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Marburg Konfliktforscher erhalten 380.000 Euro für Krisensimulation
Marburg Konfliktforscher erhalten 380.000 Euro für Krisensimulation
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20:00 23.02.2022
Migranten fliehen im September 2020 vor einem Feuer mit ihren Habseligkeiten aus dem griechischen Flüchtlingslager Moria, nachdem zuvor bereits mehrere Feuer das Lager nahezu vollständig zerstört haben. Die Marburger Konfliktforscher erweitern die studentische Kriseninterventionssimulation um Teilnehmer aus dem Ausland.
Migranten fliehen im September 2020 vor einem Feuer mit ihren Habseligkeiten aus dem griechischen Flüchtlingslager Moria, nachdem zuvor bereits mehrere Feuer das Lager nahezu vollständig zerstört haben. Die Marburger Konfliktforscher erweitern die studentische Kriseninterventionssimulation um Teilnehmer aus dem Ausland. Quelle: Petros Giannakouris
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Marburg

Studierende sollen als Entscheidungsträger von morgen an der Universität lernen, dass sie die Komplexität politischer und gesellschaftlicher Konflikte erkennen. Soweit die Theorie. Am Zentrum für Konfliktforschung (ZfK) der Uni Marburg erproben Studierende bereits regelmäßig den Ernstfall: So schlüpfen sie in die Rolle internationaler Friedens-, Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen (NGOs) und sammeln so praktische Erfahrungen in der Konfliktbewältigung.

Mit dem Projekt „Simulating Human Rights in Peacebuilding“ (SHARINPEACE) sollen die erfolgreichen Simulationen zukünftig gemeinsam mit Partnerhochschulen aus Dänemark, Polen, Schweden, Serbien und Deutschland europaweit durchgeführt werden.

Krisenplanspiele seit mehr als zehn Jahren

Bereits seit mehr als zehn Jahren finden die jeweils zweitägigen Krisenplanspiele bei den Konfliktforschern an der Uni Marburg statt. Dabei wird nach einer dreimonatigen umfassenden Vorbereitung in dem Planspiel ein realer Konflikt wie beispielsweise der Brand im griechischen Flüchtlingslager Moria als Ausgangsszenario genommen. Hinzu kommen dann fiktive Eskalationsstufen, auf die die studentischen Teilnehmer reagieren müssen.

Die Studierenden entwickeln in ihren jeweiligen Rollen als Vertreter der unterschiedlichen Organisationen dann verschiedene Strategien, wie sie den Konflikt deeskalieren und lösen können. Das Ziel der Marburger Simulation ist jeweils die Erarbeitung einer Konfliktanalyse für das Auswärtige Amt sowie eines Handlungsplans für die Bundesregierung, erläutert Dr. Stéphane Voell, der zusammen mit Professor Thorsten Bonacker und Dr. Kerstin Zimmer das Marburger Lehrmodul organisiert.

Auch wenn es theoretisch wahrscheinlich reizvoll wäre, werden in den Szenarien nicht die ganz aktuellen Konflikte nachgespielt, weil die Simulation dann zu nahe an der politischen Realität wäre. Zudem wisse man nie genau, wie weit der aktuell schwelende Konflikt in der Realität noch weiter eskaliere, wenn er noch nicht abgeschlossen sei.

So würde der Russland-Ukraine-Konflikt derzeit jedenfalls noch nicht in das Visier der Konfliktforscher geraten. Zum Konzept des Marburger Modells gehört es, dass die Studierenden nicht in die Rollen von Vertretern der direkten Konfliktparteien schlüpfen, sondern sie spielen Vertreter von politischen Hilfsorganisationen. Das erläuterte Stéphane Voell im Gespräch mit der OP. Damit die Studierenden ihr Rollenprofil auch möglichst überzeugend ausfüllen, nehmen sie bei der Vorbereitung Kontakt mit den jeweiligen Organisationen auf, um sich über deren Arbeitsweise zu informieren.

In der Corona-Pandemie wurde das regelmäßig an der Uni Marburg ausgerichtete Planspiel als Online-Planspiel weitergeführt. So kam den Machern die Idee der Ausweitung des erfolgreichen Lehrmoduls um eine internationale Komponente. So sollen nun Studierende aus anderen europäischen Ländern ebenfalls online mit dabei sein.

„Internationale Premiere“ des Marburger Planspiels

Im Juli steht nun die „internationale Premiere“ des Marburger Planspiels an. Dafür läuft die inhaltliche Vorbereitung bereits auf vollen Touren. Statt wie bisher auf Deutsch wird dann in der Online-Simulation auf Englisch gesprochen werden.

Und wahrscheinlich soll dann am Ende die Entwicklung eines Handlungsplans auf EU-Ebene stehen. Klar ist schon, dass es um einen Konflikt in Zentralasien geht – wahrscheinlich ausgehend von den Protesten gegen gestiegene Gaspreise, die Anfang des Jahres in Kasachstan zu schweren Unruhen mit mehr als 200 Toten geführt hatten. Das genauere Szenario soll aber noch erarbeitet werden.

Darüber hinaus soll in der Simulation auch auf Wunsch der Europäischen Kommission ein stärkerer Fokus auf die Vermittlung des Zusammenhangs zwischen Menschenrechten und Frieden gelegt werden. „Frieden und Menschenrechte stehen in einem engen Zusammenhang. Ohne die Einhaltung von Menschenrechten ist der Frieden brüchig und ohne Frieden können Menschenrechte nicht verwirklicht werden“, macht Stéphane Voell deutlich.

Lehrpreis und EU-Förderung

Das Projekt „SHARINPEACE“ erhält eine Förderung von knapp 380.000 Euro im Rahmen der Erasmus+ Cooperation Partnerships der Europäischen Union.

Neben der koordinierenden Philipps-Universität Marburg sind die Justus-Liebig-Universität Gießen, die Hochschule Södertörn (Stockholm), die Süddänische Universität, die Universität Łodz sowie die private Universität Singidunum (Belgrad) am Projekt beteiligt. Gefördert wird das erweiterte Vorhaben für die Dauer von drei Jahren. Neben vorbereitenden Workshops mit Friedens-, Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen stehen auch Gespräche mit Vertretern der Europäischen Kommission auf dem Programm.

Es soll ein Lehrmodul entwickelt werden, das zweimal stattfindet und evaluiert wird. Am Ende soll auch ein Lehrmodell entwickelt werden, das auch andere Hochschulen umsetzen können.

Für ihre Weiterentwicklung der am Uni-Zentrum für Konfliktforschung erarbeiteten Kriseninterventionssimulation hatten Dr. Stéphane Voell, Professor Thorsten Bonacker und Dr. Kerstin Zimmer bereits im vergangenen Jahr den Lehrpreis „Lehre@Philipp“ der Philipps-Universität Marburg erhalten.

Von Manfred Hitzeroth

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