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Marburg Ahrens ist mit „blauem Auge davongekommen“
Marburg Ahrens ist mit „blauem Auge davongekommen“
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18:47 04.09.2020
Der Marburger Kaufhaus-Chef Peter Ahrens spricht im OP-Interview über die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie auf den stationären Einzelhandel.  Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Peter Ahrens äußert sich unter anderem zu den Folgen der Covid-19-Pandemie auf sein Geschäft - und über seine Nachfolge.

Herr Ahrens, wie ist das Kaufhaus Ahrens bisher durch die Corona-Pandemie gekommen?
Der Lockdown war vom 18. März bis zum 20. April. In der Gastronomie waren wir ab 21. März komplett geschlossen. Unser Reisebüro verzeichnet kaum Buchungen. Am 20. April erhielten wir die Genehmigung, 800 Quadratmeter wieder zu öffnen. Wir konnten das ganze Haus erst ab 9. Mai wieder eröffnen, die Gastronomie erst am 15. Mai.

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… mit den entsprechenden wirtschaftlichen Folgen …
Ja, natürlich. Von einem Tag auf den anderen ging unser Umsatz nahezu auf Null. Und das war ja zu Beginn der neuen Modesaison. Wir haben also einen großen Teil unserer Schließungszeit damit verbracht, mit unseren Lieferanten zu reden, dass sie uns möglichst weniger Ware liefern als eigentlich von uns geordert, damit wir die Saison mit möglichst stimmigen Lagergrößen verlassen.

Und ist Ihnen das gelungen?
Ja, das ist unterschiedlich in den einzelnen Abteilungen. Aber generell ist es gelungen. Das war wichtig, denn es geht hier um mehrere Millionen Euro Lagerbestand und möglicherweise die Entstehung von Altware. Ich bin in den letzten Wochen viel unterwegs gewesen und habe in anderen Kaufhäusern und Geschäften gesehen, was dort noch an Sommermode schlummert. Wenn ich das vergleiche, können wir bei Ahrens zufrieden sein. Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Das erfordert gute Abteilungsleiter und ein gutes Mitarbeiter-Team.

„Wir werden uns große Mühe geben“

Wieviel Umsatz haben Sie verloren?

Wir haben mehrere Millionen Euro Umsatz in der Schließungsphase verloren. Hinzu kommt, dass die Kunden vor dem Lockdown schon weniger Geld ausgegeben haben, weil sie eine geringere Kauflust verspürten.

Haben Sie das Niveau vor Corona inzwischen wieder erreicht?
Nein. Ich glaube auch nicht, dass wir das in den nächsten Monaten erreichen können. Wenn wir 2021 das Umsatzniveau von 2019 erreichen und nach Möglichkeit auch das Besucherniveau, dann können wir sehr zufrieden sein. Wir sind aber auch strategisch darauf eingerichtet, dass im Jahr 2021 vielleicht das Niveau von 2019 noch nicht wieder erreicht wird. Wir haben normalerweise cirka 2,2 Millionen Besucher in einem Jahr. Das sind nicht automatisch auch schon Kunden, aber je weniger Besucher wir im Haus haben, umso weniger Kunden können wir daraus generieren. Es wird ein großer Kraftakt werden, dieses Niveau wieder zu erreichen. Aber wir werden uns große Mühe geben.

Viel wird wohl auch davon abhängen, wann der Impfstoff kommt, damit die Freude am Einkaufen zurückkommt. Ich denke da nur an die Maskenpflicht.
Ja, natürlich. Weder Männer noch Frauen tragen gerne eine Maske, wenn sie Herbst- und Wintergarderobe, Sportartikel oder überhaupt einkaufen. Ich habe aber den Eindruck, dass die Menschen dies zunehmend als sinnvolle Maßnahme ansehen.

