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Marburg „Es hat immer ein bisschen geknirscht“
Marburg „Es hat immer ein bisschen geknirscht“
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00:20 10.03.2019
Die angeklagte Kinderkrankenschwester zwischen ihren Rechtsbeiständen. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Von 2013 bis zu dem Vorfall Anfang 2016 arbeitete die heute 29 Jahre alte Angeklagte als Kinderkrankenschwester auf der neonatologischen Intensivstation des Uniklinikums.

Im Winter 2015/2016 kam es zu rätselhaften Zustandsverschlechterungen bei drei Frühchen. Eines der Babys starb. In Blut- und Urinproben der Frühchen wurden die nicht ärztlich verordneten Narkotika Midazolam und Ketamin nachgewiesen.

Die heute 55 Jahre alte Pflegedienstleiterin war unter den Ersten, die nach dem dritten Vorfall in die Ermittlungen eingebunden waren. Sie sagte aus, eine Mitarbeiterin habe ihr am Donnerstag oder am Freitag nach dem letzten Ereignis mitgeteilt, dass Toxine im Urin der kleinen ­Johanna nachgewiesen worden seien.

Zeugin berichten von Auffälligkeiten

Als sie daraufhin den Medikamentenschrank kontrollierte, fand die gelernte Kinderkrankenschwester drei Packungen Dormicum und zwei Packungen Ketanest vor. Zwei Packungen Dormicum, das den Wirkstoff Midazolam enthält, waren leer. Normalerweise würden leere Packungen entsorgt. Bezüglich des gemeinsamen Vorgehens nach der Entdeckung zeigte sich die Stationsleiterin vor Gericht unsicher: „Ich weiß nicht mehr, was wir danach getan haben“, beteuerte sie.

Gleich darauf erinnerte sie sich jedoch wieder: Am Samstag fand ein Gespräch zwischen ihr und den beiden Ärzten statt, die bereits vor Gericht ausgesagt hatten. Ihr sei in der Nacht zuvor aufgefallen, dass es auch schon bei dem verstorbenen Frühchen Leni Auffälligkeiten gegeben habe.

Geheime Tür bot Zugang zum Giftschrank

Am Vormittag recherchierten der Chefarzt, der Oberarzt und die Stationsleiterin zu den Vorfällen. Dabei fiel den dreien auf, dass die Angeklagte Elena W. zu den fraglichen Zeiten stets Nachtdienst hatte. Am Montag habe es dann eine außerordentliche Mitarbeiterbesprechung gegeben, „aber was da besprochen wurde, weiß ich nicht mehr“, sagte die 55-Jährige.

Auf Nachfragen der Prozessbeteiligten erläuterte die Zeugin einige bislang unklare Abläufe­ auf der neonatologischen Intensivstation. Unter anderem ergab sich dabei, dass es noch einen bisher nicht bekannten Zugang zu der Station gibt. Eine Tür zur benachbarten Kinderintensivstation wurde nicht etwa zugemauert, wie der Chefarzt vermutet hatte, sondern ist frei zugänglich. Richter Dr. Frank Oehm stellte darauf gleich die ganze Sicherung der anderen Zugänge infrage: „Macht es dann überhaupt Sinn, die anderen Zugänge zu verschließen, wenn einer offen steht wie ein Scheunentor?“

Stationsleiterin traute Angeklagter wenig zu

Ein weiteres Thema der Befragung zielte auf den Eindruck der Zeugin von der Angeklagten: Diese sei stets korrekt und freundlich gewesen. Allerdings habe es wohl Probleme zwischen Elena W. und einer älteren Kollegin gegeben. Die Stationsleiterin führte daraufhin mit Elena W. ein Gespräch. Ihr ­wurde vorgeworfen, sich zu viel zuzutrauen.

Auf den Hinweis, dass sie wohl noch nicht so weit sei, richtig kranke Kinder zu versorgen, habe sie irritiert reagiert, es sei ihr schwergefallen, das zu akzeptieren. Auch nach möglichem Mobbing auf der Station wurde die 55-Jährige gefragt: „Es hat immer mal so ein bisschen geknirscht zwischen ihr und den erfahreneren Kolleginnen“, aber etwas Ernstes sei nie vorgefallen.

von Melchior Bonacker

Die bisherigen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"