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Marburg Vom Blutsauger zum Kuschelvampir
Marburg Vom Blutsauger zum Kuschelvampir
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19:59 17.08.2020
Rowin aus Dresden zeigt als Vampir verkleidet seine Zähne. Archivfoto: Arno Burgi/dpa
Rowin aus Dresden zeigt als Vampir verkleidet seine Zähne. Quelle: Arno Burgi/dpa/Archiv
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Marburg

„In der Figur des Vampirs manifestiert sich das Beste wie das Schlechteste, was Menschen sich zutrauen“, schreiben die beiden Marburger Kulturwissenschaftlerinnen Dr. Marion Näser-Lather und Dr. Marguerite Rumpf.

Aber unsere Vorstellungen von dem blutsaugenden Wesen hätten im Lauf der Jahrhunderte einen Wandel erlebt, den Thomas Macho auch als einen „Zivilisationsprozess der Vampire“ bezeichnet.

Dieser Wandlungsprozess soll in dem jetzt erschienen Buch mit dem schlichten Titel „Vampire“ aus ethnologisch-kulturwissenschaftlicher Sicht nachgezeichnet werden.

„Zwischen Blutdurst und Triebverzicht“: Dies ist der Untertitel des Buchs, das jetzt im Marburger Büchner-Verlag erschienen ist. Es ist das Ergebnis eines universitären Projektes.

Hauptthema ist die europäische Variante

Zwei Semester lang beschäftigten sich angehende Marburger Kulturwissenschaftler in einem Seminar an der Marburger Universität unter der Leitung von Dr. Marion Näser-Lather und Dr. Marguerite Rumpf mit dem Vampir-Mythos ( die OP berichtete ). Das Ergebnis ist jetzt in einem Sammelband mit fünf Aufsätzen der Seminar-Teilnehmer und einer Einleitung der Leiterinnen in Buchform nachzulesen.

Der Glaube an lebende Leichname, blutsaugende Dämonen oder Wiedergänger, die nach dem Tod die Lebenden schädigen, stellt ein kultur- und zeitübergreifendes Phänomen dar, heißt es in der Einleitung. Hauptthema des Buchs ist aber vor allem die europäische Variante der Figur des Vampirs.

Neben dem Blutsaugen sei den Vampiren als übermächtige Wesen außergewöhnliche Fähigkeiten zugeschrieben worden wie die Änderung ihrer eigenen Gestalt, die Selbstheilung oder das Sich-Unsichtbar-Machen. Zu den Schwachstellen werden unter anderem die Empfindlichkeit gegenüber dem Tageslicht gezählt sowie die Unfähigkeit, fließendes Wasser zu passieren.

Geschlechterkampf spielt eine Rolle

„Die in diesem Band thematisierte Figur ist jedoch keine rein männliche. Insbesondere seit Ende des 18. Jahrhunderts wurden in literarischen Erzählungen Männer zu Opfern und Vampirinnen zu Täterinnen mit den Hauptmotiven des Geschlechterkampfs“, heißt es in der Einleitung. Zudem geht es auch noch um einen ganz aktuellen Symbolwandel in der Vampirfigur, verkörpert beispielsweise durch Edward aus der weltweit erfolgreichen „Twilight“-Saga von Stephenie Meyer.

Im Mittelpunkt stehe jetzt das Vampir-Bild als Symbol für das Ringen um Triebverzicht. Und Vampire werden jetzt vermehrt als teilweise selbstquälerische, asketische Wesen gezeigt, die das Töten von Menschen bereuen und es minimieren oder gar als auch für Teenies geeignete „Kuschelvampire“ ganz darauf verzichten.

Aufsätze von Studierenden im Mittelpunkt

„Mensch, Monster, Metamorphosen“: Unter diesem Titel analysiert Franziska Peikert den Gestaltwechsel von Vampiren in Fernsehserien wie „Buffy“. Sie stellt dar, wie die „inneren Monster“ der Serienvampire auf unterschiedliche Weise filmisch sichtbar gemacht werden.

Sandra Schwarzmann untersucht in ihrem Beitrag „From Zero to Shero“ die feministischen Botschaften von Vampir-Serien. So macht sie deutlich, dass Vampirjägerinnen im Fernsehen auch zu Feminismus-Ikonen werden konnten und untersucht die Verbindungsstelle Jäger/Vampir.

„Die Bändigung des Biestes“: So heißt der Untertitel des Aufsatzes von Alexander Gerdes. Darin fragt er anhand des Beispiels eines Vampir-Rollenspiels danach, inwieweit der Triebverzicht des Vampirs auch als ein Mittel des sozialen Wandels verstanden werden kann.

Manche Menschen fühlen sich als Vampire

In seinem Aufsatz „Blutverzehr in dunklen Gassen“ hat Nils Weber zwei Computerspiele untersucht, in denen Vampire eine entscheidende Rolle spielen. Vor allem geht es ihm dabei um die neue Genrestruktur, die das digitale Spiel vom Medium Film unterscheidet.

„Realer Vampyrismus? Wie leben Vampyre?“: Das fragt Alina Januschek in ihrem Beitrag. Sie hat in einem Grenzbereich des Alltags Interviews mit zwei Frauen geführt, die sich selbst als Vampirinnen verstehen. Die eine von beiden hat einen „Blutfetisch“ und trinkt das Blut, das sie von Bekannten gespendet bekommen hat. Die andere sieht sich als Energie-Vampirin, die nach eigenen Angaben die Energie anderer Menschen wahrnehmen kann und sich daran bereichert.

  • Marion Näser-Lather & Marguerite Rumpf (Herausgeberinnen): Vampire. Zwischen Blutdurst und Triebverzicht. Büchner-Verlag Marburg. 172 Seiten. 22 Euro.

Von Manfred Hitzeroth