„Das Stadtgeld sehe ich als großzügige Geste an“

Fühlen Sie sich als Einzelhändler mit den Problemen, die Sie beschrieben haben, allein gelassen oder sind Sie zufrieden mit den Hilfen von Bund, Land und Stadt?
Damit kann man nur zufrieden sein. Mehr ist kaum machbar. Was die Bundesregierung und die Landesregierung auf die Schiene gesetzt haben in dieser Krisensituation, ist beispielhaft. Denken Sie an die Möglichkeit der KfW-Darlehen für die Wirtschaft, und denken Sie an das Instrument der Kurzarbeit, das noch auf das Jahr 2021 ausgedehnt wird. Ein solches Instrument gibt es in den wenigsten Ländern. Man darf das nicht für selbstverständlich halten, es muss alles auch finanziert werden, letztlich von allen, die Steuern zahlen. Das Stadtgeld sehe ich als großzügige politische Geste der Stadt Marburg an, die wir natürlich auch dankbar akzeptiert haben. Das war alles keine Selbstverständlichkeit.

Wie viele Coupons sind bei Ihnen eingelöst worden?
Bis Mitte August waren es etwa 16.200 Coupons. Aber wir selbst haben uns auch etwas einfallen lassen. Wir haben die Senkung der Mehrwertsteuer um 3 Prozent nicht einfach an die Kunden weitergegeben, sondern ihnen gleich die Mehrwertsteuer geschenkt. Wir haben daraus eine Rabattaktion von minus 16 Prozent gemacht.

Welche Auswirkungen haben diese ganzen Aktionen für Sie gehabt?
Alle diese Bausteine haben dazu beigetragen, dass der Monat Juli für uns recht positiv verlaufen ist. Das gilt auch für den August.

„Das Online-Geschäft ist ein Add-on“

Wie hoch ist der Veränderungsdruck, unter dem Sie und die gesamte Branche durch Corona stehen? Setzen Sie verstärkt auf Online-Handel?
Wir glauben, dass wir nur mit Veränderung und Anpassung an die Marktentwicklung die Zukunft gewinnen können. Wir sind ja kein reiner stationärer Handel mehr. Am Online-Handel kommen wir nicht vorbei, und wir werden das schrittweise weiter entwickeln. Im vergangenen Jahr haben wir damit angefangen. Das hat uns in der Schließungsphase geholfen.

Wie hoch ist der Anteil des Online-Handels bei Ahrens am Gesamtumsatz?
Er liegt erst bei etwa 5 Prozent. Das ist also kein hoher Anteil.

… sondern so etwas wie der Fuß in der Tür?
Wir sind und bleiben ein stationärer Händler. Das Online-Geschäft ist ein Add-on. Aber es ist nicht unser primäres Ziel. Wir möchten nur dem Kunden die Möglichkeit bieten, auch bei uns online einkaufen zu können. Und zwar nicht nur dem Kunden in der Marburger Region, sondern in ganz Deutschland.

Der Weg zum verstärkten Online-Angebot ist doch alternativlos, oder?
Online-Handel ist für uns ein neuer Verkaufskanal, den wir zusätzlich nutzen wollen. Wir bieten auch andere Innovationen an, etwa das Personal-Shopping. Dabei können Kunden und Kundinnen einen Wunschtermin vereinbaren und werden ganz persönlich von der Beraterin ihres Vertrauens bedient, die im Idealfall schon im Vorfeld die entsprechende Ware zusammenstellt.

„Wir haben uns Stück um Stück verändert“

In einigen Innenstädten in Deutschland müssen große Kaufhäuser von Karstadt und Kaufhof durch Insolvenz aufgeben. Wie wird sich das Kaufhaus Ahrens neu erfinden, um diesem Trend in Marburg entgegenzuwirken?
Wir haben uns schon vor gut zehn Jahren in einem ersten Schritt neu erfunden oder einen Veränderungsprozess eingeleitet. Bis 2008 waren wir ein Vollsortiment-Kaufhaus und haben bis dahin mit dem Karstadt-Konzern eng zusammengearbeitet. Wir haben damals die Überlegung angestellt, ob wir angesichts der sich verändernden Marktlage noch ein Vollsortiment anbieten dürfen – wie es Karstadt/Galeria Kaufhof bis heute getan haben – mit dem Risiko, dass wir auf Sicht nicht mehr attraktiv für unsere Kunden sein werden.

