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Marburg Patienten können Durchatmen
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19:58 25.08.2020
Professor Oliver Pfaar arbeitet an der Marburger HNO-Klinik. Foto: Manfred Hitzeroth
Professor Oliver Pfaar arbeitet an der Marburger HNO-Klinik. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Seit einigen Wochen wird an der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Marburger Uni-Klinikum neu ein Medikament eingesetzt, das Patienten Hilfe verspricht, die an schwerer Nasennebenhöhlenentzündung (Rhinosinusitis) mit Polypen leiden.

Das erläuterte Professor Oliver Pfaar im Gespräch mit der OP. Die Krankheit zählt seit Jahren zu den Spezialgebieten des Marburger HNO-Mediziners und Allergologen.

Vor allem die schwere chronische Form der Krankheit nimmt die Patienten sehr in Mitleidenschaft und bringt unter anderem schmerzhafte und unangenehme Wucherungen im Nasen-Inneren mit sich.

Als Folge der Erkrankung bekommen viele Patienten keine Luft mehr durch die Nase, haben ein Druckgefühl im Nasen- und Rachenraum, ausgeprägten dauerhaften Kopfschmerz und weisen einen sehr unruhigen Schlaf auf.

Auch das Riechen und Schmecken funktioniert sehr viel schlechter als bei Gesunden. Alles in allem ist ihre Lebensqualität stark eingeschränkt, wie Professor Pfaar erläutert.

Bisher war Operation die einzige Option

Das Komplizierte: Die Ursachen für die Erkrankungen sind vielfältig und immer noch nicht genau geklärt. Und auch die bisherige Standard-Behandlung sorgte bisher in den schweren Fällen allenfalls für kurzzeitige Linderung. Denn die dafür eingesetzten cortisonhaltigen Nasensprays wirken meistens nur auf die Nasenschleimhaut, also dort, wo die Entzündung sich auswirkt, ohne aber die zugrunde liegende immunologische Reaktion zu beeinflussen.

Dabei bleibt häufig bei diesen chronischen Fällen die HNO-ärztliche Operation, bei der die Nasen-Polypen entfernt werden, die einzige Therapieoption. Dabei wird die Schlüsselloch-Technologie der Endoskopie verwendet, bei der mit minimalinvasiven Eingriffen gearbeitet wird. Durch die Operationen wird zunächst wieder Platz in den Nasennebenhöhlen geschaffen und die entzündete Schleimhaut entfernt. Das Problem ist jedoch, dass die Polypen bei einem Teil der Patienten wieder nachwachsen, so dass die chronischen Kopfschmerzen zurückkehren.

Erste Ergebnisse sind vielversprechend

Bei einem Teil der Patienten sind daher mehrfach Eingriffe erforderlich, ohne dass dauerhaft eine Besserung eintreten würde. Und nach einer Vielzahl von Operationen wirken dann oft die vorher zur Therapie eingesetzten Nasensprays nicht mehr und es kommen auch noch Cortison-Tabletten zum Einsatz. Diese Stoßtherapien können allerdings mit gravierenden Nebenwirkungen verbunden sein, macht Pfaar klar.

Daher ist der Mediziner sehr froh, dass insbesondere für die Patienten mit wiederkehrenden Polypen endlich ein neues und zugelassenes Medikament zur Verfügung steht und angewendet werden kann. Die ersten Ergebnisse des neuen Therapie-Ansatzes in Studien seien vielversprechend und dies betätige sich auch bei den Patienten in seiner Sprechstunde, so Professor Pfaar.

„Patienten fühlen sich wie ausgewechselt“

Das Medikament, das jetzt erstmals im Kampf gegen chronische Nasennebenhöhlenpolypen zum Einsatz kommen darf, ist ein sogenanntes Biologikum. Es war zuvor als Medikament bekannt, das erfolgreich in der Neurodermitis- und Asthma-Behandlung eingesetzt wurde. Der Wirkstoff kommt aus der Stoffklasse der „monoklonalen Antikörper“. Seine Funktionsweise beruht auf einer Blockade von Signalwegen der sogenannten Typ-2-Entzündung.

Bei der Behandlung der Nasennebenhöhlenentzündungen mit Ausbildung von Polypen führt die regelmäßige Anwendung des Biologikums bei vielen Patienten zu einer Verminderung des Polypen-Wachstums. „Diese Patienten fühlen sich wie ausgewechselt. Sie berichten, dass sie nach Jahren der dauerhaften Beschwerden endlich wieder besser Luft bekommen, durchschlafen können, wieder Riech- und Schmeckeindrücke und insgesamt eine deutliche Besserung der allgemeinen Lebensqualität wahrnehmen“, berichtet Pfaar.

Dieses neue Medikament wird ausschließlich in schweren Fällen durch den HNO-Arzt indiziert und verabreicht. Hierfür stellen sich in der rhinologisch-allergologischen Sprechstunde von Pfaar Patienten aus ganz Hessen vor.

Von Manfred Hitzeroth

25.08.2020
25.08.2020