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Marburg Der Film im Reich der Daten
Marburg Der Film im Reich der Daten
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14:00 19.04.2021
Netflix gehört zu den größten Streaming-Anbietern. Trotz der Vielzahl an Anbietern sei es eine Illusion, zu glauben, dass durch die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters plötzlich alle Filme verfügbar seien, meint die Marburger Medienwissenschaftlerin Professorin Yvonne Zimmermann.
Netflix gehört zu den größten Streaming-Anbietern. Trotz der Vielzahl an Anbietern sei es eine Illusion, zu glauben, dass durch die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters plötzlich alle Filme verfügbar seien, meint die Marburger Medienwissenschaftlerin Professorin Yvonne Zimmermann. Quelle: Alexander Heinl/dpa
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Marburg

Der Film im Reich der Daten: So könnte man ein jetzt gestartetes filmwissenschaftliches Forschungsvorhaben überschreiben, an dem Marburger Medienwissenschaftler maßgeblich beteiligt sind. Einst war eine Filmvorführung ein flüchtiges Ereignis, das außer schönen Erinnerungen im Gedächtnis des Publikums keine Spuren hinterließ. Doch heute im Zeitalter des Streaming, setzt jeder Film einen digitalen Fußabdruck im Reich der Daten. Und nicht nur das: Der Film selbst hat sich mit der digitalen Transformation grundlegend verändert und neue Formen und Formate entwickelt. Diese Umbrüche stellen das kleine Fach Filmwissenschaft vor große Herausforderungen – und bieten zugleich neue Chancen für Forschung und Lehre.

Die Digitalisierung bildet für Filmfans Chancen und Einschränkungen. „Es ist bequemer geworden, einen bestimmten Satz an Filmen zu sehen. Es ist aber nicht alles, was es an Filmen gibt, über Google zu finden“, meint der Marburger Medienwissenschaftler Professor Malte Hagener. Rund 90 Prozent der jemals produzierten Filme seien aber im digitalen Reich verschollen. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass durch die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters plötzlich alle Filme verfügbar seien, meint auch die Marburger Medienwissenschaftlerin Professorin Yvonne Zimmermann im Gespräch mit der OP. Und Malte Hagener ergänzt, dass beispielsweise bei den auf Video-Plattformen kursierenden Filmen nicht immer klar sei, welche Fassung eines Filmes dort gezeigt werde.

Förderung mit einer Millionen Euro

In den kommenden fünf Jahren erforscht ein Team aus Filmwissenschaftlerinnen und Filmwissenschaftlern der Universitäten Marburg, Mainz und Frankfurt im „Digital Cinema-Hub“ (DiCi-Hub) die Chancen und Herausforderungen der digitalen Transformation für die Filmwissenschaft. Das Projekt wird von der Volkswagen-Stiftung mit einer Million Euro gefördert. Hinzu kommen Eigenleistungen der drei beteiligten Universitäten, so dass insgesamt 1,3 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Ziel des Projektes ist es, Werkzeuge, Module und Tools zu entwickeln, die der Lehre und der Forschung dienen sollen.

„Um der zeitgenössischen Vielfalt der Netzwerke, Formate und Märkte von Bewegtbildern, ihrer globalen Herkunft und ihrer globalen Zirkulation angemessen Rechnung zu tragen, muss die Film- und Medienwissenschaft ihr Methodenspektrum und ihre Arbeitsweise anpassen“, meint Malte Hagener. Zusammen mit seiner Kollegin Yvonne Zimmermann und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Josefine Diecke bildet er das Marburger Team, das sich speziell um das Thema „Netzwerke“ kümmert.

„Es geht uns dabei vor allem um Netzwerke von Beziehungen zwischen Personen sowie Ideen und Objekten und Materialien“, erläutert Yvonne Zimmermann. Vorwiegend wollen sich die Marburger Wissenschaftler dabei der Filmvergangenheit widmen, wobei noch nicht ganz klar ist, welche Epochen der Filmgeschichte verstärkt in ihren Blick geraten sollen. Das könnten beispielsweise Avantgarde-Filme aus den 20er- und 30er-Jahren sein. Gesammelt und zusammengetragen werden sollen nun Datensätze rund um die Filme, von Aufführungsdaten der Filme oder Einspielergebnissen aus den Kinos bis hin zu allen Informationen, die in Büchern oder Zeitschriften rund um die Filme veröffentlicht wurden. Auch die Datenbanken aus filmwissenschaftlichen Archiven werden aufgearbeitet. „Wir wollen auch schauen, was uns an Daten noch fehlt“, erklärt Josefine Diecke.

„Zunehmend erreichen die Forscher ihre Gegenstände und Quellen in digitaler Datenform, oft verknüpft mit hochentwickelten Metadaten. Auch das Internet bietet reichhaltige Datenschätze, die mit entsprechenden Werkzeugen geerntet und genutzt werden können“, erläutert Malte Hagener. Bisher seien diese filmwissenschaftliche Daten sowie ihre Strukturen, Verknüpfungen und Möglichkeiten von der Forschung zu wenig bearbeitet worden. Das soll sich nun in dem Verbundprojekt DiCi-Hub der Universitäten Marburg, Mainz und Frankfurt ändern.

Die digitalen Tools und Methoden, die die Forscher in enger Kooperation mit IT-Fachleuten entwickeln wollen, sollen dazu beitragen, ein neues Verständnis der Entwicklung und Dynamik von Netzwerken der historischen und aktuellen Film- und Kinokultur zu gewinnen. So wollen die Wissenschaftler beispielsweise Film-Annotations-Software testen und möglicherweise verbessern.

Welche Möglichkeiten des Zugangs und der Verteilung auch neue Filmformate bieten und welchen Einfluss sie auf die ästhetischen Eigenschaften eines Films haben, wird in Mainz erforscht. In Frankfurt stehen die Film-Märkte im Mittelpunkt, wobei versucht wird, mit Hilfe von digitalen Methoden ein genaueres Bild von der Zirkulation von Filmen und den Präferenzen des Publikums jenseits der etablierten Institutionen wie Kinos, Festivals und Filmmuseen zu gewinnen.

Von Manfred Hitzeroth