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Marburg Arzt schildert Reanimation
Marburg Arzt schildert Reanimation
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21:25 15.05.2019
Vor dem Marburger Landgericht wurde der Prozess gegen eine ehemalige Kinderkrankenschwester am UKGM fortgesetzt. Quelle: Volker Hartmann/dpa
Marburg

Die emotionale Aussage eines Kinderarztes von der Nacht, in dem ein 
Baby mehrfach wiederbelebt werden musste, stand im Mittelpunkt des Frühchen-Prozesses am Landgericht.

Der Auftritt des 39-jährigen Mediziners war mit Spannung erwartet worden, da es sich um den wohl einzigen Arzt auf der Klinikstation handelt, der Ketamin – ein Mittel, mit dem Frühchen vergiftet wurden – verordnet hat.

Er bestätigte den Vorfall bei seiner Anhörung vor Gericht und lieferte dabei die zuvor vermutete Erklärung: Er sei aus Wiesbaden an das Uniklinikum gekommen, die Kombination aus Ketanest und Dormicum sei dort „Standard bei Intubation“, gewesen, sagte er. Zudem habe man Ketamin zur Sedierung bei Darmoperationen gegeben. Grund hierfür sei das gute Nebenwirkungsprofil des Wirkstoffs.

Zeuge sagt unter Tränen aus

Dass das Medikament in Marburg „relativ verteufelt“ sei, führt der Neonatologe auf die restriktive Linie des Chefarztes zurück. Dieser hatte vor Gericht ebenfalls ausgesagt, dass er das Medikament nicht verordne, da es zu wenige Wirkungsstudien gebe. Daher habe auch er selbst, so der 39-Jährige, Ketamin nur in seiner Anfangszeit auf den Lahnbergen verabreicht.

Er beschrieb dann – sichtbar angegriffen und mit brüchiger Stimme – die Nacht im Februar 2016, in der das Frühchen Johanna dreifach reanimiert wurde. „Es war eine sehr bedrohliche Situation für mich“, berichtete er. „Ich hatte das Gefühl, es entgleitet mir.“ Die Gründe für den Zustand erschienen ihm rätselhaft.

Arzt bescheinigt Angeklagter gute Arbeit

Bei einem amplitudenintegrierten EEG habe man dann gesehen, dass „die Hirnaktivität eigentlich null“ war. Für den Kinderarzt eine emotionale Erinnerung: „Ich hab die Welt nicht mehr verstanden“, erzählte er unter Tränen. Noch oft habe er von der Nacht geträumt. Auch bei beiden anderen Frühchen war der Zeuge in die Behandlung involviert. Bei den anderen vergifteten Frühchen Leni und Mia seien die plötzlichen Verschlechterungen für ihn ebenfalls „unerklärlich“ gewesen.

Zur Angeklagten Elena W., die bei der Reanimation mithalf, lieferte der Arzt ebenfalls einige Erkenntnisse: Obwohl die Kinderkrankenschwester seiner Ansicht nach gute Arbeit geleistet habe, sei sie „nicht bei allen beliebt“ gewesen. Er habe gehört, dass einige Schwestern „wenn Elena was falsch gemacht hat, das fotografiert haben“. Die Fotos sollen die Schwestern dann an die Wand gehängt haben – „Methoden, die nicht so nett waren“.

Verteidigung schließt stationsfremden Täter aus

Die Probleme der Angeklagten innerhalb des Teams bestätigte der nun ebenfalls vernommene stellvertretende Stationsleiter. Der 49-Jährige betonte, dass das Verhältnis besonders zu älteren Kolleginnen nicht gut gewesen sei. Mit jüngeren Mitarbeiterinnen habe Elena W. sich besser verstanden.

Die Verteidigung stellte nun klar, dass auch ihrer Auffassung nach kein Stationsfremder der Täter gewesen sein könne. Bislang stand noch die hypothetische Möglichkeit im Raum, dass jemand, der sich Zutritt zur Station verschafft habe, für die Vergiftung der drei 
Frühchen verantwortlich sein könnte.     

von Melchior Bonacker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"

11. April: Medikamente werden von Schwestern bestellt

8. Mai: Aussagen des Ex-Freundes verwirren