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Marburg Marburger Kunstverein zeigt „Sweet Home“
Marburg Marburger Kunstverein zeigt „Sweet Home“
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14:00 21.01.2022
Das Foto zeigt Jens Gerber (von links), Mathias Weis, Christian Andreas Müller, Kurator Dr. Harald Kimpel und Joanna Schulte. Es fehlen die Künstler Ingmar Alge, Daniel Behrendt, Heinrich Mauersberger, Guido Zimmermann und Dagmar Weiß.
Das Foto zeigt Jens Gerber (von links), Mathias Weis, Christian Andreas Müller, Kurator Dr. Harald Kimpel und Joanna Schulte. Es fehlen die Künstler Ingmar Alge, Daniel Behrendt, Heinrich Mauersberger, Guido Zimmermann und Dagmar Weiß. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Abgeschottete Häuser ohne Fenster und Türen, sorgfältig gestapelter Sperrmüll als „Skulpturen des Überflusses“, großformatige Gemälde von Vorort-Bausünden, die im Ausstellungskatalog als „intakte Ruinen“ bezeichnet werden, Videos aus einer Vororthölle zeigen Natur, die in vermeintlich pflegeleichten Steingärten kalten Idealen von Aufgeräumtheit unterworfen wurde. „Sweet Home – Wohnen in Zeiten der Unbehaustheit“ heißt eine neue Ausstellung, die heute Abend um 18 Uhr im Marburger Kunstverein eröffnet wird. Zusammengestellt wurde sie von dem Kasseler Kunsthistoriker Dr. Harald Kimpel, der viele Jahre lang Vorstandsmitglied im Marburger Kunstverein war und dort in unregelmäßigen Abständen Themenausstellungen präsentiert hat. Diesmal geht es ihm im weitesten Sinne um die Frage: Wie lebt der Mensch? Nicht irgendwo in der Welt, sondern hier in Deutschland.

Kimpel hat neun Künstlerinnen und Künstler bewegt, sich mit ihren Arbeiten an der Ausstellung zu beteiligen: Herausgekommen ist eine ebenso bedrückende, ernüchternde wie witzige und originelle Ausstellung zur „Lage der Gegenwartsarchitektur“.

„Zwei globale Ereignisse – und ihre Folgen – haben in den vergangenen Jahren die Problematik des Behaustseins – und dessen Gegenteils – in den Fokus des sozialpolitischen Diskurses gerückt: Das weltweite Migrationsgeschehen und die Pandemie“, schreibt Harald Kimpel unter dem Titel „Vorstadtdämmerung“ im Katalog zur Ausstellung, der im Marburger Jonas-Verlag erschienen ist und mehr sein will, als ein bloßer Katalog zu einer befristeten Ausstellung. Die weltweite Migration, die Millionen von Menschen „auf gefahrvolle Land- oder Seerouten“ zwingt, spielt in „Sweet Home“ keine Rolle. Der durch die Pandemie erzwungene Rückzug in die eigenen vier Wände dagegen schon.

Die Künstlerinnen und Künstler Mathis Weis, Ingmar Alge, Christian Andreas Müller, Heinrich Mauersberger, Daniel Behrendt, Jens Gerber, Dagmar Weiß, Joanna Schulte und Guido Zimmermann werfen in ihren Arbeiten aber keinen Blick in das Innere von menschlichen Behausungen. Sie zeigen das Äußere, den Blick in Vorstadtsiedlungen, in Dörfer, auf Gebäude und Architekturen – mal mit fotografischen Mitteln, mal mit malerischen, mal mit bildhauerischen. Und das, was sie zeigen, ist nicht schön im herkömmlichen Sinne, sondern oft eher ernüchternd.

