das ist der Slogan, um Freiheiten zurückzugeben. Nur: Bei den Getesteten gilt es zu bedenken, dass die Antigen-Schnellteste lediglich ein „Tagesergebnis“ liefern und keine längere Gültigkeit haben. Und sie sind mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Testen, testen, testen ist damit nach wie vor die Devise für alle, die keinen vollständigen Impfschutz haben. Und das meint eben auch wiederholtes Testen und, wenn es irgend geht, PCR-testen. Bei den Genesenen gehen wir ja davon aus, dass nach einer durchgemachten Covid-Erkrankung es so schnell nicht wieder zu einer Zweitinfektion kommen kann, weil das Immunsystem einen gewissen Schutz aufgebaut hat. Allerdings schwächt sich dieser Schutz über die Zeit ab, so dass man eigentlich nur von einem 6-Monatsfenster ausgehen kann. Genesenen hier besondere Freiheiten zuzusprechen, ist schon auch mit einem gewissen Risiko verbunden.

Gibt es Öffnungs-Vorbilder, etwa in der Schweiz das Kanton Graubünden?

Renz: Wenn man – wie es dort schon länger geschieht – intensiv und wiederholt testet, das vor allen Dingen mit PCR tut und sich nicht nur auf Antigen-Schnelltests verlässt, kann man sehr kontrolliert Öffnungsstrategien fahren. Die Erfahrung sollten wir in Deutschland in weitere Überlegungen und Planungen mitnehmen. Vor allen Dingen auch unter dem Aspekt, dass wir immer wieder, auch in den nächsten Monaten und vielleicht Jahren, hier und da neue, dann hoffentlich nur kleinere Ausbrüche erleben werden Um diese dann rasch einzudämmen, ohne groß das gesamte öffentliche Leben wieder zu blockieren, wäre das eine wichtige Strategie. Doch für diesen „Ernstfall“ müssen Werkzeuge bereitliegen, darauf muss man sich heute schon vorbereiten.

Von Björn Wisker

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