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Marburg Trotz Trockenheit durchschnittliche Ernte
Marburg Trotz Trockenheit durchschnittliche Ernte
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19:59 06.08.2020
Auf das Erntegespräch des Kreisbauernverbandes folgte der Fototermin im „Erzeugnis“. Foto: Gianfranco Fain
Auf das Erntegespräch des Kreisbauernverbandes folgte der Fototermin im „Erzeugnis“. Quelle: Gianfranco Fain
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Moischt

Ob nun Roggen oder Weizen, Triticale oder Raps sowie Mais oder Zuckerrüben: Im Zusammenhang mit der Ernte 2020 ist „durchschnittlich“ das am meisten verwendete Adjektiv beim Bilanzgespräch des Kreisbauernverbandes.

Für deren Vorsitzende Karin Lölkes ist der Hof der Familie Henz in Moischt wie geschaffen für den Rückblick auf das Erntejahr, macht im „Grund“ doch „der Getreideanbau besonders viel Freude“, und verdeutlicht zugleich, dass das „durchschnittlich“ differenziert gesehen werden muss.

Denn „schlechte Lagen“ wie zum Beispiel im Hinterland brachten auch einen weniger guten Ertrag als gute Lagen, wie sie im Amöneburger Becken zu finden sind. Verstärker der Ausgangslage der Böden ist erneut die Trockenheit, mit der die Landwirte nun im dritten Jahr in Folge arbeiten und leben müssen.

Das bezeichnet Volker Lein, Vizepräsident des Hessischen Bauernverbandes, als Riesenproblem. Nicht nur die Ernte ist früher als üblich eingefahren, auch das Weideland wandele sich eher in eine Steppe.

Die Folge ist, dass die Futtervorräte fürs Vieh schon fast aufgebraucht sind, die Bauern zukaufen müssen. Insgesamt können die Landwirte des Kreises aber noch zufrieden sein, befinden sie sich im Hessen-Trend.

Besonders Hafer leidet unter Trockenheit

Lein bezeichnet die Ernteerträge lagebedingt als „extrem gespreizt“. Sei der Ertrag der Wintergerste auf einer mit 70 Hektar „stabilen Fläche im Schnitt nicht zu beklagen“, so gab es in trockenen Regionen „ganz geringe Erträge“. Ähnlich ist die Ertragssituation beim Weizen, den „die Niederschläge im Juni retteten“.

So ergibt der Anbau auf einer Fläche von 145.000 Hektar noch eine „durchschnittliche Ernte“. Das Futtergetreide, Triticale genannt, vertrage die Trockenheit gut und bringt auf einer Fläche von 20.000 Hektar eine zufriedenstellende Ernte ein. Ebenso verhält es sich mit dem Roggen, der bei geringen Ansprüchen auf rund 16.000 Hektar gut gewachsen ist.

Gelitten hat der Hafer, der auf eine gute Wasserversorgung angewiesen ist. Er ist nur auf neun Hektar aufgegangen. Die Menge des Winterraps nimmt dagegen auf einer Fläche von 45 Hektar wieder zu. Gerade bei dieser Frucht, die die Landwirte als Vorfrucht auf ihren Äckern benötigen, hadern sie und hoffen, dass ihnen durch Auflagen nicht noch mehr Wirkstoffe genommen werden. Für den Silomais rechnen die Landwirte mit einem durchschnittlichen Ertrag, die Zuckerrüben „gehen extrem spät auf“, sollten aber ebenfalls mit einer durchschnittlichen Ernte enden.

Große Ertragsdifferenz zwischen Böden

Beim Thema Grünland wachsen die Sorgen der Landwirte aber an. Der erste Schnitt fiel bis zu 50 Prozent geringer als sonst aus, der zweite Schnitt war nach der Regenperiode wieder durchschnittlich bis gut, während der Ertrag des dritten Schnitts wieder abfällt. Was wächst, ist von guter Qualität und deshalb stünden die Weidetiere gut im Fleisch, aber es fehle an Menge. Weil dies in drei aufeinander folgenden Jahren so sei, gingen die Futtervorräte schneller zur Neige, was die Landwirte zum Zukauf zwingt.

