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Marburg Wenn junge Menschen töten
Marburg Wenn junge Menschen töten
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11:57 14.01.2020
Ein Justizbeamter schließt einen Häftling in seinen Haftraum in der Jugendhaftanstalt Regis-Breitingen ein. Um tödlich endende Gewalttaten von Kindern und Jugendlichen geht es in dem Buch von Professor Helmut Remschmidt. Quelle: Peter Endig/dpa/Themenfoto
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Marburg

Welche sozialen und psychischen Einflüsse tragen zu Gewalthandlungen mit tödlichem Ausgang bei, die durch junge Menschen begangen werden? Warum gibt es Geschlechterunterschiede bei diesen Gewalttätigkeiten? Und wie untersucht man junge Gewalttäter?

All diesen Fragen widmet sich der emeritierte Professor Helmut Remschmidt, der als Gerichtsgutachter zahlreiche Fälle begleitet hat. Der Marburger Wissenschaftler stellt 23 dieser Fälle exemplarisch in den Mittelpunkt seines neuen Buchs. Remschmidt hat den Weg der Täter vor Gericht begleitet und auch ihren weiteren Lebensweg danach verfolgt und beschreibt das in jedem der 23 Fälle.

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„Auch wenn man nicht generell von einem Anstieg der Gewaltdelikte junger Menschen sprechen kann, so ist doch jede Gewalttat eine zu viel, und diejenigen, die tödlich enden, sind eine entsetzliche Tragödie für alle Beteiligten“, macht der Marburger Wissenschaftler deutlich.

Tötung aus Langeweile

Als Arzt haben ihn einerseits die Bedingungen interessiert, unter denen Kinder, Jugendliche und Heranwachsende zu Tätern werden. Vor allem aber geht er der Frage nach, ob und wie man die jeweiligen Taten hätte verhindern können. Drei Jugendliche im Alter von 16 bis 22 Jahren warfen von einer Autobahnbrücke aus mit Steinen auf Autofahrer und töteten dabei zwei Menschen. Das war ein besonders aufsehenerregender Fall, den Remschmidt als Gutachter begleitet.

Langeweile führte zu dem tragisch endenden Vorfall. Im Fall der jugendlichen Steinewerfer war es laut Remschmidt so, dass keiner von ihnen alleine die Tat begangen hätte und sie wohl nur durch eine spezielle Gruppendynamik zu erklären gewesen sei. Der soziale Druck innerhalb der Gruppe und der Wunsch, in dieser kein Außenseiter zu sein, hätten die Hemmschwelle ebenso herabgesetzt wie die Anonymität der späteren Opfer, die für die Täter in der Dunkelheit nur durch Autoscheinwerfer markiert waren.

„Hätte man früher eingegriffen...“

Besonders unerklärlich erscheint auch die Tat eines 15-jährigen Messerstechers an einem U-Bahnhof. „Die Tat hatte keine Vorgeschichte und ergab sich gleichermaßen aus dem Nichts“, berichtet Remschmidt. Gereizt durch eine vorangegangene Auseinandersetzung mit seinem Bruder sprach der Täter einen von zwei auf einer Bank sitzenden Jugendlichen mit den Worten „Was guckst du so?“ an und stach dann mehr oder weniger ohne jede Vorwarnung zu.

Als Sachverständiger diagnostizierte Remschmidt bei dem Täter eine Störung des Sozialverhaltens und eine deutliche Neigung zu impulsiv-aggressiven Verhaltensweisen, bereits vor der Tat. Auf die Frage, warum sich die körperlichen Auseinandersetzungen so gehäuft hätten, gab der Täter laut Remschmidt die Antwort, dass es ja nie ernsthafte Konsequenzen danach gegeben hätte.

„Hätte man früher eingegriffen und ihn inhaftiert, so wäre dies eine Lehre für ihn gewesen und er hätte weitere Straftaten wahrscheinlich unterlassen“, schlussfolgert Remschmidt.

Nur wenige werden chronische Straftäter

In weiteren Fallbeispielen beschäftigt sich der Psychiater unter anderem mit der in „wahnhafter Verkennung“ ausgeübten Messerattacke eines Jugendlichen auf seinen Vater, dem Doppelmord eines 14-jährigen Triebtäters oder der Tötung eines Homosexuellen durch einen 15-jährigen Jugendlichen. Von jungen Mehrfachtätern über Sexualtäter, Tötungen im Zusammenhang mit Alkohol- und Drogenmissbrauch bis hin zur Tötung von Säuglingen schildert Remschmidt eine breite Palette von Delikten.

Besonders interessierten den Forscher in den vergangenen 40 Jahren Fälle von Kindern, die im Alter der Strafunmündigkeit Straftaten begehen. Dabei macht Remschmidt deutlich, dass nur eine kleine Gruppe von fünf Prozent zu chronischen Straftätern wird.

Professor setzt auf alternative „Strafen“

Die Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters für jugendliche Straftäter von derzeit 14 auf 12 Jahre ist aus Sicht von Remschmidt aber keine geeignete Idee, um gegenzusteuern. Um Jugendgewalttaten effektiv zu reduzieren, plädiert Remschmidt für einen Mix aus Präventionsmaßnahmen von der Vorbeugung durch Aufklärung über die Polizeipräsenz an sozialen Brennpunkten bis hin zu Alkohol- und Drogenverbot in öffentlichen Verkehrsmitteln und einem absoluten Waffenverbot für Jugendliche und Heranwachsende.

Zudem schlägt er den Ausbau von Alternativen zur Strafhaft, psychotherapeutische Behandlung sowie lebensweltbezogene Interventionen und Berufsausbildung vor. Das hält der Psychiater in der Bekämpfung von schweren Gewalttaten Jugendlicher für effektiver als gut gemeinte, aber oftmals wirkungslose Erziehungsmaßnahmen.

  • Helmut Remschmidt: Wenn junge Menschen töten. Ein Kinder- und Jugendpsychiater berichtet. C. H. Beck-Verlag. 287 Seiten. 18 Euro.

von Manfred Hitzeroth