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Marburg Mahnmal für Opfer rassistischer Gewalt zerstört
Marburg Mahnmal für Opfer rassistischer Gewalt zerstört
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08:00 26.04.2021
Das Denkmal wurde am 19. Februar – am Jahrestag des Anschlags von Hanau – am Friedrichsplatz enthüllt. Archivfoto: Nadine Weigel
Das Denkmal wurde am 19. Februar – am Jahrestag des Anschlags von Hanau – am Friedrichsplatz enthüllt. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

In der Nacht von Freitag auf Samstag haben Unbekannte das Mahnmal für die Opfer rassistischer Gewalt am Friedrichsplatz zerstört. Die eiserne, schwarze Stele wurde offensichtlich aus der Verankerung im Boden gerissen und etwas entfernt in ein Gebüsch geworfen. Das Kunstwerk war am 19. Februar – am Jahrestag des rassistischen Anschlages von Hanau – installiert worden, um zeitgleich allen Opfern rassistischer Gewalt zu gedenken.

Die Initiatoren zeigen sich schockiert: „Der feige Angriff zeigt, wie wichtig dieses Mahnmal für Marburg ist. Wir verurteilen diesen Akt der Gewalt zutiefst. Umso stärker werden wir uns für das Mahnmal, für die Umbenennung der Bismarckstraße und gegen Rassismus in Marburg einsetzen“, so Dilara Bingöl, Sprecherin der Plattform Solidarität Şimdi, in einer Stellungnahme. 

Tat soll klar entgegengetreten werden

Auch Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies ist „empört und erschüttert, dass ein Gedenkort für die Opfer rassistischer und rechtsextremistischer Gewalt in Marburg beschädigt wurde“, sagt Spies auf Nachfrage der OP. Es erschüttere ihn umso mehr, da es ein Gedenkort sei, der aus der Zivilgesellschaft heraus geschaffen wurde. 

„Wir werden so etwas in unserer Stadt nicht dulden“, betont er und verspricht, sich „darum zu bemühen, gemeinsam mit den Initiatoren und dem Künstler gemeinsam zu einer Lösung zu kommen, um solch eine empörende Tat zu korrigieren“. Aktivistinnen und Aktivisten hatten das Denkmal „Memoria“ des Marburger Künstlers Alexeir Diaz Bravo zum 1. Jahrestag des Hanauer Anschlags am Friedrichsplatz während einer Gedenkveranstaltung aufgestellt. Seither fordern sie von der Stadt die offizielle Errichtung eines solchen Mahnmals sowie die Umbenennung der Bismarckstraße in Mercedes-Kirpacz-Straße – einem der zehn Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau. Dilara Bingöl unterstreicht noch einmal, wie „dringend nötig die öffentliche Anerkennung des Denkmals durch die Stadt“ sei. 

Bereits im Vorfeld hatte die Initiative Vertreterinnen und Vertreter der Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung zu einem Vor-Ort-Termin eingeladen. Sie hofft nun, dass dieser Termin bald zustande kommt und bei der nächsten Stadtverordnetenversammlung entsprechende Beschlüsse gefasst werden. Auf Nachfrage der OP, wie es darum bestellt ist, erklärt OB Spies, dass es bereits Überlegungen gebe, das Mahnmal dauerhaft zugänglich zu machen. Man müsse allerdings „überlegen, was genau der richtige Platz sei und wie man das handwerklich am besten mache“. Spies betont aber auch, dass ungeachtet dieser Überlegungen eine „solche Initiative Unterstützung verdient und wir da sicher zu einer Lösung kommen“.

Umbenennung einer Straße ist kompliziert

Die Einwände von Kritikern, dass der Anschlag ja nicht in Marburg passiert sei, weist Spies als falsch zurück. Die Tat von Hanau sei einer der niederträchtigsten und brutalsten Anschläge in Nachkriegsdeutschland und in einer internationalen, weltoffenen Stadt wie Marburg respektiere man den Wunsch von Menschen nach einem Erinnerungsort und einem Ort der Solidarität.

Die Umbenennung einer Straße allerdings sei „eine sehr komplizierte Sache“. Die Stadt Marburg habe diesbezüglich bislang immer einen anderen Weg gewählt, so Spies, der beispielhaft die Lösung für das höchst umstrittene Jägerdenkmal im Schülerpark nennt. Anstatt das Denkmal zu entfernen, habe die Stadt den „Erinnerungsort weiterentwickelt“ – das Denkmal wird seit vergangenem Jahr von einer stählernen Konstruktion verdeckt, das den Opfern der Marburger Jäger gedenkt. „Wir eliminieren Geschichte nicht, sondern wir setzen uns mit ihr auseinander und setzen sie in einen zeitgemäßen Kontext“, sagt Spies. 

Die Initiatoren des zerstörten Mahnmals wollen indes den öffentlichen Druck weiter erhöhen. Dazu hat die Plattform Solidarität Şimdi zum einen eine Online-Petition gestartet, zum anderen ruft Bingöl die Marburgerinnen und Marburger dazu auf, in den kommenden Tagen auf die Straße zu gehen, um die Forderungen zu unterstützen.

„Der Kampf gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit gehören zusammen. Deswegen führt die Demonstration zum 1. Mai in diesem Jahr vom DGB-Haus zum Mahnmal am Friedrichsplatz. Zum antifaschistischen Gedenken an die Zerschlagung der Gewerkschaften findet am 2. Mai um 12 Uhr eine Kundgebung am Friedrichsplatz statt. Die Demonstration zum Tag der Befreiung vom Faschismus um 15 Uhr am 8. Mai wird vom Erwin-Piscator-Haus ebenfalls zum Hanau-Denkmal laufen“, fasste sie die Aktivitäten zusammen. Das Mahnmal soll noch in dieser Woche wieder errichtet werden.

von Nadine Weigel

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