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Marburg Landestheater stellt neues Programm vor
Marburg Landestheater stellt neues Programm vor
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15:00 21.05.2020
Die Gesellschaftskomödie „Ab jetzt zusammen“ mit Saskia Boden-Dilling (von links), Dominik Bliefert, Ben Knop und Jürgen Helmut Keuchel kehrt ins Erwin-Piscator-Haus zurück – aber vermutlich mit anderen Abstandsregeln.  Quelle: Jan Bosch
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Marburg

Am Eingang zum kleinen Tasch des Theaters am Schwanhof standen Desinfektionsmittel. Dort, wo normalerweise das Publikum dicht gedrängt Platz nimmt, saßen weit voneinander entfernt die Intendantinnen Carola Unser und Eva Lange sowie ihr Team. Auf Stühlen im Bühnenraum hockten die Gäste in angemessenem Sicherheitsabstand. Abstand halten ist das Gebot der Stunde – und das gilt auch für die deutschen Theater.

Wie sollen und wollen sie spielen unter diesen Bedingungen? Ins kleine Tasch, das normalerweise 99 Besucher fasst, dürfen wegen der Abstandsgebote nur noch 11 Besucher. In den Saal des Theaters am Schwanhof, der 200 Zuschauern Platz bietet, dann nur noch 24. Und im großen Saal des Erwin-Piscator-Hauses, das Platz für rund 1000 Zuschauer bietet, wäre grob geschätzt nach 70 bis 90 Gästen Schluss.

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Neues Format: Corona-Theater?

Keine leichte Aufgabe für die Marburger Theatermacher, zumal Theater von der Nähe lebt. Dies gilt sowohl für die Nähe zum Publikum, dessen Reaktionen für die Schauspielerinnen und Schauspieler eminent wichtig sind, als auch auf der Bühne für die Nähe unter den Darstellern. Wahrscheinlich wird man künftig überall in Deutschland neue Formen sehen, die man später vielleicht einmal Corona-Theater nennen wird. Wie wollen sie es auffangen? „Wir müssen häufiger spielen“, sagen Lange und Unser.

Dessen ungeachtet gehen die Intendantinnen des Landestheaters, Eva Lange und Carola Unser, optimistisch in die Spielzeit 2020/21 unter dem Motto „So: This Is Our Moment“ – in deutsch: „Das ist unser Moment“. Alles andere würde ihrem Temperament und ihrer Haltung wohl auch nicht entsprechen.

„Wir würden die Stücke nicht vorstellen, wenn wir nicht annehmen würden, dass wir sie spielen können“, sagte Eva Lange. Die beiden Intendantinnen haben gemeinsam mit ihren Dramaturginnen Christin Ihle und Lotta Seifert, mit Pressesprecherin Lisa Hedler und Romy Lehmann, der Botschafterin für Kollaboration und Unsinniges einen spannenden, abwechslungsreichen Spielplan präsentiert, der schon lange vor Corona fertiggestellt wurde.

13 Premieren und vier Uraufführungen

13 Premieren sind geplant, darunter sind vier Uraufführungen. Es gibt moderne Klassiker wie Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ und das Musical „Hair“, echte Schenkelklopfer wie die urkomische Komödie „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn, einen rührenden Weihnachts-Blockbuster wie „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und kleine, unbekannte Perlen wie „Amsterdam“ aus der Feder der israelischen Autorin Maya Arad Yasur oder ein Ausflug in Hannah Arendts Marburger Zeit mit „Hannah! Das Erwachen eines politischen Bewusstseins“ von Christian Franke.

Als hätten die Programmmacher die Krise vorausgesehen, eröffnen sie die Spielzeit am 18. September mit Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“.

Den Titel des Dramas kann man als direkten Kommentar zur Pandemie verstehen. Und einen Tag später geht es „Mutig, mutig“ für Kinder ab 3 Jahren weiter.

Premieren 2020/21

"Glaube Liebe Hoffnung“ von Ödön von Horváth: Spielzeiteröffnung, 18. September, Erwin-Piscator-Haus.

„Mutig mutig“ von Lorenz Paulie und Kathrin Schärer, Figurentheater ab 3, 19. September, Theater am Schwanhof.

„Mein ziemlich seltsamer Freund Walter“ von Sibylle Berg, Klassenzimmerstück ab 8, 23. September.

„Der Schnaps erkennt die Traurigkeit“ (Uraufführung) von Anna Morawetz, 26. September, Theater am Schwanhof.

„Der nackte Wahnsinn“ – Komödie von Michael Frayn, 14. November, im Theater am Schwanhof.

„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ – Weihnachtsstück nach Václav Vorlicek und Frantisek Pavlicek, 15. November, Erwin-Piscator-Haus.

„Hannah! Das Erwachen eines politischen Bewusstseins" (Uraufführung) von Christian Franke über Hannah Arendts Zeit in Marburg, 21. November, Theater am Schwanhof.

„Soundtrack eines Lebens“ (Uraufführung) von und mit Ben Knop und Michael Lohmann, 5. Dezember, Theater am Schwanhof.

„Biedermann und Brandstifter“ von Max Frisch, 15. Januar 2021, Theater am Schwanhof.

„Mensch, lass uns ein Wunder sein“ (Uraufführung), szenischer Liederabend mit Songs von Rio Reiser, 13. Februar, Erwin-Piscator-Haus.

„Amsterdam“ von Mara Arad Yasur, 24. April, Theater am Schwanhof.

Das Stück zur Zeit, 15. Mai, Theater am Schwanhof.

„Hair“ – Musical von Gerome Ragni, James Rado und Galt McDermott, Open-Air-Stück, 12,. Juni, Schlossparkbühne.

Seit Mitte März ist das Landestheater wegen des Corona-Lockdowns dicht. „Hair“ wurde bereits ins Jahr 2021 verschoben (die OP berichtete), drei weitere Premieren wurden abgesagt oder in die kommende Spielzeit verschoben, große Produktionen wie die musikalische Gesellschaftskomödie „Ab jetzt zusammen“ kamen gar nicht ins Rollen. Damit verbunden sind erhebliche Einnahmeausfälle.

Rund 450 000 Euro des 4,8 Millionen-Etats erwirtschaftet das Theater selbst, der Rest kommt vom Land Hessen und der Stadt Marburg. Oberbürgermeister und Kulturdezernent Dr. Thomas Spies machte aber deutlich: „Unser Theater nimmt keinen Schaden durch Corona, wie die ganze Marburger Kulturszene.“ Für ihn ist klar: Theater muss sein, unter allen Bedingungen.“

Sicher ist: Auch in der kommenden Spielzeit sind einige Stücke aus dem Repertoire weiter zu sehen. Das Musical „Cabaret“ kehrt zurück, ebenso „Ab jetzt zusammen“ und natürlich der Publikumsliebling: Jürgen Helmut Keuchel als „Der Hauptmann von Köpenick“.

von Uwe Badouin

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