Mathias Weis hat die sogenannten Speckgürtel rund um Kassel durchstreift, zahlreiche Häuser in den zersiedelten Vororten fotografiert und dann in kleinformatige Gemälde umgesetzt. Er bespielt mit seiner Installation aus rund 110 Bildern den hinteren Raum im Erdgeschoss. Die kleinen Bilder im Format 20 mal 30 Zentimeter hat er in ein Raster gehängt, das Vorortsiedlungen symbolisiert. Weitere stehen auf Umzugskisten. Seine „Mobilien“ in „einmaliger Höhenlage in einer kinderfreundlichen Sackgasse“ erinnern mit dazugehörigen Texten an Maklerprospekte.

Kurator: „Nicht alle, die zelten, sind Camper“

„Intakte Ruinen“ zeigt Ingmar Alge in großformatigen Ölgemälden. Es sind verschlossene Häuser. Die Rollläden sind heruntergelassen, die Garagentore zu, große Hecken umgeben die Häuser wie Bollwerke.

Christian Andreas Müller geht in seinen Fotoarbeiten noch weiter: Seine Häuser – im Katalog werden sie als „geschlossene Gesellschaften“ bezeichnet – haben weder Türen noch Fenster. Es gibt kein Hinein, kein Hinaus. Was bleibt, ist die architektonische Kubatur.

Heinrich Mauersberger bildet in seinen Ölgemälden vorwiegend den ländlichen Raum ab. „Verlassen“ oder „Dorfrand“ hat er seine menschenleeren Bilder betitelt, die von Verfall zeugen. Daniel Behrendt wirft in seinen Ölgemälden Blicke auf Fenster. Verschwommen wirken sie, mal leuchtet einsam eine Lampe im Raum, mal sieht man ein Licht, oft gar nichts – nur graue Eintönigkeit.

Jens Gerber präsentiert ein ungewöhnliches, irritierendes Projekt: „Skulpturen des Überflusses“ hat sie Harald Kimpel in dem Katalog genannt. Gerber hat sich frühmorgens auf den Weg zu Straßen gemacht, in denen Sperrmüll abtransportiert wird. Normalerweise sind es willkürlich zusammengeworfene Haufen. Gerber hat den Überfluss geordnet – Stühle, Tische, Regale, Sofas oder Matratzen sorgfältig gestapelt und für seine Fotos arrangiert.

Ziemlich gruselig sind die Videos von Dagmar Weiß, die sie unter dem Titel „Buxus“ zeigt. „Buxus“ ist die biologische Bezeichnung für Buchsbäume. Sie hat sie gefunden, akkurat in Form geschnitten. In kalten, nüchternen Vorgärten aus Stein und Pflaster bilden sie das einzige Grün vor gepflegten Klinkerhausfassaden. Und sie hat tatsächlich Menschen gefunden, die in ihren Choreografien vor diesen unwirtlichen Häusern auftreten.

Joanna Schulte aus Hannover baut im Kunstverein ihre Installation „Paximat“ auf, benannt nach einem Diaprojektor der Form Braun. Das Familienzelt aus den 70er Jahren, bestückt mit unterschiedlichstem Interieur, ist eine autobiografische Arbeit, wie sie im Gespräch sagt. Kurator Kimpel sieht darin auch eine Metapher für die „neuen Nomaden der Wohlstandsgesellschaft: Nicht alle, die zelten, sind Camper.“

„Cuckoo Blocks“ nennt Guido Zimmermann seine Antwort auf traditionelle Kuckucksuhren, früher einmal Ausdruck einer ländlichen Heimeligkeit. Er packt seine Kuckucksuhren in Gehäuse, die urbanen Mehrfamilienhäusern, Plattenbauten oder Gebäuden aus der Zeit des Brutalismus nachempfunden sind.

Öffnungszeiten

Die Ausstellung ist bis zum 10. März zu sehen; geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr, Mittwoch von 11 bis 20 Uhr. Öffentliche Führungen werden jeden Samstag ab 16 Uhr angeboten. Der Eintritt ist frei. Für den Besuch des Kunstvereins gilt die 2G-plus-Regel.

Von Uwe Badouin

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