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Marburg „Hausgötter“ und Habitate
Marburg „Hausgötter“ und Habitate
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09:00 11.06.2021
Die Künstlerin Anja Warzecha stellt im Marburger Kunstverein aus.
Die Künstlerin Anja Warzecha stellt im Marburger Kunstverein aus. Quelle: Uwe Badouin
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Marburg

„Ich bin überhaupt kein Künstler. Ich bin ein Spaßvogel.“ Dr. Gerhard Pätzold, viele Jahre lang Bürgermeister und Kulturdezernent der Stadt Marburg und anschließend 24 Jahre lang Vorsitzender des Marburger Kunstvereins, schickt dies unmissverständlich voraus.

Skurrile, witzige Objekte im Eingangsbereich

Warum? Der Marburger Fotograf Edgar Zieser hat ihn überredet, seine „Hausgötter“ im Kunstverein zu zeigen. Zu sehen sind die skurrilen, witzigen Objekte in der kleinen Nische im Eingangsbereich. Zusammengesetzt hat er sie in Sommerurlauben am Strand von Sylt entdeckt hat: Schrauben, Schläuche, kleine Plastikfiguren und anderer Abfall der Konsumgesellschaft, den das Wasser an den Strand gespült hat. Der Begriff Monteur ist Pätzold eindeutig lieber. Der Erlös aus Verkäufen geht an den Kunstverein. Der Marburger Kunstverein eröffnet am heutigen Freitag um 18 Uhr nach monatelanger Corona-bedingter Pause wieder seine Türen mit einer neuen Ausstellung. Pätzolds „Hausgötter“ sind da nur ein kleiner Teil, die großen Flächen im Erdgeschoss und im Obergeschoss gehören ganz der jungen Künstlerin Anja Warzecha. „Es ist ein ganz besonderer Tag für uns“, freut sich der neue Kunstvereinsvorsitzende Dr. Michael Herrmann. „Es ist die erste Ausstellung für uns seit langer Zeit. Es ist ein Feiertag. Wir haben immer auf die Inzidenzen geschaut. Wir sind sehr, sehr froh, dass es wieder losgeht.“ Bis Mitte März kommenden Jahres sollen alle Ausstellungen nachgeholt werden, die wegen der Pandemie ausfallen mussten, erklärt Geschäftsführerin Dr. Carola Schneider.

Anja Warzecha ist eine junge Künstlerin – und doch bespielt sie alleine souverän die großen, frisch geweißten Wandflächen im Kunstverein. Das ist selten beim Marburger Kunstverein, der in seinen Ausstellungen oft zwei Künstler oder Künstlerinnen präsentiert.

„Habitat“ – Lebensraum – nennt Anja Warzecha ihre Ausstellung. Das Erdgeschoss ist geprägt durch großformatige Malerei – meist im Maßstab 2,20 mal 1,80 Meter. Mit Acryl und Öl bannt sie „Erinnerungsarchitekturen“ oder Landschaften auf die Leinwände. Teppiche, Fliesen, eine Ikea-Lampe, Holzbretter, Planen oder Gitter formt sie collageartig zu Hausfassaden; Palmen, Blumen, Berge, Täler oder Sträucher zu zusammengesetzten, ebenfalls „erinnerten“ Landschaften.

Dreidimensionaler Charakter

Im Obergeschoss zeigt sich die 1989 in Bochum geborene Künstlerin äußerst vielseitig. Kleine Zeichnungen von Schrebergärten hängen dort. Große Bilderwürfel liegen im Raum. Auf allen Seiten bemalt, warten sie darauf, zu einem Architekturbild zusammengesetzt zu werden. Eltern kennen diese Bilderpuzzles für Kleinkinder, doch Anja Warzechas Puzzle geht nicht auf. Im großen Raum präsentiert sie Landschaften, die durch ihre Plexiglaskonstruktion an Dioramen erinnern und die einen dreidimensionalen Charakter haben. Daneben hängen wieder große Architekturen – Häuserfronten, die aus 20 Bildern zusammengesetzt sind.

Die richtig zu platzieren, ist für die ehrenamtlichen Helfer des Kunstvereins eine Herkulesaufgabe. Hunderte Nägel mit breiten Köpfen müssen im exakten Abstand in die Wand geschlagen werden. Die einzelnen Bildausschnitte werden mit Magneten darauf befestigt – je vier pro Bildausschnitt.

Im Erdgeschoss zeigt der Kunstverein zudem die Klanginstallation „Tan Bone“ von Kam Seng Aung und Joshua Weitzel, die die Proteste gegen die Gewaltherrschaft der Junta in Myanmar thematisiert. Die Aufnahmen von den Protesten wurden von Kam Seng Aung am 5., 7., 8. und 9. Februar in Yangon (früher Rangun) aufgenommen. Als Lautsprecher dienen Woks.

Die Ausstellung wird am heutigen Freitag um 18 Uhr eröffnet. Sie ist bis zum 29. Juli zu sehen, geöffnet dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr, mittwochs von 11 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Jeden Samstag finden ab 16 Uhr öffentliche Führungen mit Friederike Hagel statt.

Zur Eröffnung sind unter den bestehenden Corona-Regeln 100 Besucherinnen und Besucher zugelassen. Im Kunstverein gilt Maskenpflicht.

Von Uwe Badouin