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Marburg Die „Sorgenfelder“ einer bunten Szene
Marburg Die „Sorgenfelder“ einer bunten Szene
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20:00 04.05.2021
Angela Merkel (CDU) sprach in der digitalen Dialogreihe „Die Bundeskanzlerin im Gespräch“ mit 14 Vertreterinnen und Vertretern der deutschen Kulturszene. Die Marburgerin Marion Closmann (unten rechts im Bild) vertrat die deutsche Kinobranche.
Angela Merkel (CDU) sprach in der digitalen Dialogreihe „Die Bundeskanzlerin im Gespräch“ mit 14 Vertreterinnen und Vertretern der deutschen Kulturszene. Die Marburgerin Marion Closmann (unten rechts im Bild) vertrat die deutsche Kinobranche. Quelle: Jörg Carstensen
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Berlin/Marburg

Die Kultur leidet wie kaum ein anderer Bereich unter der Pandemie. Nicht immer fühlten sich Betroffene wahrgenommen. Kanzlerin Merkel suchte vergangene Woche das direkte Gespräch per Online-Konferenz – und machte Zusagen. Mit dabei war Marion Closmann. Die Marburgerin vertrat in der Runde als eine von 14 eingeladenen Kunst- und Kulturschaffenden die deutsche Kinobranche.

Bei Lockerungen von Pandemie-Maßnahmen will Bundeskanzlerin Angela Merkel die Kultur immer berücksichtigt wissen. Es sei „ganz wichtig, dass jeder Öffnungsschritt ein Element der Kultur hat“, sagte die CDU-Politikerin. Viele Menschen sehnten sich nach der Performance der Kultur. Merkel will dabei die Kultur ähnlich behandelt sehen wie etwa den Sport. „Wir können nicht dem Fußball die Zuschauer geben und Ihnen nicht“, sagte die Kanzlerin.

„Ich fand es wirklich bemerkenswert, dass sich die Kanzlerin die Zeit für uns genommen hat“, sagte Marion Closmann der OP. „Ich hatte auch das Gefühl, dass sie sich auf meine Argumente einlässt.“

Eingeladen zu dem Gespräch waren Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlichster Bereiche der deutschen Kulturszene. Künstlerinnen und Künstler, Schauspielerinnen und Schauspieler, Festangestellte und Freie.

„Sie alle haben ganz unterschiedliche Sorgenfelder“, so Marion Closmann. Sie machte der Kanzlerin deutlich, dass es den deutschen Kinos nichts nütze, „wenn man sie öffnet und sie dann keine neuen Filme haben, die sie zeigen können“. Derzeit können Kinos in Deutschland bei einem Inzidenzwert unter 50 öffnen, über 50 müssen sie wieder schließen.

„Auf und zu, auf und zu – je nach Inzidenzwert und je nach Region. Unter diesen Bedingungen bringt kein Verleiher neue Filme in die Kinos“, weiß Marion Closmann. „Wir haben nur dann eine Chance, wenn es eine bundeseinheitliche Öffnungsstrategie mit einer realistischen dauerhaften Perspektive gibt“, die auch entsprechend vorbereitet werden müsse. Nach sechs Monaten ohne Einnahmen sei es notwendig, dass der Betrieb auch wirtschaftlich stattfinde. „Noch so ein Jahr wie das letzte halten wir nicht durch.“

Vier Minuten hatte Marion Closmann Zeit, der Kanzlerin die Probleme der Kinobranche zu vermitteln. Eines davon ist das Geschäftsmodell der Kinos, das im Moment gefährdet ist. „Die Streamingdienste saugen die Filme vom Markt“, die eigentlich in den Kinos ausgewertet würden. Ihre Sorge: Die Kinos sind der Macht der internationalen Konzerne ausgeliefert. „Ich habe schon das Gefühl, dass ich gehört wurde“, sagte Marion Closmann.

Die Kanzlerin betonte, dass „wir vor der Öffnung der Kinos die Fallzahlen etwas herunterkriegen müssen“. Sie werde zudem ein Auge darauf haben, dass die Kinos ihre Auswertungsfenster bei neuen Filmen behalten würden. Mit den Auswertungsfenstern ist die Zeit gemeint, in der Filme exklusiv in Kinos laufen – je länger, desto besser für die Branche.

Die Kanzlerin zeigte in dem Gespräch Verständnis für die Lage vieler Kulturschaffender in der Pandemie. „Klar kann ich das nachvollziehen, dass man frustriert ist“, sagte sie. Künstler lebten durch die Darstellung ihrer Emotionen, ihrer Fähigkeiten, ob über ein Instrument, das gesprochene Wort oder Ausstellungen. Der große Teil der Kulturschaffenden sei von Anfang an betroffen gewesen.

Von staatlicher Seite sei versucht worden, einiges abzufedern. Aber Kunst sei mehr als das, was irgendwie finanziell kompensiert werde. „Das ist schon eine traurige Zeit, das muss man sagen.“ Dass da Frust aufkomme, könne sie verstehen, sagte Merkel.

Vonseiten der Kulturschaffenden ging es wiederholt um eine grundgesetzliche Absicherung der Kultur. „Allein die Verankerung im Grundgesetz wird Ihnen auch nicht helfen, dass daraus ein gesetzlicher Anspruch entsteht“, entgegnete Merkel. Das müsse durch ein weiteres Gesetz geregelt werden.

Gleichzeitig warnte Merkel vor möglichen Folgen von Einsparungen im Kulturbereich. „Wir werden versuchen, alles daranzusetzen, unser vielfältiges föderales Kulturangebot auch zu erhalten.“ Dabei verwies sie zugleich auf Zuständigkeiten jenseits des Bundes. „Jeder Ebene muss die Kultur auch etwas wert sein. Also nicht nur dem Bund, sondern auch den Bundesländern und den Kommunen.“

Mit Blick auf die finanziellen Auswirkungen der Pandemie sprach Merkel von einer „ganz schwierige Sache“ für die kommenden Jahre. Dabei werde aber „die Kultur weiter eine wichtige Rolle spielen“. Merkel versicherte: „Wir können nicht die Pandemiehilfen abstellen in dem Moment, wo die Pandemie zu Ende ist, sondern das wird noch Investitionen in den nächsten Jahren bedürfen. Das wird ein harter Kampf.“

Mit Blick auf Anregungen der Kulturschaffenden etwa zu zeitlich nur befristeten Fördermitteln, ungleichen Steuersätzen, einheitlichen Regelungen etwa für Kinos oder der Lage Soloselbstständiger versicherte Merkel, sie werde sich „das alles sehr genau anschauen“. Auch nach der Pandemie sei ein Stresstest notwendig, um sagen zu können, „was lehrt uns das alles und was ist uns wichtig und was müssen wir auch absichern“.

Gleichzeitig verteidigte Merkel die geltenden Regeln gegen die Pandemie. „Wir dürfen nicht beständiges Wachstum haben“, sagte die Kanzlerin mit Blick auf die Infektionszahlen. Je vernünftiger jetzt gehandelt werde, umso früher sei ein Effekt zu sehen.

Auch bei als vergleichsweise sicher geltenden Kulturveranstaltungen muss für Merkel die notwendige Infrastruktur beachtet werden, etwa Anfahrtswege über den öffentlichen Nahverkehr. Merkel verwies auf viele notwendige Kontakte auch vor und nach einer Kulturveranstaltung: „Der Mensch fällt ja nicht aus dem Bett direkt ins Theater.“

Von Gerd Roth

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