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Marburg Fehlendes Beweisstück bei Berufungsverfahren
Marburg Fehlendes Beweisstück bei Berufungsverfahren
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17:00 19.08.2019
Ein 22-jähriger Mann wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Durch ein Berufungsverfahren strebt er jetzt einen Freispruch vor dem Marburger Landgericht an.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die 2. Strafkammer eröffnete am Donnerstag, 15. August, unter dem Vorsitz von Richter Gernot Christ, ein Berufungsverfahren wegen des Deliktes der gefährlichen Körperverletzung. Vorausgegangen waren eine Verurteilung des Angeklagten seitens des Amtsgerichtes Marburg zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten sowie die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt.

Das Verfahren hatte der durch einen Anwalt vertretene 22-jährige Angeklagte mit dem Ziel des Freispruchs angestrengt. „Ich stamme aus dem Sudan und bin in Libyen geboren“, so die Aussage des Mannes bezüglich der Unstimmigkeiten des Geburtsdatums. Die Aussagen des Angeklagten sowie einiger Zeugen in arabischer Sprache übersetzte ein Dolmetscher.

Geschichte mit dem Messer sei frei erfunden

Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, dass er am 6. August des vergangenen Jahres einen Kontrahenten mit einem Messer unweit der Halsschlagader verletzt haben soll. Zu diesem ­Vorfall wurden ein Cousin des Angeklagten und eine Anzahl weiterer Zeugen einschließlich der Polizeibeamten und des ­behandelnden Arztes gehört.

Zu der Auseinandersetzung des Angeklagten mit seinem Kontrahenten am Tatort „Richtsberg“ soll es durch einen versehentlichen Handyanruf gekommen sein, durch den sich der Angerufene „veräppelt“ gefühlt und aggressiv reagiert habe. Der Angeklagte soll den 19-Jährigen verfolgt und vor einer Haustür mit dem Messer verletzt haben.

Der Anwalt des Angeklagten führte aus, dass es zwar zu einem Treffen und Streit gekommen sei. Die Geschichte mit dem Messer jedoch frei erfunden sei. Eingehend befragte Richter Christ den Angeklagten nach dem Tathergang und auch danach, warum dieser Anruf getätigt worden sei. Der Angeklagte gab vor, dass es sich hierbei um eine Namensverwechselung gehandelt habe.

Auf dem Weg zum „Richtsberg“ hätten er und sein Cousin einen Bekannten an dem dortigen Einkaufsmarkt treffen wollen. Auf diesem Weg sei ihnen der Kontrahent begegnet. Ein durchzechtes Wochenende des Angeklagten mit dem Genuss von Alkohol, Marihuana, Wodka und Kokain kam ebenfalls zur Sprache. Dieser sagte jedoch aus, dass er sich zum Zeitpunkt des Geschehens „bestens“ gefühlt habe.

"Jacke" durchlief Verhandlung wie ein roter Faden

Das Messer als besagte Tatwaffe wurde ebenso nicht gefunden wie eine ominöse mit Blut befleckte Jacke, die der Kontrahent nach seiner Verletzung und dem Absetzen eines polizeilichen Notrufs an einen zufällig vorbeikommenden Freund weitergegeben haben will, mit der Aussage: Er solle sie entfernen, damit es keinen Stress gäbe. Die Polizei sei verständigt.

Warum er sich so verhalten habe, wollte der Richter wissen: „Ich wollte meine Jacke schützen. Dies entspricht der Wahrheit.“ Die „Jacke“ durchlief die Verhandlung wie ein roter Faden. Im weiteren Verlauf sagte eine­ 19-Jährige aus, dass sie in einem Telefonat mit einer 17-Jährigen Zeugin eines Gesprächs zwischen dem Geschädigten und dessen 17-jährigem Freund ­geworden sei.

Der Geschädigte­ habe dabei darauf gedrängt, dass der andere aussagen solle,­ dass er die Jacke an sich genommen habe. Auch Staatsanwalt Bodenbenner erkundigte sich nach der Jacke. „Es hat keine Jacke gegeben. Ich kann mich nicht erinnern“, so der 17-Jährige. Warum die Jacke eigentlich so wichtig sei, fragten die 19-Jährige und die 17-jährige Zeugin. „Weil Blut daran ist“, war die Antwort.

Als Zeugen wurden Polizeibeamte und ein Kripobeamter befragt sowie der behandelnde Arzt des Geschädigten mit dem Tenor, dass der Geschädigte sich schon ungewöhnlich und eher „zugeknöpft“ gezeigt habe. Ein Bewährungshelfer des Angeklagten kam ebenfalls zu Wort.

von Helga Peter