Doch das sind nicht die einzigen Sorgen der Landwirte. Die Ertragsdifferenz von etwa 50 Prozent zwischen guten und weniger guten Böden sei so noch nie dagewesen, zeichnet Frank Staubitz ein düsteres Bild: „Bei so einem Einbruch ist keine schwarze Zahl zu schreiben.“ Auch die zunehmenden Auflagen erschweren den Landwirten die Arbeit.

Der Ackerbau werde immer mehr reglementiert, beklagt Rainer Henz, und der Landwirt verkomme zum Prügelknaben der Nation. Als Beispiel nennt Henz die Düngemittelverordnung, die den Nitratgehalt des Grundwassers senken soll. Es gebe aber auch andere Verursacher, wie nicht richtig funktionierende Kläranlagen oder marode Kanalisationen in Städten, aber die gehe die Regierung nicht an.

Forderung: verlässliche Rahmenbedingungen

Mit Pflanzenschutzmitteln gingen die Landwirte verantwortungsbewusst um. So sei der Auftrag in diesem Jahr „auf sehr niedrigem Niveau“ erfolgt, weil das Wetter half und es dadurch relativ wenige Schädlinge und Krankheiten gab. Doch man könne in der Landwirtschaft nicht gänzlich auf Pflanzenschutzmittel verzichten, schließlich gelte es, die Bevölkerung zu ernähren.

Gerade in der Corona-Zeit habe man mit leeren Regalen erkannt, dass die Landwirte systemrelevant sind, sagt Lölkes und fordert eine verlässliche Perspektive durch „Rahmenbedingungen, mit denen wir leben können“, und zum Beispiel eine Nutztierstrategie. Nachhaltige Produktion auch bei Lebensmitteln sei gewünscht, aber „wir können hier im Landkreis nicht regional schlachten“, wirft Lölkes ein.

Die Kreisverwaltung habe aber die Gebühren für die Fleischbeschau erhöht. Diese Kosten könnten die Landwirte nicht weitergeben. Nur zwei Punkte, die Lölkes nennt und die zum Schluss führen, dass der Kreis die Vermarktung vor Ort nicht wolle und die Landwirtschaft nicht fördere.

Flächen und Erträge

Im Landkreis bewirtschaften die Bauern in diesem Jahr rund 7.750 Hektar mit Winterweizen gegenüber 9.115 im Vorjahr. Winterroggen wird auf 1.400 Hektar angebaut (Vorjahr 1.587), Wintergerste auf 5.000 Hektar (5.243) und Sommerhafer auf 950 (1.095). Mais gedeiht auf rund 4.200 Hektar, was annähernd der Vorjahresfläche entspricht. Raps wurde auf 2.250 Hektar angebaut gegenüber 972 im Vorjahr. Eiweißpflanzen wie Ackerbohnen, Erbsen, Linsen und Lupinen wuchsen auf rund 900 Hektar, was einer Steigerung von rund 104 Hektar entspricht.

An Erträgen wurden je nach guter oder schlechter Lange an Doppelzentnern (ein Doppelzentner/dz = 100 Kilogramm) je Hektar erzielt: Wintergerste 40 bis 90 dz, Winterweizen 70 bis 100 dz, Winterraps 30 bis 50 dz, Triticale 60 bis 90 dz.

Landwirtschaft im Landkreis

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es noch rund 1.570 landwirtschaftliche Betriebe, die mehr als ein Hektar Land bewirtschaften. Davon sind etwa 280 Haupterwerbsbetriebe und 1.290 werden im Nebenerwerb betrieben. Insgesamt bearbeiten die Landwirte eine Fläche von 49.000 Hektar, aufgeteilt in 30.000 Hektar Acker- und 19.000 Hektar Grünland. Rund 200 Öko-Betriebe arbeiten auf 10.600 Hektar der landwirtschaftlichen Fläche. Mais wird auf rund 4.200 Hektar angebaut, was 14 Prozent der Ackerfläche entspricht. Rund 600 Hektar werden als Blühflächen und 2.500 Hektar als ökologische Vorrangflächen genutzt.

Rund 100 Betriebe widmen sich dem Halten von Milchkühen, etwa 400 mit Mutterkühen. Schweinezucht betreiben rund 323 Betriebe, die etwa 21.460 Schweine halten. An Sauenhalter gibt es 36 mit circa 590 Tieren.

Von Gianfranco Fain