Wir haben damals die Entscheidung getroffen, uns nicht nur kompetente Mietpartner für einen Teil der Fläche zu suchen, sondern auch uns selbst in den eigenen Sortimenten stärker zu profilieren. Das war die Entscheidung, uns von Karstadt und seiner Strategie zu trennen. So haben wir uns Stück um Stück verändert. Mit dieser Entscheidung leben wir bis heute gut, denn in den Augen unserer Kunden sind wir ein Stück von Marburg.

Das heißt, Sie fühlen sich auch für die Zeit nach Corona gerüstet?
Ja. Allerdings muss man sich immer wieder neu hinterfragen und prüfen, ob man angesichts sich ändernder Rahmenbedingungen sich selbst auch verändern muss.

War oder ist der Umzug auf die grüne Wiese je eine Option für Ahrens gewesen?
Nein. Warum sollte das eine Option für uns sein? Wir haben darüber nie ernsthaft nachgedacht. Ahrens und die Innenstadt gehören seit 1949 zusammen. Wir haben uns auch nie in einer Konkurrenzsituation zur Oberstadt gesehen. Wir ergänzen die Oberstadt und die Oberstadt ergänzt uns. Und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass die Leerstände in der Oberstadt eine vorübergehende Erscheinung sind. Dazu gehören allerdings zwei Partner: Einmal die Vermieter der Immobilien und auf der anderen Seite der qualifizierte Betreiber eines Geschäftes.

„Rentenalter ist ein willkürlicher Begriff“

Die Zukunft der Oberstadt wird ja derzeit intensiv diskutiert. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten und notwendigen Schritte?
Es fängt mit ganz einfachen Dingen an: Die Oberstadt muss einheitliche Öffnungszeiten haben. Das zweite ist die Erreichbarkeit. Eine kaufkräftige ältere Kundengruppe hat Probleme, die Geschäfte in der Oberstadt zu erreichen. Damit ist immer ein mühsamer Fußweg verbunden. Die Oberstadt braucht eine leistungsfähige Anbindung an das Schlossbergcenter, die Marburg Mall, an Ahrens und die Südstadt. Wir haben schon 1974 planerisch für eine Rolltreppenanbindung plädiert. Das ist eine Frage des Wollens. Das schafft natürlich die Geschäftswelt der Oberstadt nicht alleine, sondern sie braucht das Verständnis und die Unterstützung der Politik dazu.

Sie sind deutlich im Rentenalter, Sie haben offiziell noch keinen Nachfolger benannt.
Rentenalter ist ein willkürlicher Begriff. Man ist nicht automatisch Rentner, nur weil man über 65 ist. Ich habe zwar viele Berufsjahre hinter mir, davon die meisten in der Verantwortung hier in Marburg. Ich habe drei in verschiedenen unternehmerischen Bereichen tätige Söhne. Mein Sohn Sebastian, ehemaliger Mc-Kinsey-Partner, ist Mitgesellschafter und Vorsitzender unseres Beirates. Er war schon im Rahmen unserer Neuaufstellung einige Jahre in Marburg.

Wir haben entschieden, dass er vorläufig aktiv den Beiratsvorsitz ausübt und ich meine operative Tätigkeit so lange, wie ich das kann und gerne möchte. Von daher ist meine Nachfolge geregelt. Das Haus Ahrens wird weiter durch eine Inhaberfamilie geführt werden, die seit mehr als 70 Jahren in Marburg zu Hause ist. Wir hoffen, dass Marburg sich weiterhin wirtschaftlich gut entwickelt. Und immer verstanden wird, dass eine Stadt ohne eine gesunde Wirtschaft nicht wachsen kann.

Von Till Conrad

03.09.2020
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