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Marburg Diagnose: Nachhaltigkeit
Marburg Diagnose: Nachhaltigkeit
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10:47 09.11.2020
Das MVZ Diagnostikzentrum soll nach der Sanierung grüner und energiesparender werden. Die ambitionierten Pläne stellt der Neuroradiologe Professor Siegfried Bien vor. Quelle: Ina Tannert
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Marburg

Seit gut zwei Jahren geht es im MVZ Diagnostikzentrum in der Bahnhofstraße in Marburg hoch her – nicht nur die Radiologie wurde technisch aufgemöbelt, sondern das ganze Gebäude aus den 80er Jahren erhält von Grund auf ein energetisches Update, das es in sich hat. Das Ziel: Kompensation des hohen Energiebedarfs des mehrstöckigen Hauses. Alleine die Diagnostikgeräte der Radiologie, etwa für die Magnetresonanztomografie (MRT), sind wahre Stromfresser, zugleich aber Produzenten großer Mengen Abwärme.

Bis vor kurzem wurde dieser Energiekreislauf nicht genutzt, viel Wärme ging verloren. Eine Verschwendung in Klima-Krisenzeiten, die der Neuroradiologe Professor Siegfried Bien abstellen will. „Alles, was wir produzieren, nutzen wir sofort wieder“, sagt der Inhaber. Er plant einen nachhaltigen Mix aus Sonnenstrom, Wärmeaustausch, Dach- und Fassadenbegrünung.

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Abwärme wird genutzt

Das Konzept umfasst verschiedene Bausteine und läuft folgendermaßen ab: Die Abwärme, die durch die Technik entsteht, wird aufgefangen und wieder für den Betrieb genutzt. Die MRT-Geräte müssen permanent mittels Helium gekühlt werden, „die geben eine unglaubliche Menge an Wärme ab“, erklärt Bien. Unabhängig davon, ob sie gerade bei Patienten zum Einsatz kommen oder nicht.

Ein Teil der so produzierten Abwärme wird mittels Wärmetauscher umgeleitet und über die Heizleitung abtransportiert. Das warme Wasser speist schon jetzt die neue Fußbodenheizung. Demnächst soll zudem ein neuer Pufferspeicher eingebaut werden, der sich ebenfalls durch den Eigenbetrieb speist.

Durch diesen Wärmekreislauf wird der Betrieb komplett autark, „dann verbrauchen wir gar kein Erdgas mehr, keine fossilen Ressourcen mehr“, freut sich Bien. Das reduziert zugleich die laufenden Betriebskosten, auch die Mieter des Zentrums profitierten davon.

Sonnenstrom aus der Wand

Der nächste Baustein ist die Stromversorgung – und da kommt die Solarenergie ins Spiel: Auf dem Flachdach des Zentrums reihen sich Fotovoltaikanlagen aneinander, die schon jetzt Strom für den Betrieb liefern. Und in wenigen Monaten sollen weitere Quellen hinzukommen, über die neue Fassade. Nachhaltigkeit, das Nutzen von Synergien, sei das tragende Element für die Komplettsanierung. Noch in diesem Herbst wird die Fassade des Gebäudes komplett entfernt und erneuert, mitsamt moderner Dämmung und Dreifachverglasung der Fenster. Bien plant, auch die Fassade zu nutzen, um jedes kleine bisschen Sonne aufzufangen.

Solarmodule auf dem Dach gehören vielerorts schon zum Alltagsbild, doch Sonnenstrom aus der Wand? Auch das ist möglich, durch Solarfassaden – leichte Anlagen, die in die Gebäudewand eingebaut werden. Die sind noch weniger verbreitet und deutlich teurer als jene auf dem Dach, „aber rein wirtschaftlich rechnet sich das später, wir sparen ja bei der Wärme ein“, erklärt der Unternehmer. Im nächsten Frühling soll dann auch die Solarfassade in Betrieb gehen.

Rund 680 000 Kilowatt verbraucht der Betrieb im Jahr an Strom. Mit den PV-Anlagen auf dem Dach und in der Fassade könne das Gebäude später einmal etwa ein Viertel des eigenen Bedarfs decken. Mit im Boot bei der Ausrüstung mit Photovoltaik ist auch der heimische Verein Sonneninitiative – ebenso wie Bürger, die sich als Investoren an dem Solarprojekt beteiligen können.

Mehr Grün fürs Stadtklima

Neben Wärmeaustausch und Ökostrom wird es auch auf und am Haus grüner werden: Zwischen den PV-Anlagen auf dem Dach wachsen bereits Pflanzen und sogar kleine Bäume in den Himmel, überragen die nahe Stadtautobahn. Darunter Eiben, seine „Lieblingsbäume“. Er wolle nicht nur grünen Strom, sondern eben auch echtes, lebendiges Grün haben, ein Beitrag fürs Stadtklima.

Die Bewässerung des Dachgartens läuft über Regenwasser, das in einer Zisterne gesammelt wird. Weitere Pflanzen sollen folgen, „der Clou“ wären einmal vertikale Gärten an den Wänden des Innenhofes über mehrere Stockwerke hinweg. Quasi große Balkone nur für Pflanzen. „Das würde auch den eher hässlichen Innenhof verschönern“, hofft Bien.

Die Rundumsanierung und Teilumstellung auf Ökobetrieb für das Zentrum verschlingt große Summen, wie viel genau, das möchte er noch nicht sagen. Warum der ganze Aufwand? Ihm gehe es um einen nachhaltigen Betrieb, ein umweltschonenderes Arbeiten, das weniger Ressourcen verschwendet.

„Ich bin da Überzeugungstäter, es kostet zwar richtig Geld, aber man muss ja mal anfangen – wir haben nur noch eine Chance, den Klimawandel zu bekämpfen, wir brauchen solche Projekte“, betont Bien.

Er würde sich wünschen, dass weitere Unternehmen im ganzen Land – alleine die Radiologien mit immensem Energiebedarf – auf solche nachhaltigen Konzepte umstellen würden.

Das Zentrum solle durchaus mit gutem Beispiel vorangehen, Vorreiter für andere werden. „Wir haben doch Unmengen Flächen überall, die sollten genutzt werden und je mehr mitmachen, desto günstiger wird es für alle und die Umwelt werden.“

Von Ina Tannert

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