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Marburg Grüne fordern mehr Diversität und weniger Sexismus
Marburg Grüne fordern mehr Diversität und weniger Sexismus
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08:00 25.05.2021
Ist das Sexismus, ist das Diskriminierung von Frauen – und soll das deshalb, wie hier im Ockershäuser Schulviertel, weg?
Ist das Sexismus, ist das Diskriminierung von Frauen – und soll das deshalb, wie hier im Ockershäuser Schulviertel, weg? Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Kommt jetzt ein Bilder-Bann? Die Grünen fordern von Marburg eine „klare Positionierung gegen jede Form der stereotypen, sexistischen und diskriminierenden Werbung in der Öffentlichkeit“, die Stadt stehe in der Verantwortung, um „alternative Werbemöglichkeiten aufzuzeigen“. Die Kommune und alle Tochtergesellschaften sollten künftig sämtliche in Auftrag gegebene Werbung, etwa Plakataktionen ihren Gleichstellungsstellen vorlegen. Sobald eine oder mehrere Personen abgebildet seien, müsse alles „hinsichtlich der Faktoren Diversität, Diskriminierung bzw. Stereotypisierung überprüft“ werden, heißt es in dem Antrag an das Parlament, der am heutigen Dienstag (25. Mai) im Hauptausschuss diskutiert wird.

In der Universitätsstadt, so die Grünen-Stadtverordneten Karen von Rüden und Madelaine Stahl, sei immer wieder Werbung zu sehen, die „leichtbekleidete Frauen zeigt“. Dabei gehe es eher selten um Bademode oder Schwimmbadbesuche, vielmehr gelte das Motto „Sex sells“, wenn mit bestimmten Darstellungen Gegenstände beworben würden, „die ebenso gut durch einen Mann im Anzug beworben werden könnten“.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Klagen über die Werbeplakate des „Erotic Island“, des Bordells in Wehrda. Die „Bürgerinitiative gegen Bordell“ um Ingrid Hauschildt-Schön kritisierte die Motive beim Ordnungsamt oft als „Porno-PR“, seit geraumer Zeit sind die Werbeplakate entschärft, weniger anzüglich und nicht mehr auf Frauenkörper beschränkt.

Sexismus-Verbot in der Praxis

Stahl und von Rüden geht es aber nicht nur um sexistische Motive, sondern auch um Vorurteile etwa bei Berufsbildern. Auslöser des Antrags ist ein Sparkassen-Plakat, das eine junge Frau und einen älteren Mann zum Thema Altersvorsorge zeigt. Das vermittle ein „klar rückständiges Frauenbild“. Die Grünen-Stadtverordneten prangern auch an, dass „People of Color oft gar nicht auf Werbeplakaten zu sehen sind“. Marburg soll mit dem Schritt zur „bewussten Hinterfragung“ ein „Vorbildcharakter“ im Umgang mit Diversität und Diskriminierung haben.

In München gilt ein noch weitreichenderes Verbot, als das von den Grünen für Marburg nun geforderte. Auf sämtlichen Flächen der bayerischen Metropole – also etwa allen Bushaltestellen, Litfaßsäulen, Schautafeln oder Fahrzeugen – sind sexistisch anmutende Motive seit rund drei Jahren tabu.

Doch wie definiert man dort Sexismus? Im Kern sei eine Werbung laut der Münchener Stadtverwaltung dann sexistisch, wenn die „Verwendung der sexuellen Attraktivität“ einer Frau oder eines Mannes ohne „Sachzusammenhang“ mit dem Produkt erfolgt. Heißt: Eine halb nackte Frau soll keine Spülmaschine oder keinen Laptop bewerben. Im Gegensatz zu Bikinis oder Unterwäsche – hier sei „ein Sachzusammenhang gegeben, und die Frau kann auch leicht bekleideter auftreten, wenn sie das konkrete Produkt bewirbt“. Zudem soll die Werbung Frauen nicht in „einseitigen klischeehaften Rollen“ oder in „Abhängigkeit von und nur in Unterordnung“ zu Männern zeigen.

Nicht nur öffentliche Stellen, auch Firmen müssen sich bei Gleichstellungsstellen ein Okay abholen, Klauseln in Werbeverträge einbauen. Auch in Leipzig, Bremen, Flensburg und Teilen Berlins gelten ähnliche Verbote, fällen Jurys in strittigen Fällen die Entscheidungen. Mit der Regelung geht einher, dass sexistische Werbung im öffentlichen Bereich auch kurzfristig abgehängt werden kann.

Die Gender-Aktivisten „Pinkstinks“ kämpfen seit Jahren für ein entsprechendes, in Bundesgesetzen verankertes Verbot. Bisher mündete die Lobbyarbeit in ein „Sexwerbungs-Monitoring“, dem sogenannten Werbemelder, einer digitale Anti-Sexismus-Meldestelle. Seit 2019 gab es 9000 Meldungen – darunter auch das von den Marburger Grünen aktuell kritisierte Sparkassen-Motiv. Mit der Aufschrift „Wir haben die attraktive Altersvorsorge für Sie“ zeigt dieses einen älteren Mann, der sich einer irritiert schauenden jungen Frau nähert. Bewertung der Aktivisten: Damit werde ein „toxisches Bild reproduziert“ – und zwar jenes der „jungen Frau, die einen recht alten Mann heiratet, nur um sich selbst finanziell abzusichern“.

Magistrat: „hochgradig sensibilisiert“

Dass man als Kommune „keine Darstellungen mit sexistischen, rassistischen, homophoben, sozial-exkludierenden oder anderen gruppenbezogenen, diskriminierenden Inhalten oder Stereotypen“, in Auftrag gebe, dafür sei man bei der Stadt und den Tochtergesellschaften bereits „hochgradig sensibilisiert“, heißt es vom Magistrat auf OP-Anfrage. Man achte in der Praxis seit langem darauf und würde „im Zweifelsfall die im Haus vorhandene Expertise zu Rate ziehen“, worauf man angesichts der aktuellen Beschwerde noch einmal „hinweisen“ werde.

Das städtische Gleichberechtigungsreferat, das in der Vergangenheit eine Wanderausstellung zu sexistischer Werbung organisierte, kooperiere jedenfalls mit den Stadtwerken und gehe auch Beschwerden nach.

In Marburg bestehen seit Jahren Verträge mit der international agierenden Ströer-Gruppe, die Außenwerbeflächen in der Stadt bestückt und Interessenten anwirbt. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Anläufe, speziell der Linken, ein Verbot von Bundeswehr-Werbung in Marburg, speziell auf Bussen und an Bushaltestellen durchzusetzen. Die Vertragsgestaltung mit Ströer, so der Magistrat gebe das nicht her – bei einer Neuverhandlung der Verträge wolle man das aber ansprechen, hieß es zuletzt. Der Vertrag zwischen dem Vermarkter und den Stadtwerken befinde sich gerade „in Prüfung“, teilt die Stadt mit.

Die Sitzung des Hauptausschusses findet am Dienstag (25. Mai) um 17 Uhr im Stadtparlamentssaal (Barfüßerstraße 50) statt.

Von Björn Wisker

25.05.2021
24.05.2021