Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Ich muss jetzt den Kopf dafür hinhalten“
Marburg „Ich muss jetzt den Kopf dafür hinhalten“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 02.07.2021
Ein Marburger Gastronom muss sich vor Gericht verantworten, weil er in 76 Fällen für sein Personal keine Sozialabgaben bezahlt hat – Schaden: knapp 30 000 Euro.
Ein Marburger Gastronom muss sich vor Gericht verantworten, weil er in 76 Fällen für sein Personal keine Sozialabgaben bezahlt hat – Schaden: knapp 30 000 Euro. Quelle: Marc Tirl
Anzeige
Marburg

Ein Marburger Gastronom muss sich vor dem Amtsgericht Marburg verantworten, weil er zwischen 2017 und 2019 in 76 angeklagten Fällen für das bei ihm beschäftigte Personal keine Sozialabgaben an die Krankenkassen abgeführt haben soll. Mal waren es Beträge von um die zehn Euro, mal rund 1 200 Euro – insgesamt entgingen den Kassen knapp 30 000 Euro.

Und: Da er bereits einschlägig vorbestraft sei, habe der Angeklagte auch genau gewusst, dass er die Beiträge abzuführen habe – dies habe er laut Staatsanwaltschaft bewusst unterlassen.

Bevor der 59-Jährige sich zu den Vorwürfen äußerte, gab sein Anwalt Thomas Strecker eine Erklärung ab: Er kenne den Angeklagten seit Jugendtagen, der sei – nach einer vorherigen Geschäftsübernahme – „Ende des letzten Jahrhunderts als Quereinsteiger in die Gastronomie“ gekommen. „Das Ganze ist ihm über den Kopf gewachsen und 2008 kam es zu einer Insolvenz“, so Strecker. Der Insolvenzverwalter habe seinerzeit auch einen Steuerberater mitgebracht. Diesen Steuerberater habe sein Mandant nach Abschluss des Insolvenzverfahrens behalten. „Und der hat ihn genau in dem Tatzeitraum, den wir hier haben, ganz extrem hängen gelassen“, so Strecker. Sein Mandant wisse, dass er die Verantwortung übernehmen müsse, doch habe der Steuerberater überhaupt nicht auf Kontaktaufnahmen reagiert.

Letztlich habe der Gastronom den Steuerberater gewechselt, „aber da war das Kind schon in den Brunnen gefallen“, so Strecker. Immerhin: Der Gastronom habe den Rückforderungsbescheid akzeptiert, „was man auch von jemandem erwartet, der Reue zeigen will“.

Der Gastwirt betonte, dass ihm die Angelegenheit „furchtbar leid“ tue. Er stehe mit Finanzamt und den Krankenkassen in Kontakt – und obwohl es während der Pandemie keinerlei Umsätze in seiner Kneipe gegeben habe und die November- und Dezemberhilfe erst im Mai geflossen seien, habe er bereits 1 500 Euro an die Krankenkassen gezahlt. „Später will ich auch gerne mehr zahlen“, betonte der Angeklagte, er wolle den Schaden aus der Welt schaffen.

Er erzählte, dass ihn der Steuerberater völlig im Stich gelassen habe, „er ging nicht ans Telefon, in seinem Büro war er nicht und auch zu Hause habe ich ihn nie erwischt“, so der Gastronom. Auch seine damalige Lebensgefährtin, die quasi das – meist weibliche – Personal eingestellt habe, „weil das von Frau zu Frau besser klappte“, habe zwar die jeweiligen Meldungen an den Steuerberater übermittelt – doch habe es nie entsprechende Rückmeldungen gegeben. „Sie hat mir immer gesagt, dass da etwas faul ist und ich mir einen neuen Berater suchen soll“, so der Wirt. Doch der wollte das zunächst nicht glauben, auch, weil er für zwei Jahresabschlüsse bereits bar in Vorleistung getreten sei. „Er hat immer gesagt, ich müsse ihn mit Bargeld animieren, dann würde er sofort loslegen“, so der Angeklagte.

Für ihn steht fest: „Er ist der Betrüger und müsste eigentlich hier sitzen.“ Und wie es bei erfolgreichen Betrügern so sei: Er habe den Gastronomen immer wieder einwickeln können, dass der ihm geglaubt habe. Und das, obwohl sogar sein Sachbearbeiter beim Finanzamt ihn gewarnt habe.

Für den 59-Jährigen steht fest: „Ich muss jetzt den Kopf dafür hinhalten – dabei habe ich nichts vorsätzlich gemacht.“ Ist der Gastronom also Opfer oder hat er mit Vorsatz gehandelt? Das soll sich bei der Fortsetzung des Prozesses am 20. Juli ab 13 Uhr zeigen, wenn auch zahlreiche Zeugen geladen sind.

Von Andreas Schmidt

Marburg Corona-Zahlen - Zwei Neuinfektionen
02.07.2021
02.07.2021