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Marburg Vom Revoluzzer zur Legende
Marburg Vom Revoluzzer zur Legende
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18:57 13.11.2021
Der Sammler Ludwig Rinn hat dem Kunstmuseum die Werke für die Ausstellung „Kompass Beuys“ zur Verfügung gestellt. 
Der Sammler Ludwig Rinn hat dem Kunstmuseum die Werke für die Ausstellung „Kompass Beuys“ zur Verfügung gestellt.  Quelle: Christian Stein
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Marburg

Kaum ein Künstler des vergangenen Jahrhunderts hat so sehr polarisiert wie Joseph Beuys: Für die einen war er der Erneuerer der deutschen Nachkriegskunst, für die anderen ein völlig überschätzter Märchenerzähler.

Beuys, der von sich sagte: „Ich bin der Narr, der Idiot mit dem Filzhut“, war ein Medienstar. Er zählt zu den meistfotografierten Künstlern der 1960er- bis 1980er-Jahre – und für die jüngeren unter unseren Leserinnen und Lesern: Damals gab es noch keine Smartphones, kein Internet, kein Instagram oder Facebook.

Joseph Beuys, der am 23. Januar 1986 im Alter von 65 Jahren an einem Pilz in der Lunge starb, wäre am 12. Mai 100 Jahre alt geworden. 2021 wurde somit ein Beuys-Jahr – mit einem Ausstellungsmarathon: die Staatsgalerie Stuttgart, die Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen, das Kunstmuseum Krefeld, die Stiftung Zollverein in Essen, das Berliner Museum für Gegenwart, die Bundeskunsthalle in Bonn und das Lehmbruck-Museum in Duisburg (um nur einige zu nennen) – sie alle zeigten und zeigen Beuys, den Künstler, der einmal erklärte: „Hiermit trete ich aus der Kunst aus.“

Beuys sorgte für Schlagzeilen

Im Beuys-Jubeljahr mischt jetzt auch das Kunstmuseum Marburg mit – mit der beeindruckenden Ausstellung „Kompass Beuys“, die am Mittwochabend eröffnet wurde. Bis zum 27. Februar sind mehr als 80 Arbeiten des umstrittenen Künstlers zu sehen, dessen Namen fast jeder schon einmal gehört hat – und sei es wegen des Prozesses um eine zerstörte Beuys’sche Fettecke. Die Arbeiten stammen aus der Sammlung des Juristen und Kunsthistorikers Ludwig Rinn.

Schlagzeilen machte Beuys immer wieder – mit Kunstaktionen und politischen Aktionen etwa an der Kunstakademie Düsseldorf, die schließlich 1972 in die fristlose Entlassung des Professors durch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau mündeten. Doch da strahlte Beuys schon hell am deutschen und internationalen Kunsthimmel – etwa durch die Beteiligung an der documenta 5 in Kassel.

Mit der Ausstellung „Kompass Beuys“ eröffnet das Museum der Philipps-Universität zugleich seinen neuen Raum der Graphischen Sammlung. „Dass wir zur Eröffnung eine Schau mit einer solchen Strahlkraft zeigen können, ist ein absoluter Glücksfall“, freut sich Museumsdirektor Dr. Christoph Otterbeck.

Beuys-Zitate

Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“

Die Kunst ist in einer Krise. Alle Gebiete sind in einer Krise.“

Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Genauer: „Er ist ein Künstler, ob er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt. Da, wo er seine Fähigkeiten entfaltet, ist er Künstler.“

Wer nicht denken will, fliegt raus.“

Demokratie ist lustig.“

Mit dummen Fragen fängt jede Revolution an.“

Die Ausstellung umspannt einen Zeitraum von 40 Jahren. Das Spektrum der Stilmittel ist groß: Bleistiftzeichnungen sind zu sehen, Arbeiten mit Beize, Ölfarben, Tinte, Fett, Filz und sogar Blut sowie Objekte wie die Rauminstallation mit dem Titel „öö“, in der Beuys auch Materialien seines „Büros für Direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ von der documenta 5 im Jahr 1972 verarbeitete.

Ludwig Rinn hat 1966 in München als Jura-Student die ersten beiden Zeichnung von Beuys erworben. Damals habe er Beuys noch nicht gekannt, der war aber schon auf dem Weg zum „Jahrhundertkünstler“, als der er heute gefeiert wird. Ein Jahr später besuchte Rinn die erste große Beuys-Ausstellung in Mönchengladbach und war begeistert von der „Kraft und Bedeutung“ des Künstlers.

Krause: Beuys’ Themen noch hochaktuell

1968 suchte er Beuys persönlich in Düsseldorf auf. Es habe sich „ein gutes Arbeitsverhältnis“ zwischen dem Künstler und dem Sammler entwickelt. Gemeinsam mit dem Künstler baute er die „authentische Beuys-Sammlung“ auf, die einen umfassenden Einblick in die Ideenwelt des Künstlers gibt, zentrale Motive und Themen des Frühwerks zeigt und auf wichtige Kunst-Aktionen des Künstlers hinweist. Die letzte Begegnung zwischen Beuys und Rinn fand 1985 statt – ein halbes Jahr vor dem Tod des Künstlers.

Unipräsidentin Professorin Katharina Krause, selbst Kunsthistorikerin, sagte: „Es ist eine große Freude, zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys diese bedeutende Sammlung zu zeigen.“ Seine Themen wie Umwelt und Demokratie seien noch immer hochaktuell. Eva Claudia Scholtz von der Hessischen Kulturstiftung, die die Ausstellung und den Katalog finanziert, nannte Beuys den „wirkmächtigsten Künstler“ der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung sei der spannende Abschluss des Beuys-Jubiläumsjahres in Hessen.

Ludwig Rinn betonte: „Beuys hat mich zum Sammler gebildet und zur Verantwortung für die Sammlung und die Kunst aufgerufen.“ Museumsdirektor Otterbeck, der die Ausstellung gemeinsam mit Ludwig Rinn konzipierte, eröffnete sie ganz im Sinne von Beuys mit einem Nebelhorn.

Ludwig Rinn

Ludwig Rinn ist in Gießen aufgewachsen, hat in München Jura und Kunstgeschichte studiert. In den späten 1970er Jahren besuchte er erstmals das ehemalige Atelier- und Wohnhaus Otto Ubbelohdes in Goßfelden – damals aus „sammlerischem Interesse“.

Ubbelohde ließ ihn nicht los. 1984 stellte er der im Haus lebenden Ubbelohde-Enkelin Else Ubbelohde-Doering seine Idee einer gemeinnützigen Stiftung vor. Nach dem Tod Else Ubbelohde-Doerings wurde im Februar 1991 die Stiftung für die Trägerschaft des Ubbelohde-Hauses gegründet.

Seit der konstituierenden Sitzung des Stiftungsrates am 10. Februar 1994 ist Ludwig Rinn ehrenamtlicher Stiftungsvorstand. Ohne sein Engagement gäbe es das Ubbelohde-Haus in dieser Form vermutlich nicht. Ludwig Rinn war zugleich künstlerischer Berater der Marburgerin Hilde Eitel, die ihre bedeutende Sammlung moderner Kunst dem Marburger Kunstmuseum vermacht hat. Ludwig Rinn ist 82 Jahren alt.

Von Uwe Badouin