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Marburg Bilderstürmerei oder Geschichtskritik?
Marburg Bilderstürmerei oder Geschichtskritik?
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17:51 21.07.2020
Ein Blick auf das Straßenschild der Bismarckstraße im Marburger Südviertel. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Forderung nach einer Umbenennung der Bismarckstraße sorgt in der Kommunalpolitik für unterschiedliche Reaktionen. Hintergrund: Der Marburger Jugendverband der Föderation demokratischer Arbeitsvereine (DIDF) fordert die Umbenennung der Südviertel-Straße, perspektivisch auch des Bismarckturms im Hansenhausviertel, und will statt des Ex-Reichskanzlers den Opfern rechter Gewalttaten in Deutschland seit 1990 erinnern ( die OP berichtete ). Die OP hat Stimmen dazu bei den Parteien gesammelt:

Der Schritt, Denkmäler umzubenennen oder gar abzureißen, sei aus „vielerlei Gründen nicht zielführend, gar kontraproduktiv“, sagt Jens Seipp, CDU-Fraktionschef. Es handele sich eher um „ideologische Bilderstürmerei“, keine sachliche Ausgewogenheit – sagt Landtagsabgeordneter Dirk Bamberger.

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Bismarck und sein politisches Handeln müsse laut CDU „immer im zeitlichen Kontext gesehen, bewertet und gekennzeichnet werden“ – anders etwa als bei Kriegsverbrechern, die aus dem öffentlichen Leben „verschwinden müssen“. Dem kritischen Umgang mit der Kolonialzeit stehe nichts im Wege, ergänzt Walter Jugel, Stadtverordneter. Für Bewohner und Händler würde allerdings eine Umbenennung eine „Belastung in erheblichem Maße“ bedeuten.

Bewertung Bismarcks als Reichskanzler

Als „wichtigen Impuls“ zum Start einer Debatte sieht Renate Bastian, Fraktionsvorsitzende der „Marburger Linken“, den Vorstoß zur Umbenennung der Bismarckstraße. Auch die von den Linken angestoßene Aufarbeitung der Geschichte der Marburger Jäger habe schließlich zu einer „kritischen Installation“ am Denkmal geführt und stelle ein Beispiel für die Neubewertung von militaristischen Aspekten der Marburger Stadtgeschichte dar. Insofern füge sich der Vorschlag zur Neubenennung in diese „geschichtskritische Haltung“ in Marburg ein, meint Bastian.

Im Zentrum der Debatte müsse dabei die politische Bewertung Bismarcks als Reichskanzler stehen. Dazu gehöre sowohl die sozialgeschichtliche und politische Bewertung des Sozialistengesetzes mit dem Verbot von sozialdemokratischer und kommunistischer Betätigung ebenso wie die erste Sozialgesetzgebung.

Weitere Namen auf der Liste

Zu erforschen gebe es noch, welche Rolle der Kolonialismus in diesem Kontext spiele. „Die Schlussfolgerungen aus dieser politischen Debatte sollten in der Stadtgesellschaft ebenfalls im Rahmen des öffentlichen Diskurses erörtert werden“, bilanziert die Linken-Fraktionsvorsitzende.

Auch die Grünen befürworten, „die Diskussion, die eigene Geschichte kritisch zu hinterfragen“, teilt Grünen-Fraktionsvorsitzender Dietmar Göttling mit. Allerdings solle sich die Diskussion um mögliche Straßenumbenennungen nicht nur auf Bismarck beziehen. Beispielsweise sollten auch Hans Meerwein oder Ernst Moritz Arndt, nach denen in Marburg auch jeweils eine Straße benannt ist, in die Diskussion einbezogen werden, so Göttling.

Votum der Bürger vor Ort im Blick

In eine solche Debatte sollten nach Ansicht Göttlings die Marburger Geschichtswerkstatt, Historiker, Politiker und „die Zivilgesellschaft“ einbezogen werden. Am Ende müsse entschieden werden, welche Konsequenzen konkret gezogen werden sollten. Dabei solle dem Votum der Bürger vor Ort und dem Ortsbeirat hohes Gewicht beigemessen werden, meint Göttling.

Dass die Person Otto von Bismarck geschichtlich betrachtet weiterhin umstritten sein werde, dafür gibt es laut dem SPD-Fraktionschef Matthias Simon gute Gründe. Eine Straßenumbenennung mitten in der Stadt bedürfe allerdings aufgrund der Betroffenheit zahlreicher Anwohner einer „intensiven Debatte“ mit weiten Teilen der städtischen Gesellschaft. Diese Debatte könne – gerne auch unter Einbindung von Historikern – ergebnisoffen geführt werden.

Von Manfred Hitzeroth und Björn Wisker

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