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Marburg Ein Demokratie-Diplomat auf Mission
Marburg Ein Demokratie-Diplomat auf Mission
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00:17 02.02.2019
Jakob Wöllenstein an einem symbolträchtigen Ort: Der Marburger, der ab Februar als Büroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung den Standort Weißrussland übernimmt, an der Konrad-Adenauer-Brücke. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Abitur an der Elisabethschule, Politik- und Theologie-Studium sowohl an der Philipps-Universität als auch in Leipzig und Polen, Eheschließung vergangenes Jahr in der Elisabethkirche und immer wieder joggen auf den Lahnbergen: Jakob Wöllenstein trägt Marburg zwar im Herzen, sein Kopf und auch seine Karriere befinden sich aber in Osteuropa.

Der 30-Jährige, der zuletzt als Referent in der Grundsatzab­teilung der Konrad-Adenauer-
 Stiftung arbeitete, hat sich früh Ländern und Leben zwischen Baltikum und Schwarzem Meer verschrieben. „Aus Neugier wurde eine Faszination“, sagt er. Sprache, Geschichte, ­Kultur, nicht zuletzt die Menschen: „Ich habe mich schrittweise vorangetastet und irgendwann hat mich das Interesse nicht mehr losgelassen, sondern immer weiter angetrieben.“

Auslöser für die Neugier seien vor allem die historischen Verbindungen zwischen Deutschland und Polen, die bis heute präsenten Merkmale ­deutscher Geschichte bis in das Baltikum gewesen. „Und dann kam die Abenteuerlust“, sagt er. Wöllenstein spricht neben Deutsch und Englisch auch fließend Polnisch und – vor allem dank seiner Frau – Litauisch, beherrscht zudem Russisch.

Konrad-Adenauer-Stiftung

Im Ausland unterhält die KAS nach eigenen Angaben mehr als 100 und fördert in mehr als 100 Projekten der Hilfe zur Selbsthilfe in 120 Ländern auch politisch nahestehende Parteien und Organisationen. Die KAS unterstützt vor allem die Entwicklung des jeweiligen Verfassungsrechtes, Menschenrechtsschutzes, Integrationsrechtes und Verfahrensrechtes mit dem Ziel einer Demokratisierung.

Ein weiterer Schwerpunkt sind Medienprogramme mit dem Ziel einer Förderung der freien, verantwortungsvollen und ethischen Berichterstattung. Die Stiftung steht der CDU nah. Im internationalen Vergleich 
gilt die KAS als führende Denkfabrik Deutschlands und als einer der einflussreichsten sogenannten Think-Tanks auf der Welt.     

Er genieße es, in eine andere Gesellschaft eintauchen und diese von innen kennenlernen, sich „ein reales Bild machen“ zu können – über die Sprachkenntnisse sei er in einigen Regionen im Erstkontakt mit Einheimischen „quasi getarnt“, denn gerade in Teilen Osteuropas sei die Erinnerung an deutsche Greueltaten im Zweiten Weltkrieg bis heute präsent. „Deutschland hat da nicht überall das beste Image.“

Sein Bestreben sei daher ab Februar „aktive Völkerverständigung“ und „Vorurteile aufzubrechen“ – sowohl über Deutsche in Weißrussland als auch über das Land, das für viele in der Heimat nicht mehr als „ein Anhängsel Russlands“ – und für viele „die letzte Diktatur Europas“ – sei. Belarus, das sei für Millionen Deutsche jedenfalls ein „blinder Fleck auf der Weltkarte“.

Ein Land, mit dem viele höchstens morbiden Sowjetcharme, keinesfalls aber einen Spitzen­platz im IT-Bereich, in der Software-Entwicklung verbinden. Deutschland ist jedenfalls schon jetzt der wichtigste europäische Handelspartner des Staats, dessen Grenzen – Stichwort Geopolitik – näher an der Bundesrepublik liegen als das italienische Rom.

Zeigen, dass Mitbestimmung kein Chaos verursacht

Die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben sich letztlich fast immer in Belarus abgespielt: Ein Viertel der Bevölkerung starb im Zweiten Weltkrieg, was folgte, war Josef Stalins Terror-Herrschaft – und dann gingen noch 70 Prozent des radioaktiven Niederschlags von Tschernobyl im Land nieder.

Die heute weißrussischen Territorien gehörten seit dem Spätmittelalter zum Großfürstentum Litauen, zur polnischen Adelsrepublik „Rzeczpospolita“, 
zum russischen Zarenreich und schließlich zur Sowjetunion. Weißrussland ist so oft auch Gegenstand kultureller wie politischer Vereinnahmungen und Konfrontationen äußerer Mächte gewesen. Das alles gehe „nicht spurlos an der Entwicklung 
 der gesellschaftlichen Identität vorbei“, vielmehr forme es sie, sagt Wöllenstein.

In den vergangenen Jahrzehnten habe es in der Annäherung zwischen Belarus, speziell Dauer-Präsident Alexander Lukaschenko, und Europa immer wieder Fortschritte und Rückschläge gegeben. Dass der aktuelle Öffnungs-Kurs, eine Stärkung zivilgesellschaftlichen Engagements samt Anzeichen von Meinungsfreiheit, von Dauer ist, dafür finden sich laut Wöllen­stein Hinweise.

Gar nicht mehr so enger Partner Russlands

Denn es gebe nicht nur eine „Wiederentdeckung der eigenen Kultur, des gesamten Belarusischen“, darunter auch der Sprache – etwas, das einst vor allem die politische Opposition als Abgrenzung benutzte –, sondern eine regelrechte Förderung der „Emanzipation als eigener Staat, eine Belebung der eigenen verschütteten Identität“. Im vergangenen Jahr seien zudem Demonstrationen zuge­lassen worden. „Das sind ­zarte Pflänzchen für eine pro-westlichere Orientierung.“ Also doch 
keine Diktatur? Wöllenstein bemüht eher den Begriff „konsolidiertes autoritäres System“.

Kritiker sehen angesichts der umfassenden Geheimdienstaktivitäten und anhaltender ­Inhaftierung von Regierungs­kritikern den Kurs einer „Öffnung nach außen, ­Repression nach innen“. Eine Normalisierung der Beziehungen mit EU-Staaten sei – gerade in Bezug zum nicht mehr ganz so engen Partner Russland – eine Verhandlungsstrategie, um Geld zu bekommen. Deshalb blieben periodisch Repressionen aus.

„Es geht dabei nicht um Missionierung“

Wöllensteins KAS-Hauptquartier liegt im litauischen Vilnius, ein KAS-Büro in Minsk aufzubauen sei – je nach Entwicklung des politischen Systems – eine Zukunftsvision. „Es geht dabei nicht um Missionierung, um Werbung für ein deutsches Wesen in der Politik, gar um das Umerziehen einer Gesellschaft.“ Veränderung gelinge nur, wenn sie von innen und von unten komme. Das Ziel ist es, zu zeigen, dass Demokratie schon bei kleinen Projekten vor Ort wirke und „nicht die Stadt oder den Staat ins Chaos stürzt“, sagt Wöllenstein mit Verweis auf entsprechende Unterstellungen speziell von russischer Seite.

Wöllenstein wird als Auslandsbüro-Leiter nun Teil eines Rotationsprinzips, ähnlich wie beim Diplomatendienst im Auswärtigen Amt: einige Jahre in diesem Land, die nächsten Jahre in einem anderen. Etwas, worauf er sich trotz perspekti­vischen Kinderwunschs freut. 
Da sei sie dann wieder, die „Abenteuerlust“.

von Björn Wisker