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Marburg Marburger Land wird „Hauptwohnsitz“
Marburg Marburger Land wird „Hauptwohnsitz“
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08:58 26.01.2020
Die milde Witterung macht es möglich: Weißstörche finden auch während der Wintermonate rund um Marburg genügend Futter. Den Zug in den Süden ersparen sich immer mehr Vögel, oder sie kommen früher zurück als noch vor Jahren. Diese beiden Störche flogen Mitte Januar durch das Ohmrückhaltebecken. Foto: Thorsten Richter
Die milde Witterung macht es möglich: Weißstörche finden auch während der Wintermonate rund um Marburg genügend Futter. Den Zug in den Süden ersparen sich immer mehr Vögel, oder sie kommen früher zurück als noch vor Jahren. Diese beiden Störche flogen Mitte Januar durch das Ohmrückhaltebecken.  Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Gewöhnlich ziehen Weißstörche im August oder September ab, spätestens im Oktober. Aber: „Das war einmal“, weiß Winfried Kräling, Storchenbeauftragter des Nabu-Kreisverbandes Marburg-Biedenkopf und der Vogelwarte Frankfurt für den Landkreis Marburg-Biedenkopf.
Es komme immer häufiger vor, dass Störche sehr spät gen Süden fliegen oder sogar hier überwintern, weiß der Fachmann.

Das liege an den zunehmend milderen Wintern, erklärt er und ergänzt: Gegen Kälte seien Weißstörche recht gut gewappnet. Wichtig ist nach seinen Worten der dauerhafte Zugang zu Nahrung. Dazu zählen Kleinsäuger, Regenwürmer, Froschlurche, Eidechsen, Schlangen, Fische, große Insekten und deren Larven. Im späten Frühjahr und Sommer greift Adebar auch auf Eier und Jungtiere von Bodenbrütern zurück. Aber nur in absoluten Ausnahmefällen, betont der Schröcker Experte.

Er berichtet beispielhaft von zwei Störchen, die im Wetschaftstal – zwischen Wetter und Niederwetter – überwinterten. „Sie haben dort auch vorher gebrütet“, weiß er. Vögel, die hierbleiben, hätten einen Heimvorteil, wenn der Winter mild bleibe. Schließlich ersparen sie sich den Flug gen Süden.

2018 überwinterten zwölf Störche

Wenn die Winter dann doch strenger werden, reagieren die Weißstörche flexibel: „2018 überwinterten zwölf Störche in der Region“, erinnert Kräling. Im Februar gab es Kälteeinbrüche, am Ende waren alle Vögel abgezogen. Sie traten die sogenannte Winterflucht an.

„Im Falle eines unerwartet eintretenden Wintereinbruchs reichen die Energiereserven der Vögel für einen Flug in wärmere Gefilde aus“, sagt er und ergänzt: „Störche legen an einem Tag bis zu 400 Kilometer zurück. Solche Beobachtungen gab es, als sie bis nach Afrika flogen, was sie heute nur noch zu 
einem geringen Prozentsatz tun.

Der Storch sei ein Thermiksegler, nutze die Thermik aus, um aufzusteigen. Anschließend lege er unter Höhenverlust einen längeren Weg in die gewünschte Zugrichtung zurück. Das sei weitaus weniger energieaufwändig als der Ruderflug der Kraniche, erklärt Kräling.
Erfreut ist der Experte über die zunehmende Population an Weißstörchen.

35 Brutpaare wurden im vergangenen Jahr im Landkreis gezählt. Er schätzt, dass sich der Storchenbestand im Landkreis verdoppeln kann.Der Storch breite sich jedenfalls Richtung Norden aus.

Während im waldreicheren Hinterland eher der Schwarzstorch zu Hause ist, bevorzugt der Weißstorch die offeneren Flächen im Marburger Land. Nach der Brutzeit oder in trockenen Sommern besuchen die Weißstörche zur Nahrungssuche sogenannte Überflutungsflächen im Altkreis Biedenkopf.

Kräling erinnert, dass 1969 kein Weißstorch mehr im Landkreis brütete. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wurden wieder einzelne Tiere gesichtet. Erst 2007 ließ sich wieder ein Brutpaar nieder. Es baute seinen Horst auf dem Schornstein der ehemaligen Molkerei in Rauischholzhausen.

Von den im Landkreis brütenden Weißstörchen waren im Dezember noch acht vor Ort, drei hielten sich hier bis zum Jahresende auf, vier weitere der Landkreis-Störche in Büttelborn in Südhessen.

Am besten verfolgen lassen sich die Flugbewegungen der Vögel, wenn sie mit Sendern ausgestattet sind. Die sind mit Akkus ausgestattet, die über Sonnenenergie aufgeladen werden. Sie halten fünf bis sechs Jahre. Winfried Kräling berichtet von einem Storch, der im vergangenen Jahr in Ebsdorf brütetet und sich zurzeit in der Nähe von Madrid aufhält, mittlerweile im dritten Winter.

Beobachtung von Sörchen ist ein Krimi

"Störche kommen in der Regel zu ihren alten Brutstätten zurück“, berichtet der Experte. Die Männchen seien dabei ortstreuer als die Weibchen, weiß er. „Und sie kommen früher aus ihren Winterquartieren zurück.“

Es sei aber auch nicht außergewöhnlich, wenn ein neuer Brutplatz aufgesucht werde. Er berichtet von einem Weibchen, das im Landkreis dreimal den Brutplatz wechselte. Es könne passieren, dass ein Weibchen nicht zu seinem alten Horst zurückkehre, dann suche sich das Männchen eine neue Partnerin, sagt Kräling.

Der Schröcker hat auch schon beobachtet, dass ein Weibchen verspätet zurückkam, die Kontrahentin aus ihrem Horst vertrieb, die Eier aus dem Nest warf und selbst brütete. Auch Männchen geraten zuweilen aneinander. Bei solchem meist sehr kurzen Kräftemessen flögen nicht nur die Federn, es fließe auch Blut, sagt er. Und wie stellt er bei nicht mit Sendern ausgestatteten Vögeln fest, um welches Tier es sich handelt? Mit einem guten Teleobjektiv oder Spektiv könne man ab etwa 50 Meter Entfernung die Daten auf dem Ring ablesen, versichert er.

Der Beobachtung von Störchen widmet sich Winfried Kräling seit 2007. Die Gleichgesinnten sind gut untereinander vernetzt. Eine zentrale Rolle spielt die Vogelschutzwarte. Dorthin meldet Kräling etwa die Ringdaten von Störchen, die er nicht kennt. Das Beobachten von Störchen sei ein regelrechter Krimi, schwärmt er von seiner Leidenschaft.

von Hartmut Berge