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Marburg Sie machen Unsichtbare sichtbar
Marburg Sie machen Unsichtbare sichtbar
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16:57 11.01.2020
Der Marburger Fotograf Chris Schmetz war der erste Mensch, der in dem Dorf fotografieren durfte. Quelle: Chris Schmetz
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Marburg

Ein kleiner Junge in blauen Shorts steht auf einem Felsen. Hinter ihm erstrecken sich atemberaubend grüne Hügel. Sein Blick ist entschlossen. Der Mund zusammengekniffen. In der Hand hat er eine Zwille. Er spannt sie und zielt. Vogeljagd in den Bergen Kolumbiens.

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Es sind beeindruckende Bilder wie dieses, die Chris Schmetz geschossen hat. Der Marburger war als erster Fotograf zu Gast bei den Sokorpa-Yukpa – einer indigen Gruppe in den abgelegenen Bergen Kolumbiens.

„Für mich war es extrem spannend“, erinnert sich der 39-Jährige. „Ich war beeindruckt, wie offen die Menschen gegenüber mir und meiner Kamera waren“, sagt er. Zugang habe er vor allem über die Kinder bekommen, die neugierig und unvoreingenommen auf den Fotografen zukamen. Aber auch ein kleines Malheur half, die Barrieren schnell abzubauen.

„In der ersten Nacht ist meine Hängematte gekracht. Von dem Moment an hat sich die Kunde von dem dicken Deutschen schnell verbreitet und die Herzen der Menschen haben sich geöffnet“, erinnert sich Chris lachend. Der Marburger, der übrigens gar nicht dick ist, war nicht allein beim Bergvolk Kolumbiens. Er folgte der Einladung von Anne Goletz, die ein ganzes Jahr bei den Sokorpa-Yukpa lebte.

Sagen und Mythen von „nichtmenschlichen Wesen“

Die 32-jährige Ethnologin forscht am Fachbereich Kultur- und Sozialanthropologie der Marburger Philipps-Universität. Geleitet wird das Forschungsprojekt über die Carib-sprechende­ ­amerindianische Gruppe, die im kolumbianisch-venezolanischen Grenzgebiet lebt, vom Marburger Professor Ernst Halbmayer.

Anne Goletz befasst sich mit den Sokorpa – einer Subgruppe der Yukpa. Sie schreibt ihre Dissertation über die Kommunikation der Sokorpa mit „nichtmenschlichen Wesen“. Damit gemeint sind sowohl Verstorbene und ein Schöpfergott als auch sogenannte Maisherren und Tierherren, die in der Yupka-Kultur präsent sind. „Meine Aufgabe bestand darin, die Menschen im Alltag zu begleiten und ihnen zuzuhören“, erklärt die Ethnologin. Vor allem mit älteren Menschen unterhielt sich Anne Goletz immer wieder und ließ sich Schöpfungsgeschichten und Sagen erzählen.

Fotograf Chris Schmetz zeigt den Sokorpa die Aufnahmen. Der Marburger war der Erste, der in dem Dorf fotografieren durfte. Privatfoto

Während der zwölf Monate tauchte die 32-Jährige tief ein in das ursprüngliche Leben der ­Sokorpa. Sie lebte bei einer Gastfamilie mit 13 Menschen. Ihre Hängematte hing im Wohnbereich der schlichten Holzhütte. Dort oben in den bis zu 1.300 Meter hohen Ausläufern der Anden gibt es kein fließendes Wasser. Gebadet wird im Fluss. Gewaschen auch.

Es gibt keine Toilette. Die Sokorpa verrichten ihr Geschäft draußen unter freiem Himmel in den Weiten einer atemberaubenden Landschaft. „Das war überhaupt nicht schlimm, man gewöhnt sich schnell dran“, sagt Anne Goletz lächelnd. Es gibt keinen Strom – außer eine Familie besitzt einen Stromgenerator. Das Leben ist ursprünglich.

Regierung weiß nicht, dass sie existieren

Der Ritt mit dem Pferd oder Esel runter von den Bergen in die nächstgelegene Stadt dauert Stunden. Trotzdem halten ­moderne Technik und Kommunikation immer mehr Einzug in das ­Leben der Yukpa.­ „Viele­ haben ein Handy oder sind auch bei Face­book angemeldet“, erklärt Anne Goletz. Aufgeladen werde das Handy dann in der nächstgelegenen Missionsstation, die über Strom verfüge. Auf Facebook werde in Internetcafés in der Stadt gesurft.

Rund 2.500 Yukpa leben auf einem circa 25.000 Hektar großen Gebiet. Das hört sich riesig an, aber ihr Lebensraum ist bedroht. Lediglich 20 Prozent des ihnen zugesprochenen Landes sei tatsächlich in ihrer Obhut, sagen die Yukpa. Zu wenig, um vom Ertrag aus der Landwirtschaft zu leben. Seit Jahrzehnten kämpfen sie um ihr Territorium. Wahrgenommen werden sie nicht. Das könnte sich dank Anne Goletz und Chris Schmetz nun ändern. Mit ihrem Bildband machen sie die Unsichtbaren sichtbar.

Anne Goletz im Gespräch mit einem älteren Mann der Sokorpa-Yukpa. Die 32-jährige Ethnologin befasst sich in ihrer Doktorarbeit mit Mythen und Sagen der indigen Gruppe. Privatfoto

„Nicht einmal die Regierung weiß davon, dass wir existieren“, schreibt Esneda Saavedra Restrepo im Vorwort des Bildbandes. Die Gouverneurin der Sokorpa-Yukpa hat sich mit Goletz und Schmitz zusammengetan. „Sinn und Zweck des Projektes war, ein Mittel für die Sokorpa zu sein, dass sie endlich wahrgenommen werden“, betont Schmetz. Von Regierungsseite habe es immer wieder den Vorwurf gegeben: „Über Euch steht nichts geschrieben, also existiert ihr nicht“, erläutert der Fotograf.

Auf 219 eindrucksvollen Seiten kann dieser Vorwurf nun entkräftigt werden. Der Bildband „Nanarh Yukpapi – We Are Yukpa“ verleiht den Menschen ­eine Stimme. Die Abgebildeten kommen zu Wort. Ein kleiner Junge mit lachenden Augen erzählt, wie sehr er Fußball liebt. Eine Mutter in traditionellem Leinengewand und mit Pfeife im Mund berichtet vom Verlust von vieren ihrer neun Kinder. Es sind Alltäglichkeiten, aber auch Sorgen und Nöte des indigenen Bergvolkes, die nun schwarz auf weiß niedergeschrieben stehen.

Seit drei Jahren hat es nicht geregnet

Vor allem die Repräsentantin­ der Sokorpa, Esneda, erhebt schwere Vorwürfe: Der Kohleabbau in ihrem Gebiet sei explodiert. Der menschengemachte Klimawandel zerstöre ihre Natur. „Seit drei Jahren hat es nicht geregnet, sodass wir nicht ernten konnten“, beschreibt sie die Not ihres Volkes. Sie kündigt an, weiter für die Zukunft der Yukpa zu kämpfen. Für ihren Lebensraum, ihre Selbstverwaltung, ­ihre Kultur und ihre Rechte. Das Buch von Anne und Chris sei dafür ein sehr wichtiger Schritt.

Und es ist wohl nur der Anfang. Die beiden Marburger ­arbeiten derzeit an einem Film über die Sokorpa. Sie hoffen, dass dieser dann auch in Marburg gezeigt werden kann.

von Nadine Weigel