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Marburg „Gemeinsam sind wir Klimaschutz“
Marburg „Gemeinsam sind wir Klimaschutz“
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14:58 20.12.2020
Die Stadt Marburg will bis 2030 klimaneutral sein und hat einen Aktionsplan unter Mitwirkung der Marburger Bürger erstellt, der jetzt umgesetzt werden soll. Quelle: Sina Ettmer/stock.adobe.com
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Marburg

Damals, im Sommer 2019, hat die Stadt Marburg die menschengemachte „Klimakrise als existenzielle Bedrohung für die Artenvielfalt und den Menschen anerkannt“.

Zwischen beiden Beschlüssen lag allerdings viel Arbeit. Als Ergebnis ist ein 130-seitiger Aktionsplan ausgearbeitet worden, den die Verwaltung in Kooperationen, unter anderem mit den Stadtwerken und der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GeWoBau, sowie unter Beteiligung vieler Bürger in Workshops erstellt hat.

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Den öffentlichkeitswirksamen Auftakt auf dem Weg zum Aktionsplan machte der prominente Meteorologe Sven Plöger mit dem Vortrag „Klimawandel – gute Aussichten für morgen?“

Es folgten mehrere Veranstaltungen mit der Beteiligung vieler engagierter Marburger und schließlich das Zusammentragen von Ideen zum Klimaschutz. Hunderte Vorschläge wurden eingereicht, geprüft, bewertet und schließlich priorisiert nach der Umsetzbarkeit.

Stadt investiert mindestens 130 Millionen Euro

Zusammengefasst bedeutet der Aktionsplan: „Gemeinsam schaffen wir Klimaschutz in Marburg – nicht nur als Verwaltung, sondern als ganze Stadt“, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. Dazu gehöre energetische Sanierung – sozial gerecht umgesetzt –, regenerative Energiegewinnung, klimafreundliche Mobilität und die Unterstützung der Bürger, die dabei mitmachen sollen, dass die Stadt Marburg klimaneutral wird.

Bis 2030 investiert die Stadt selbst mindestens 130 Millionen Euro in das Mammut-Projekt. Der größte Brocken davon entfällt auf die energetische Sanierung von städtischen Liegenschaften und auf die Unterstützung der Sanierung von Wohnungsbau, berichtet Bürgermeister Wieland Stötzel.

Hinzu kommen finanzielle Anreize für Marburger Bürger, die sich für den Klimaschutz einbringen wollen. „Allein für das nächste Jahr stehen rund eine Million Euro an Fördermitteln im städtischen Haushalt zur Verfügung“, sagt Stötzel. Abgerufen werden können zum Beispiel Zuschüsse für klimafreundliches Wohnen, für das Anlegen von Gründächern, für den Kauf von E-Bikes oder E-Lastenräder und auch für Nachbarschaftshilfe.

Ab jetzt gelten die Förderrichtlinien

„Die neuen Förderrichtlinien gelten ab jetzt“, sagt Spies. Die Initialzündung für den Klima-Aktionsplan haben vor allem auch die jungen Menschen gegeben, die sich bei „Fridays for Future“ engagieren. Deren Elan, Energie und konstruktive Fröhlichkeit haben Spies imponiert.

Der Weg vom Marburger Klimanotstand bis zum Klima-Aktionsplan für die ganze Stadt sei deshalb auch mit den jungen Aktivisten abgestimmt worden. Insgesamt waren 400 Menschen an dem Projekt beteiligt. Mehr als 600 Vorschläge zum Klimaschutz befinden sich noch im Anhang an den Aktionsplan. „Nicht alle sind umsetzbar“, sagt Spies. Aber die Stadt konnte aus einem umfangreichen Fundus schöpfen.

Weit mehr als 100 Vorschläge hat die Stadtverordnetenversammlung als kommunalpolitische Maßnahmen zur Umsetzung beschlossen. „Jetzt werden sie abgearbeitet“, erklärt der Oberbürgermeister.

„Ich empfinde es eher als Gewinn“

Ob der Aktionsplan auch die gewünschte Wirkung erzielt, soll vierteljährlich kontrolliert werden. Das Augenmerk liegt darauf, zu prüfen, welche der Möglichkeiten tatsächlich umgesetzt worden sind. In Planung ist deshalb eine CO2-Bilanz für die Stadt. „Es gibt aber bislang noch keine Methode, mit der für eine individuelle Kommune messbar ist, was sich bei ihr in Sachen Klimaschutz geändert hat. Deshalb entwickeln wir jetzt eine solche Methode“, sagt Spies.

Der Oberbürgermeister geht in Sachen Klimaschutz mit einem guten Beispiel voran: „Seit ich verstanden habe, wie viel CO2 beim Fliegen entsteht, bin ich nicht mehr geflogen. Ich gehe viel zu Fuß oder nutze Bus und Bahn. Wenn es dienstlich mal nicht anders geht, fahre ich mit einem Elektro-Hybrid-Auto. Wir achten auch zuhause darauf, weniger Fleisch zu essen.“ Spies hat festgestellt, dass seine Anstrengungen zum Schutz des Klimas eigentlich keinen Verlust an Lebensqualität mit sich bringen – im Gegenteil: „Ich empfinde es eher als Gewinn“, sagt er.

Spies ist überzeugt, dass die Menschen eigentlich mehr tun möchten. Aber: „Klimaschutz scheint ein riesiger Berg zu sein. Deshalb haben wir ihn in schöne kleine Brocken zerlegt – zum Abarbeiten“, sagt Spies. Die Strategie der Stadt sei es, mit dem Aktionsplan viele Menschen für ein klimafreundliches Verhalten zu gewinnen.

„Bisherige Erfolge reichen nicht aus“

Der Klima-Aktionsplan ist als ein sich stetig verändernder Prozess gedacht. Dabei liegt der Fokus auch auf der Entwicklung der Rechtslage und der Förderprogramme. In letzter Konsequenz soll möglichst viel möglichst kostengünstig umgesetzt werden. Auf diese Weise soll das Risiko, dass der Aktionsplan in irgendeiner Schublade verschwindet, vermieden werden.

In der Vergangenheit seien bereits viele Maßnahmen zum Klimaschutz auf der lokalen und globalen Ebene umgesetzt worden. „Die bisherigen Erfolge reichen jedoch unter Berücksichtigung des Ziels Klimaneutralität nicht aus. Der Klimawandel ist bereits heute in Marburg spürbar und wird durch die gegenwärtigen CO2-Emissionen weiter angetrieben“, heißt es im Aktionsplan.

Dass der Plan Realität wird, dass also Marburg bis 2030 Klimaneutralität erreicht, ist aus Sicht der Stadtverwaltung möglich – unter der Voraussetzung, dass auch die Marburger ihr künftiges Handeln an diesem Ziel ausrichten. Und dass die große Politik jenseits von Marburgs Stadtgrenzen wichtige Weichen stellt. Der Klima-Aktionsplan 2030 ist darauf ausgelegt, dass die Menschen, Gemeinschaften, Unternehmen, Vereine und Institutionen mitgenommen werden auf dem Weg zu diesem gemeinsamen Ziel.

Mehr zum Aktionsplan hier: www.marburg.de/klimaneutral

Von Silke Pfeifer-Sternke

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