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Marburg Haare schneiden im Akkord
Marburg Haare schneiden im Akkord
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11:00 15.12.2020
Martina Klein aus Niederweimar hatte am Montag alle Hände voll zu tun.
Martina Klein aus Niederweimar hatte am Montag alle Hände voll zu tun. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Das sanfte Summen des Rasierers in dem einen, das beruhigende Klacken der Schere im anderen Ohr, während seine dunklen Haare zu Boden fallen: Jochen Braun hat es geschafft, er sitzt am Montagmorgen auf einem der vor dem am Mittwoch beginnenden Lockdown wohl begehrtesten Stühle Marburgs: beim Frisör.

„Die Haare müssen ab, es wurde ohnehin mal Zeit. Wenn ich jetzt nicht kurzfristig hergekommen wäre, wer weiß wann das wieder gegangen wäre und wie ich dann aussehen würde“, sagt Braun unter seinem Mundschutz.

Im Salon von Peter Abel ist seit Montagmorgen Haareschneiden im Akkord angesagt. Als die Zwangsschließung am Sonntag klar war, setzte der Frisörmeister sich hin und schickte eine Nachricht über die sozialen Netzwerke: Ab Montag, dem traditionellen Ruhetag vieler Betriebe, ist schon ab 8 Uhr geöffnet. Ziel: An Kunden reinpressen, was in den letzten 48 Stunden des Geldverdienens noch geht. „Bis Weihnachten waren wir im Frauenbereich komplett ausgebucht. Das müssen wir jetzt auf zwei Tage verdichten und hoffen, möglichst viele dran nehmen zu können“, sagt Abel, der den Job seit 31 Jahren –nun eben mit Maske – macht.

Obermeisterin verweist auf bewährte Hygienekonzepte

Ob es an der Internet-Nachricht lag oder doch eher an der Zottel-Look-Angst vieler Marburger: Um 8 Uhr standen vor dem „Struwwelpeter“ in der Frankfurter Straße die Kunden Schlange. „Meine Haare wachsen ziemlich schnell, ich gehe eigentlich so alle sechs Wochen zum Frisör. Ich hatte Angst, im Februar wie ein Waldschrat auszusehen“, sagt Thorsten Schmidt, Student.

Februar? Es heißt von der Bundes- und Landespolitik doch Lockdown bis 10. Januar. Daran glaubt nur eben keiner im oder vor dem Südviertel-Salon. Auch Abel nicht: „Ich gehe nicht davon aus, dass wir dann wieder öffnen.“ Haareschneiden – das gilt im Behördendeutsch als „körpernahe Dienstleistung“. Finanzhilfen habe er beim ersten Lockdown schon nicht bekommen, dass sich das nun ändert, glaubt er nicht. Selbst wenn der Lockdown nötig sei: „Mir tut das wirtschaftlich sehr weh“, sagt er. „In all den Jahren haben wir hier viele Schlachten geschlagen. Auch diese werden wir annehmen, irgendwie wird es schon weitergehen“, sagt er.

Für den Moment, Montag und Dienstag noch ist es für Abel und seine Mitarbeiter ein Kampf anderer, positiverer Art: Haare waschen, trimmen, rasieren, schneiden, föhnen – alles im Akkord. „Über Weihnachten wollen die Menschen den Kopf nicht voll, sie wollen ihn schön haben“, sagt Abel.

„Jetzt vor dem Lockdown ist es wie nach dem Lockdown: Enormer Andrang, alles auf einen Schlag, die Kunden nehmen jede Gelegenheit wahr und sei es abends um 22 Uhr“, sagt Martina Klein, Innungsobermeisterin. Viele Frisöre hätten bereits in den Minuten nach der Lockdown-Verkündung am Sonntag Kunden angerufen und ihnen Termine in den letzten verbleibenden Öffnungsstunden angeboten. „Wir werden praktisch durcharbeiten. Uhrzeiten und Wartezeiten sind uns und auch den Kunden gerade egal“, sagt sie, während im Hintergrund das Telefon nicht aufhört zu klingeln.

Eine weitere sechswöchige Zwangsschließung wie im Frühjahr hält die Niederweimarerin angesichts der bewiesenermaßen funktionierenden Hygienekonzepte für „kaum vermittelbar“.

Die nun verkündeten vier Wochen seien für viele Betriebe „knackig“, sie ließen aber noch „Hoffnung, dass man sich rüber-rettet“.

Die Entscheidung, Frisöre und auch andere „im Hygiene- und Arbeitsschutz bewährte, von den Kunden das Vertrauen bekommende Betriebe“ zu schließen, habe heimische Handwerker „überraschend getroffen und stellt einen heftigen Eingriff für viele da“, sagt Meinhard Moog, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Marburg, gestern im OP-Gespräch. Auch wenn der Gesundheitsschutz Vorrang habe, seien die Folgen enorm: gerade für Auszubildende, von denen viele im Januar und Februar vor Prüfungen stehen. „Das wird in der Vorbereitung für einige nicht leicht, aber wir greifen jedem unter die Arme, wie und wo es geht“, sagt Frisör-Obermeisterin Klein.

von Björn Wisker

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