Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Spektakulärer Fund: Sprechende Vulva in Kloster
Marburg Spektakulärer Fund: Sprechende Vulva in Kloster
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:45 24.07.2019
Nathanael Busch von der Universität in Siegen hat das Textfragment identifiziert. Quelle: Christine Glaßner
Marburg

Mittelalter-Spezialisten aus Deutschland und Österreich haben in der Stiftsbibliothek Melk einen spektakulären Fund gemacht. Sie sind auf einen schmalen Streifen Pergament gestoßen, der es bei genauerer Untersuchung in sich hat. Erkennbar sind nur wenige Buchstaben pro Zeile, die in mühsamer Geduldsarbeit identifiziert wurden. Sie stammen aus einem Text, den man bislang nur in zwei deutlich jüngeren Abschriften kannte.

Der sogenannte Rosendorn berichtet davon, wie sich eine Jungfrau mit ihrer sprechenden Vulva darüber entzweit, wer von ihnen bei Männern den Vorzug genieße. Bislang hat man angenommen, dass ein solch freier Umgang mit der eigenen Sexualität im deutschsprachigen Raum erst zum Ende des Mittelalters aufgekommen ist, also etwa in der städtischen Kultur des 15. Jahrhunderts.

Freizügige Texte wurden vielleicht sogar inszeniert

Der Melker Fund dagegen wurde um 1300 geschrieben und revidiert damit die bisherige Forschung. Anzunehmen ist, dass es bereits 200 Jahre zuvor Anlässe gab, bei denen derart freizügige Texte gedichtet, vorgetragen und vielleicht sogar inszeniert wurden. Offenbar wurden sie selten aufgeschrieben und haben noch seltener die Jahrhunderte bis heute überdauert.

Das Melker Fragment stammt aus einem vormals vermutlich vollständigen Blatt, das zerschnitten wurde und als Falzstreifen für den Einband eines lateinischen Werks diente. Dies war die gängige Methode, um wertvolles Pergament wieder zu verwerten. Aus welchen Gründen der Rosendorn zerschnitten wurde, kann man nur erahnen. Zu denken gibt, dass das Fragment in einem Melker Klosterband gefunden wurde – hat man im Kloster ein so "verderbliches" Buch schlichtweg vernichten müssen?