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Marburg Marburger Historiker veröffentlich Buch über Reichsgründung
Marburg Marburger Historiker veröffentlich Buch über Reichsgründung
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12:00 14.01.2021
Die Siegessäule in Berlin zeugt noch heute vom Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71.
Die Siegessäule in Berlin zeugt noch heute vom Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Quelle: Foto: Christoph Soeder/dpa
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Marburg

In seinem Buch „Schatten des Kaiserreichs“ stellt der Marburger Historiker Professor Eckart Conze die Gründung des deutschen Reichs im Jahr 1871 und ihr schwieriges Erbe in den Mittelpunkt. Er versteht sein Buch einerseits als historische Analyse, aber auch als geschichtspolitische Intervention.

Conze nimmt in seinem 288 Seiten umfassenden Buch die Reichsgründung nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 in den Blick. Die Geburt des Reichs im Sieg über den „Erbfeind“ Frankreich sei „zum Fundament der nationalen Einheit“ geworden, schreibt der Historiker. Abgrenzung und Ausgrenzung nach außen wie im Inneren seien konstitutive Elemente des deutschen Nationalismus gewesen. Das im Januar vor 150 Jahren gegründete deutsche Kaiserreich sei ein autoritärer, nationaler Machtstaat gewesen, und die Gründung des Reiches habe eine Revolution von oben dargestellt.

„Es ist 1945 untergangen. 1990 hat sich Deutschland nicht zu diesem vergangenen Reich wiedervereinigt“, macht der Marburger Geschichtsprofessor seinen Standpunkt deutlich. „Es gibt nichts zu feiern. Das Reich von 1871, es ist vergangen“, meint Conze. Das Deutschland der Gegenwart stehe nicht in der Tradition des Kaiserreichs und dieses habe auch in keiner Weise Vorbildcharakter. Zwar habe es auch Reformentwicklungen und Modernisierungen der Gesetzgebung gegeben, jedoch sei das Kaiserreich zwischen 1871 und 1914 noch weit entfernt von einer liberalen Demokratie gewesen.

Jedoch rage die Geschichte des 1871 gegründeten Reiches durchaus in die Gegenwart hinein. 150 Jahre nach der Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles sei diese Geschichte wieder umstritten. Ein neuer Nationalismus bekenne sich unkritisch und offensiv zur preußisch-deutschen Nationalgeschichte und stelle die Berliner Republik in deren schwarz-weiß-rote Tradition. Die Auseinandersetzung mit diesen Bestrebungen zwinge die Deutschen zum Nachdenken darüber, was sie im 21. Jahrhundert im Angesicht der deutschen Geschichte vor und nach 1945 unter den Begriffen Nation und Nationalstaat verstehen wollen.

Kontroverse über die Hohenzollern

Unter der Oberfläche einer liberalen und demokratischen Gesellschaft in der Bundesrepublik, die sich vermeintlich aus den preußischen Traditionen deutscher Nationalstaatlichkeit gelöst habe, hätten sich nationale Ressentiments sowohl überlebt als auch neu entwickelt, diagnostiziert Conze in seinem Buch. So werde hinterfragt, ob das um deutsche Schuld und deutsches Verbrechen im 20. Jahrhundert kreisende Geschichtsbild das nach 1990 wiedervereinte Land daran hindere, eine „normale“ Nation zu sein, eine an „nationalen Interessen“ orientierte Politik zu betreiben und sein nationales Gewicht in der Welt einzusetzen.

Ausgangspunkt für Conzes geschichtlichen Blick zurück bis zur Entstehung des deutschen Kaiserreichs 1871 war die seit 2019 geführte öffentliche Debatte über die Entschädigungsansprüche der Familie Hohenzollern, der Nachkommen des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. Haben die Hohenzollern der Entstehung und der Machtübernahme des Nationalsozialismus erheblichen Vorschub geleistet? Das ist die Kernfrage in der juristischen Entscheidung, über die die Gerichte entscheiden müssen.

Die öffentliche Kontroverse über die Hohenzollern und ihre Entschädigungsansprüche deutet laut Conze aber auch auf ein „sich veränderndes geschichtspolitisches Klima“. Als Teil einer mit der deutschen Vereinigung begonnenen neuen Auseinandersetzung der Deutschen über ihre nationale Geschichte werde die Debatte durch die „gegenwärtigen Dynamiken einer Renationalisierung“ befeuert.

Diese auch an den Wahlerfolgen der AfD ablesbare Debatte werde von kritischen Betrachtern bereits als „neuer Historikerstreit“ bezeichnet – in Bezugnahme auf die von dem Historiker Ernst Nolte im Jahr 1986 ausgelöste Kontroverse über die Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Judenmordes. Alleine dieser Vergleich lasse aber auch bereits erkennen, dass es in der Debatte um mehr gehe als die Frage, ob Kronprinz Wilhelm von Preußen zum Aufstieg des Nationalsozialismus beigetragen habe. Gestritten werde über zentrale Fragen der deutschen Geschichte und des 1871 gegründeten Nationalstaats.

In der Auseinandersetzung um die Herrscherdynastie der Hohenzollern gehe es unter anderem um das Bild des Kaiserreichs, den Weg in den Ersten Weltkrieg und die deutsche Verantwortung für den Kriegsbeginn, aber auch um die Zerstörung der Weimarer Republik und ihre Auslieferung an den Nationalsozialismus und Adolf Hitler und die Verantwortung der Eliten für diese Entwicklung.

Zwar werde damit die Auseinandersetzung um die Ansprüche der Familie Hohenzollern vielleicht historisch und geschichtspolitisch überfrachtet. Jedoch sei die Debatte wichtig im Hinblick auf den dahinterstehenden Versuch, ein kritisches Bild des Kaiserreichs zu entsorgen und es als „normale Nation“ zu charakterisieren, um somit den Nationalstaat Bundesrepublik Deutschland in die Tradition des Reichs von 1871 stellen zu können. Das werde einfacher, wenn man das Kaiserreich einschließlich seiner Eliten und seiner herrschenden Dynastie scharf vom Nationalsozialismus abgrenze.

„Die Nachkommen Friedrichs II. von Preußen sowie der drei Kaiser nach 1871 müssten akzeptieren, dass sie keine Familie seien wie jede andere“, hält Conze dieser Sichtweise entgegen. Die Geschichte ihrer Vorfahren sei im Gegenteil mit der deutschen Geschichte untrennbar verbunden.

Eckart Conze: Schatten des Kaiserreichs. Die Reichsgründung und ihr schwieriges Erbe. DTV-Verlag, 288 Seiten, 22 Euro.

Von Manfred Hitzeroth

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