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Marburg Top-Kinderarzt kritisiert Corona-Politik als „verheerend“
Marburg Top-Kinderarzt kritisiert Corona-Politik als „verheerend“
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18:13 24.04.2021
Seit mehr Kinder und Jugendliche – wie hier an der Richtsberg Gesamtschule – getestet werden, steigt die Inzidenz in der Altersgruppe. Der Kinderarzt Dr. Stephan Nolte kritisiert mit Blick auf Kinder-Erkrankungs- und Todeszahlen „Corona-Alarmismus“
Seit mehr Kinder und Jugendliche – wie hier an der Richtsberg Gesamtschule – getestet werden, steigt die Inzidenz in der Altersgruppe. Der Kinderarzt Dr. Stephan Nolte kritisiert mit Blick auf Kinder-Erkrankungs- und Todeszahlen „Corona-Alarmismus“ Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Dr. Stephan Heinrich Nolte ist Kinderarzt – aber seit Beginn der Pandemie fühlt sich der Marburger mehr als Seelendoktor denn als Mediziner. Er erlebe seit mehr als einem Jahr „Corona-Alarmismus“. Doch für diesen, so erklärt der Bezirksobmann der Kinder- und Jugendärzte mit Blick auf das vor ihm liegende Daten- und Zahlenbündel, gebe es keinen Grund. „Kinder sind nicht die Gefährdetsten, aber die am meisten Betroffenen der Pandemie“, sagt er und verweist auf die „absolut verheerenden“ Schul-, Kita- und Freizeiteinrichtungs-Schließungen.

Der Marburger Kinder- und Jugendarzt Dr. Stephan Nolte. Quelle: Angelika Zinzow

Die Daten, auf die der Arzt blickt, sind klar: Von den rund 14 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland wurden nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) bisher rund 1 300 mit einer Covid-19-Infektion im Krankenhaus behandelt, davon weniger als 70 intensivmedizinisch. In der Altersgruppe der 0- und 20-Jährigen gab es laut Robert-Koch-Institut bisher 19 Todesfälle – allerdings war laut dem DGPI-Register, in dem detaillierte klinische Verläufe und nicht nur Positiv-Tests dargestellt werden, nicht mal bei der Hälfte Corona die Todesursache. Die Ärzte ordnen ein: 116 Kinder starben während der letzten Influenza-Saison, im Jahr 2019 begingen 185 Jugendliche Suizid.

Entscheidend, aber

unbekannt: der Ct-Wert

Dass aus der jungen Altersgruppe nur 0,00002 Prozent an der Infektion verstarben und auch nur 0,01 Prozent überhaupt ins Krankenhaus mussten, „sollte Anlass sein, Eltern übergroße Sorgen vor einem schweren Krankheitsverlauf bei ihren Kindern zu nehmen“, heißt es in einer aktuellen Verbands-Stellungnahme.

Das findet Noltes Zustimmung: „Wir sehen in den Praxen kaum Erkrankte, schon gar keine schweren Verläufe.“ Es gebe – und das nicht nur bei jungen Menschen – „eine große Diskrepanz“ zwischen Infektionsnachweis, tatsächlicher Erkrankung und Infektiosität.

Was der Arzt meint, hängt mit den Testungen zusammen. Grund: In der dem Inzidenzwert zugrunde liegenden Gesundheitsamts-Statistik wird nur das Positiv-Ergebnis von PCR-Tests ausgewiesen. Das sagt aber nichts über die Virenlast aus. Doch diese ist wiederum – und altersunabhängig – entscheidend für die Infektiosität, also das Risiko einer Viren-Weitergabe. Diese Daten gehen aus dem im Zuge der PCR-Tests von Laboren ermittelten, aber Gesundheitsämtern nicht übermittelten Ct-Wert hervor. Formel: Je niedriger die Virenlast, desto unwahrscheinlicher die Weiterverbreitung.

Der Marburger Infektiologie-Professor Matthias Schrappe verweist immer wieder auf die Test-Probleme und damit die Untauglichkeit des Inzidenzwerts als Pandemie-Steuerungsinstrument (OP berichtete). Laut Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) ist vor allem der massiv gestiegene Test-Umfang in jungen Altersgruppen – dort gibt es laut offizieller Statistiken um rund 25 Prozent mehr PCR-Tests – für die Inzidenz-Entwicklung verantwortlich. „Kinder sind das beste Beispiel für einen grundsätzlichen Denkfehler: Wir zählen Gesunde als Kranke, nur weil sie positiv getestet sind“, sagt Nolte.

