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Marburg „Sie verzettelt sich halt gerne“
Marburg „Sie verzettelt sich halt gerne“
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00:17 21.05.2019
Der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm (links) spricht vor Verhandlungsbeginn mit den beiden ­Anwälten der Angeklagten. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die 29-Jährige steht vor Gericht, weil sie zwischen Dezember 2015 und Februar 2016 drei Frühgeborene auf der Neugeborenenintensivstation­ vergiftet haben soll.

Bei den Kindern wurde sowohl Midazolam als auch Ketamin nachgewiesen. Diese Narkosemittel waren den Kindern nicht ärztlich verordnet worden.

Die Mitglieder des Pflegepersonals werden seit Mittwoch als Zeugen vernommen. Einige von ihnen sprachen auch von Mobbing gegenüber der Angeklagten (die OP berichtete).

Wieder andere teilten diese Einschätzung nicht, sprachen lediglich von einem „schweren Stand“ bei älteren Kolleginnen. Worin sich jedoch nahezu alle Krankenschwestern einig sind, ist die Beurteilung der Arbeitsweise von Elena W.

Sie hat ihr Bestes gegeben

Bei Übergaben sei die Angeklagte nicht immer ordentlich gewesen, sie habe sich nicht so sehr für Nebenaufgaben interessiert. Die Nebentätigkeiten einer Krankenschwester auf der Station betreffen unter anderem das Aufziehen von Medikamenten sowie das Aufräumen und Kontrollieren des „Rea-Raums“. Diesen Tätigkeiten sei die Angeklagte nicht immer nachgekommen, sei unstrukturiert in ihrer Arbeitsweise gewesen, schilderte eine 49 Jahre alte Krankenschwester.

Elena W. habe aber „für ihren Erfahrungsstand ihr Bestes gegeben“, sagte die Kollegin weiter. Auch diese Zeugin sprach davon, dass sich die Angeklagte „viel zugetraut“ habe. Das habe sie zunächst als Ausdruck von Motivation und Engagement gedeutet. Später sei ihr aber in den Sinn gekommen, dass die junge Kollegin auch Anerkennung auf der Station gesucht habe. Sie habe gerne im Mittelpunkt stehen wollen – das habe „ihre ganze Art, wie sie sich auf Station gegeben hat“, ausgedrückt.

Teilweise etwas genervt von ihr

Eine weitere ehemalige Kollegin schilderte am Donnerstag ebenfalls das mangelnde Engagement der Angeklagten bei Nebenaufgaben: „Sie verzettelt sich halt gerne“, bemerkte die 45-Jährige lapidar. Die Tätigkeiten habe sie nicht verweigert, aber „stattdessen eher noch mit Eltern geredet“, weswegen sie nicht rechtzeitig fertig geworden sei.

Sie selbst habe ein durchwachsenes Verhältnis zu Elena W. gehabt: „Ich war teilweise etwas genervt von ihr“, räumte sie ein, ehe der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm es etwas deutlicher formulierte: „Waren Sie allgemein unzufrieden mit ihr?“ Das bestätigte die 45-Jährige nickend.

Anschließend berichtete­ sie von einem Fehler, den sie auch fotografisch festhielt. Ein Venenzugang sei von der Angeklagten falsch gelegt worden. Daraufhin habe das Kind, das sie ihr später überantwortete, Schmerzen gehabt. Durch die in das Gewebe eindringende Flüssigkeit sei das Bein des Kindes „elefantös“ gewesen, berichtete die erfahrene Kollegin.

Es gibt besser geeignete Kollegen

Insgesamt habe Elena W. „nicht genügend Respekt vor der Intensivpflege gehabt“, resümierte die ehemalige Krankenschwester, die mittlerweile Sozialrecht studiert. Das sei auch dem Umstand geschuldet gewesen, dass die Angeklagte direkt nach der Ausbildung auf der Intensivstation angefangen habe.

Die Zeugin stellte dazu einen Vergleich auf: „Kein Mensch würde einen 15-Jährigen, der noch nie gefahren ist, in ein Auto setzen und ihm sagen ‚So, jetzt fahr damit durch Frankfurt‘.“ Dies sei aber ein grundlegendes Problem junger Kolleginnen, so die ehemalige Krankenschwester weiter. Aber: „Es gibt sicherlich Kollegen, die besser geeignet sind“, stellte die Zeugin abschließend nüchtern fest.

von Melchior Bonacker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"

11. April: Medikamente werden von Schwestern bestellt

8. Mai: Aussagen des Ex-Freundes verwirren

10. Mai: Arzt schildert Reanimation

17. Mai: Kinderarzt sagt aus