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Marburg Marburger Historiker beim Präsidenten
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12:00 14.01.2021
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Mitte) spricht mit den Historikerinnen und Historikern Christina Morina (von links), Hélène Miard-Delacroix, Eckart Conze und Sir C. Clark (per Video zugeschaltet) zum 150. Jahrestag der Gründung des Deutschen Reiches im Schloss Bellevue.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Mitte) spricht mit den Historikerinnen und Historikern Christina Morina (von links), Hélène Miard-Delacroix, Eckart Conze und Sir C. Clark (per Video zugeschaltet) zum 150. Jahrestag der Gründung des Deutschen Reiches im Schloss Bellevue. Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa
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Berlin

Statt Geburtstagsparty eine kritische anderthalbstündige Geschichtsstunde: Der Marburger Historiker Professor Eckart Conze (von rechts) diskutierte in Berlin mit Hélène Miard-Delacroix (Sorbonne Paris), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Christina Morina (Universität Bielefeld) und Sir Christopher Clarke (Oxford, per Video zugeschaltet) über die Gründung des deutschen Kaiserreichs vor 150 Jahren. Am 18. Januar 1871 war nach der Niederlage Frankreichs im dritten Deutsch-Französischen Krieg im Schloss Versailles der preußische König zum deutschen Kaiser Wilhelm I. ausgerufen worden. Dieses Datum rufe heute bestenfalls zwiespältige Gefühle hervor, konstatierte der Präsident. Das 1990 vereinte Deutschland berufe sich eher auf die Werte Freiheit, Demokratie und eine europäische Friedensordnung als auf den preußischen Militarismus.

Aus Sicht von Professor Conze wurde der Kriegsgedanke 1870/71 „in den genetischen Code“ des deutschen Nationalstaats eingearbeitet. Als besonders prägend für das Kaiserreich bezeichnet Conze die Kommandogewalt des Kaisers über das Militär ohne eine parlamentarische Kontrolle sowie die Feindschaft zu Frankreich. Und die Identifikation und Verfolgung der Gegner der nationalen Einheit wie der Katholiken oder der Sozialdemokraten habe innenpolitisch der Stabilisierung des autoritären Machtstaates gedient.

Allerdings habe eine „List der Geschichte“ dafür gesorgt, dass diese Strategie sich ins Gegenteil verkehrt habe, ergänzte Christopher Clarke. So habe Bismarcks Kulturkampf zu einem festen politischen Block der Opposition geführt, meinte der britische Historiker. Hélène Miard-Delacroix betonte, dass die Kaiser-Proklamation im ehemaligen Palast von Ludwig XIV. eine große Demütigung des deutschen Kriegsgegners bedeutet habe. Mit dem Mythos der Erbfeindschaft sei zudem vor 150 Jahren der Grundstein für den Revanchismus auf beiden Seiten gelegt worden. Aufgrund der gemeinsamen europäischen Erfahrungen von Kriegen und Nationalismus stehe aber in der Gegenwart eher die Suche nach Gemeinsamkeiten im Vordergrund.

Von Manfred Hitzeroth

In seinem Buch "Schatten des Kaiserreichs" stellt Eckart Conze die Gründung des deutschen Reichs im Jahre 1871 und ihr schwieriges Erbe in den Mittelpunkt. Einen Artikel dazu finden Sie hier (nach Login kostenfrei).

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