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Marburg Martyrium im Folterkeller
Marburg Martyrium im Folterkeller
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10:57 22.11.2020
Der Hexenturm am Marburger Schloss. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Das Martyrium im Folterkeller: So ist die entscheidende Episode überschrieben, die im Jahr 1656 über das Leben der Marburger Schneiderswitwe Catharina Staudinger entschieden hatte.

„O weh, o weh, hört auf, ich will doch alles sagen. Aber keine Zauberin bin ich“: Diese Worte einer gepeinigten Frauenstimme hört man, untermalt von Kettenrasseln und dramatischer Musik.

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105 Anklagepunkte gab es. Nach der hochnotpeinlichen Befragung wurde sie schließlich doch im Gewölbekeller des Marburger Rathauses durch das Peinliche Halsgericht der Hexerei für schuldig erklärt und zum Tode verurteilt.

„Wir haben versucht, mit unserer Aufnahme die Emotionen einzufangen und deutlich zu machen, wie sich so ein Mensch gefühlt hat, der der Hexerei angeklagt war“, erzählt Clemens Korn, der zusammen mit Steffen Schmidt (beide von der Agentur Werkraum56) für die Erstellung der Tonaufnahmen zu dem städtischen Audioguide der Hexenroute zuständig war.

Start am Wohnhaus der Getöteten

Er hat auch versucht, passende Geräusche zu den gesprochenen Texten zu finden. „Das geht einem durch Mark und Bein“, meint er. Besonders eindringlich sei es auch, das Geschehen nachzuerleben, weil es sich größtenteils um noch heute wieder auffindbare Orte in Marburg gehandelt habe. Weitere Hör-Passagen schildern auch den weiteren Weg der „Hexe“ bis hin zu ihrer Hinrichtung oberhalb von Marburg am Rabenstein.

Den Text für den Audioguide, der ein wesentlicher Bestandteil der neuen Marburger Hexenroute ist, hat die Marburger Journalistin Gesa Coordes erstellt. „Das Wohnhaus von Catharina Staudinger befand sich damals wohl an der Ecke Wettergasse/Judengasse (heute Schlosssteig)“, berichtet Coordes. Dies ist zumindest das Ergebnis ihrer Recherchen, unter anderem durch die Suche in Sippenbüchern.

Irgendwo dort, wo links und rechts des Weges hoch zum Schloss heute zwei Häuser stehen, muss die Schneiderswitwe gewohnt haben. Und dort befindet sich auch der Ausgangspunkt für den Audioguide. Die weiteren Stationen führen zum Schloss - dem Ort, an dem sie als Hexe denunziert wurde sowie zur Lutherischen Pfarrkirche, wo Catharina Staudinger auch Kirchgängerin war. Schließlich führt der Audioguide zum Rathaus, wo die Verhöre stattfanden und über die Zwischenstation Weidenhausen, wo in der Kappesgasse 1 jahrhundertelang das Wohnhaus des städtischen Henkers war, bis hin zur Hinrichtungsstätte am Rabenstein.

Mindestens 22 Frauen und 2 Männer hingerichtet

Das Ziel des Audioguides war es, anhand eines Einzelbeispiels die Hexenverfolgung möglichst plastisch nachvollziehbar zu machen, sagte Coordes bei der Präsentation der Hexenroute. Zudem wurde auch noch ein weiterer Stadtspaziergang erstellt, bei dem das Thema Hexenverfolgung in Marburg generell dargestellt wurde und der ähnlichen Stationen folgt. In dem dazu von der Stadt Marburg in Auftrag gegebenen Flyer stammen die Texte von Dr. Ronald Füssel, der in diesem Jahr auch eine Stadtschrift unter dem Titel „Gefoltert, gestanden, zu Marburg verbrannt. Die Marburger Hexenprozesse“ veröffentlicht hat.

„Entstanden ist somit eine Art begehbares Geschichtsbuch“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. „Wo ist was passiert? Das ist ein wunderbares Projekt, das im Hexenjahr 2020 Geschichte präsent und gegenwärtig macht“, sagt Spies.

„Die Orte des Geschehens sind in Marburg wie an einer Perlenschnur aufgereiht“, sagte Füssel. Sie führen vom Landgrafenschloss über die ehemalige landgräfliche Kanzlei und dann durch Weidenhausen über die Scheppe Gewissegasse bis hoch zum Rabenstein. Zwischen 1513 und 1712 fanden nach den Recherchen von Füssel in Marburg rund 120 Hexenprozesse statt, bei denen mindestens 22 Frauen und 2 Männer den Tod fanden.

Hinrichtungsstätte weithin sichtbar

Besonders viel öffentliche Anteilnahme habe es bei dem Prozess im Jahr 1582 gegeben. Damals seien ausweislich eines schriftlichen Berichts am Marktplatz von den Massen sogar die Gerichtsschranken eingedrückt worden, sagte Füssel.

Und der Zug zur Hinrichtungsstätte durch Weidenhausen und hoch zum Rabenstein muss wohl auch von einer großen Menschenmenge begleitet worden sein. Die Hinrichtung sei dann eine öffentliche Demonstration landesherrlicher Macht gewesen. „Und damals war der Rabenstein im Gegensatz zu heute von Marburg aus weithin sichtbar“, macht der Historiker deutlich. Und das umso mehr, wenn es nach einem vollstreckten Todesurteil ein Feuer gab.

Das Faltblatt „Marburger Hexenroute“ ist ab sofort unter anderem in der Tourist-Information der Stadt Marburg erhältlich. Der Audioguide kann unter der Adresse  www.marburg.de/hexenroute heruntergeladen werden.

Von Manfred Hitzeroth