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Marburg Jugendamt sammelt Hilferufe
Marburg Jugendamt sammelt Hilferufe
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14:00 22.04.2021
Verdammt, zu Hause zu bleiben: Dutzende Jugendliche in Marburg klagen wegen des Dauer-Lockdowns über Schulstress und Freizeit-Verbot. Resultat: psychische Probleme
Verdammt, zu Hause zu bleiben: Dutzende Jugendliche in Marburg klagen wegen des Dauer-Lockdowns über Schulstress und Freizeit-Verbot. Resultat: psychische Probleme Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

„Meine Psyche macht das nicht mehr mit. Ich schlafe mit Heulkrämpfen ein und komme morgens nicht aus dem Bett.“ Dutzende Jugendliche haben sich anonym zu ihrer Gesundheit und ihren Gefühlen während der Corona-Pandemie geäußert. Es ist eine Sammlung erschütternder Alltags-Berichte von Marburger Jugendlichen durch das Jugendamt. Und das sagen die Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 18 Jahren:

  • „In der Schule werden wir mit Aufgaben überschüttet.“
  • „Es gibt nur noch Schule, und der Druck ist immer größer geworden. Von der ständigen Bildschirmzeit habe ich schmerzende Augen.“
  • „Ich fühle mich von außen schön und von innen leer.“
  • „Nichts kann man mehr unternehmen. Nur mit den Eltern zu sein, ist voll öde.“
  • „Ich verliere meine Jugend.“
  • „Zu Hause sein, heißt einsam sein.“
  • „Ich sehe keine Freunde mehr, keine Menschen. Ich will nicht mehr spazieren gehen.“
  • „Ich halte es nicht mehr aus.“
  • „Ich will meinen Alltag zurück, es ist alles nur noch große Langeweile.“
  • „Wir sind dem Staat scheißegal.“
  • „Computer, Handy, Fernsehen – ich hasse es.“
  • „Wenn ich nach Schule mal Freizeit habe, kann ich die nicht verwenden.“
  • „Ich werde sozio-phob.“
  • „Jeder Tag ist gleich. Gebt uns irgendetwas zu tun, wegfahren, reiten – egal was, ich sterbe vor Langeweile.“

Die Analyse von Simona Lison, Jugendamts-Mitarbeiterin in der Universitätsstadt: „Es gibt einige klare Tendenzen: Junge Jugendliche sind eher besorgt über die Familienmitglieder, etwa die Arbeitssituation und den Stress der Eltern.

Pädagogen klagen über „lähmende Begrenzung“

Ältere schildern große Probleme mit Tagesstruktur und haben selber Zukunftsängste.“ Aus den 100 Befragungen gehen demnach auch Geschlechterunterschiede hervor: Während Jungs tendenziell eher trotz allem hin und wieder rausgehen und punktuell einen Freund treffen, seien Mädchen mehr denn je in der Familie, im Haushalt, etwa in die Geschwister-Betreuung, eingebunden.

„Bedeutsam“, so Lison sei auch die Vielzahl von Berichten speziell dunkelhäutiger Jugendlicher, wonach sie bei Aufenthalt in der Stadt häufig von der Polizei kontrolliert würden. Sie beklagen demnach „racial profiling“, fühlen sich wegen eines Migrationshintergrunds diskriminiert. Eine weitere Erkenntnis für die Stadtverwaltung: „Je länger jemand nicht im Präsenzunterricht war, desto mehr ist von Perspektivlosigkeit, Einsamkeit und Überforderung die Rede“, sagt Lison. Zentral sei auch ein sozio-ökonomischer Faktor: „Die Verfügbarkeit von Technik ist weit weniger ein Problem als der Platz, die Rückzugsmöglichkeit in der Wohnung.“ Klar ist auch: Die wenigsten kommen mit Homeschooling gut klar oder freuen sich über mehr Zeit etwa für Familienprojekte. Das ist das Ergebnis der Sitzung des Jugendhilfeausschusses.

„Das zeigt, wie sehr die jungen Menschen unter der Situation leiden und wie sehr die Schule die Situation und das Wohlbefinden beeinflusst. Es braucht ganz schnell alternative Angebote“, sagt Christina Hey, Pädagogin und über Jahre im AKSB tätig. Ähnliches fordert Mirco Niebuhr von der BSF, er wirbt für „passgenaue Angebote unter den gegebenen Möglichkeiten“.

Schulamt warnt: „Uns gehen Schüler verloren“

Doch das sei leider ausgeschlossen, so Ulrike Munz-Weege von der kommunalen Jugendhilfe. Es sei „zum Verzweifeln“, dass die geltenden Verordnungen „jedes Treff- und Freizeitangebot unmöglich“ machten. Jugendclubs zu öffnen oder Grünflächen für Gruppen-Aktivitäten zu nutzen, sei selbst mit Schnelltest-Einbindung verboten – und wegen der Begrenzung auf maximal fünf Personen, in die Betreuer auch noch hineinzählen würden, könne es keine von den Jugendlichen gewünschten und benötigten Cliquentreffen geben. „Es ist eine lähmende Begrenzung und die Fäden zu einigen sind schon gerissen“, sagt sie. „Die jungen Menschen sind digital-müde und wollen Zusammensein dürfen.“

Martin Presenza von der „Flex Fernschule“ bestätigt das, es gebe unter Schülern immer mehr psychische Erkrankungen. „Die Berichte über Angstzustände nehmen deutlich zu.“ Gesche Herrler-Heycke, stellvertretende Leiterin des Staatlichen Schulamts, bestätigt den Eindruck. Und sie weist auf eine akutes Problem hin: „Uns sind flächendeckend Schüler verloren gegangen, Jugendliche, die einfach nicht mehr in den Unterricht kommen, die absent sind, Fehlzeiten und damit enorme Lernrückstände anhäufen“, sagt sie.

Speziell in den Mittelstufen, den Klassen ab Klasse 7, die seit Monaten im Homeschooling sind, „reden wir nicht von Einzelfällen. Alle, die schon vor Corona einen dünnen Faden zur Schule hatten, bereiten uns Bauchschmerzen – und das Problem wird mit jeder Woche größer“.

Stadträtin Kirsten Dinnebier (SPD) fordert eben wegen der akuten Psycho-Probleme vieler Jugendlichen die Öffnung der Jugendeinrichtungen, begleitet von offensiven Schnelltests „müssen und können wir Angebote zum Treffen schaffen“, sagt sie und sieht Bundes- und Landesregierung in der Verantwortung.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) sieht das genauso, er verlangt ein „Belohnungs-System“. Corona-Schnelltests müssten dazu führen, Freizeitangebote wahrnehmen zu können. „Hat man nichts Positives davon, lässt sich doch kein Mensch testen.“

Von Björn Wisker

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