Virologen widersprechen Noltes Einschätzung

Virologen wie die Frankfurter Forscher Dr. Martin Stürmer oder Professorin Sandra Ciesek sehen das anders. Sie verweisen darauf, dass junge Menschen durchaus ähnliche Corona-Virusmengen wie Erwachsene in sich tragen und Teile eben symptomlos an Erwachsene weitergeben, also gefährdete Gruppen einer Infektionsgefahr aussetzen könnten – bis hin zur Krankenhauseinlieferung.

In Marburg-Biedenkopf sind aktuell 12 Prozent aller 130 Intensivpatienten Corona-positiv. Der Ct-Wert, so schildern Experten, hänge jedenfalls stark mit der Sorgfalt der Testdurchführungen zusammen. Ohnehin gehe es nicht um den Blick auf Verläufe, sondern um die Unterbrechung von Infektionsketten.

Nolte entgegnet: „Wir müssen nicht auf Laborwerte starren, sondern endlich den Menschen als Ganzes, seine Bedürfnisse nach Nähe, Berührung und Freude betrachten. Nicht länger als Meerschweinchen, das man in einen Käfig sperren kann. Wenn weiter vermittelt wird, dass jeder Mensch ein potenzieller Infektionsüberträger ist, laufen wir Gefahr, eine sterile, körper- und letztlich menschenfeindliche Gesellschaft zu werden.“ Das Resultat sehe er in der Praxis, die auch auf Psychotherapie spezialisiert ist, schon jetzt: „Tottraurige junge Leute, die ohne ihre Freunde keinen Sinn mehr im Leben sehen.“

Hirnforscher: „Preis der

Kinder ist ihre Lebendigkeit“

Hirnforscher wie Professor Gerald Hüther warnen vor den Folgen der Tatsache, dass Kinder „gegen ihre innere Natur, gegen ihre natürlichen Empfindungen und Bedürfnisse, etwa das Spielen mit Freunden, ankämpfen“. Das Gehirn werde angesichts dieses Dauerzustands zu einer Reaktion gezwungen. „Die Lösung, die im Gehirn gefunden wird, besteht darin, dass hemmende Vernetzungen über die Strukturen gebaut werden, die dieses Bedürfnis hervorbringen. Bei manchen dauert das Wochen, anderen Monate. Doch dann ist das Bedürfnis weitgehend weggehemmt, dann will das Kind auch gar nicht mehr mit anderen spielen oder mit Oma kuscheln. Es will auch nichts mehr entdecken, oder herumtoben. Dann meldet sich nichts mehr, dann will das Kind auch nichts mehr, und dann kann es ganz wunderbar alle Vorschriften, Maßnahmen und Regeln einhalten. Der Preis dafür ist seine eigene Lebendigkeit“, sagte der Neurobiologe jüngst in einem Focus-Interview.

Stephan Nolte fürchtet daher, und wegen dem, was Marburger Pädagogen, Psychologen, Eltern und Jugendliche selbst in den vergangenen Tagen berichtet haben – Ängste und Wesensveränderungen – „erhebliche entwicklungspsychologische Schäden“ bis hin zu vermehrten Suiziden. Das nun auf Dauer angelegte Lockdown-Gesetz werde viele „noch mehr in Verzweiflung und Vereinzelung treiben“.

Künstler starten Aktion #allesdichtmachen

Unter dem Hashtag „allesdichtmachen“ kritisieren Deutschlands bekannteste Schauspieler – etwa Jan Josef Liefers, Ulrich Tukur, Ulrike Folkerts oder Wotan Wilke Möhring – die Corona-Politik. In mehr als 50 im Internet zu sehenden Videos bedanken sich die Künstler ebenso überschwänglich wie ironisch bei der Regierung. Liefers etwa sagt in einem der Video-Clips: „Wir sollten einfach nur allem zustimmen und tun, was man uns sagt. Nur so kommen wir gut durch die Pandemie.“ Die Aktion erntet im Internet Lob und Kritik.

Von Björn Wisker