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Marburg Auf der Spur der Optimierung des Schlafs
Marburg Auf der Spur der Optimierung des Schlafs
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20:58 19.06.2021
Mit Elektroden an Kopf und Körper versuchen Mediziner im Schlaflabor, die Ursache für schlechten Schlaf zu finden.
Mit Elektroden an Kopf und Körper versuchen Mediziner im Schlaflabor, die Ursache für schlechten Schlaf zu finden. Quelle: Jens Büttner
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Marburg

Der menschliche Schlaf war schon immer geheimnisumwittert. Denn mehrere Stunden pro Tag verbringen wir mit geschlossenen Augen im Bett liegend, ohne Kontakt mit der Außenwelt. Was genau in der Zeit des Schlafens passiert, das liegt aber immer noch weitestgehend im Dunkeln. „Wir wissen als Alltagsmenschen nichts über den Schlaf, denn wir sind in dieser Zeit abwesend“, erklärt der Marburger Soziologe Professor Darius Zifonun.

Doch seit den 70er-Jahren hat sich auch in Deutschland ein neuer Wissenschaftszweig etabliert: die Schlafmedizin. Die Schlafforscher an den Uni-Kliniken haben einen Großteil ihrer Erkenntnisse in Schlaflaboren generiert, in den Patienten verkabelt werden und unter Beobachtung von Wissenschaftlern schlafen. „Die Schlaflabore sind eine vergleichsweise junge Erfindung“, sagt Zifonun.

Kein Körperorgan, das zugeordnet werden konnte

Dabei sei es für die Schlafmediziner zunächst gar nicht so einfach gewesen, auch unter Kollegen Anerkennung zu finden, denn es habe im Gegensatz zu vielen anderen Medizindisziplinen kein Körperorgan gegeben, das man dem Schlaf habe zuordnen können. Das Erfolgsgeheimnis der Schlafmedizin war dann laut Zifonun die Entdeckung der Schlaf-Apnoe gewesen, einer schwerwiegenden Erkrankung, bei denen es bei den Patienten im Schlaf zu Atemaussetzern kommt. Mittlerweile sei auch die zelluläre Forschung ein wichtiger Bestandteil der schlafmedizinischen Forschung.

Das Wissen über den Schlaf sei jedenfalls seit der Etablierung der Schlafmedizin in den 70er-Jahren ständig gewachsen und gesellschaftlich immer wichtiger geworden. Jetzt wollen die beiden Soziologen Darius Zifonun und Professorin Nicole Zillien (Uni Gießen) sowie die Historikerin Professorin Hannah Ahlheim (Gießen) den Schlafforschern in ihren Laboren über die Schulter schauen und genauer erfahren, wie sie ihr Wissen produzieren. „In der Studie erforschen wir, auf welche Weise Wissen über den Schlaf Geltung erlangt und wie es den Alltag von Menschen verändert“, erklärt Zillien.

„Sleep Tracking“

Auf ihre Idee kamen die Forscher durch einen ganz aktuellen Trend, der im Laufe der Siegeszugs von Smartphone-Apps und Körper-Selbstoptimierung den Weg in die Schlafzimmer gefunden hat. Die Rede ist vom „Sleep Tracking“, mit Hilfe dessen mittlerweile immer mehr Menschen ihr Schlafzimmer mit Spezialapparaturen und Apps selbst zum Labor im Miniformat machen. In den USA nutzt schon jeder Zehnte regelmäßig solche „Gadgets“, und auch auf Deutschland hat der Trend bereits übergegriffen.

Auch wenn dabei nicht die Hirnströme gemessen werden, so liefern die neuen Apps doch eine Menge Informationen über Schlafdauer und -intensität. So werden Bewegungen und Geräusche im Schlaf erfasst, und die „Sleep Track“-Apps sollen mehr über die Schlafgewohnheiten verraten. So spiele auch beim „Sleep Tracking“ das Wissen über den Schlaf eine entscheidende Rolle.

Optimierter Schlaf oder gesunder Schlaf?

Allerdings gibt es aus Sicht von Zifonun einen wesentlichen Unterschied zwischen den „Sleep Trackern“ und den Schlafpatienten. „Wer ins Labor geht, dem ist gesunder Schlaf wichtig. Die Schlaf-App-Nutzer wollen vor allem ihren Schlaf optimieren, und ihnen geht es um ihre Fitness“, erklärt der Marburger Soziologe. Ihnen gehe es darum, in einer vielfach als stressig wahrgenommenen Gesellschaft „besser“ oder auch „effizienter“ zu schlafen. 

Zifonun leitet das Teilprojekt zum „Sleep Tracking“, bei dem die Forscher versuchen wollen, die Logik der „Sleep Tracker“-Szene zu verstehen. Diese Gemeinschaft funktioniere vor allem über internetbasierte Community-Webseiten. In Deutschland sei dies Szene sehr lebendig und international vernetzt. Die Wissenschaftler sind aber auch gespannt auf ihre Besuche in den Schlaflaboren, so zum Beispiel am Marburger Uni-Klinikum. Dort sei im Übrigen mit der portablen Messeinheit „Marburger Koffer“ auch eine Art Vorläufer der „Sleep Tracks“ entwickelt worden, macht Zifonun deutlich.

Der „Goldstandard“ ist das Schlaflabor

Er glaubt allerdings nicht, dass die „Sleep“-Apps die Schlafmedizin überflüssig machen werden. Denn der „Goldstandard“ der Schlafforschung sei nach wie vor das Schlaflabor. Und die Forscher empfänden es auch als bereichernd, wenn die Patienten ihre zuhause erhobenen Basisdaten in die Klinik mitbrächten.

Forschungsprojekt „Schlafwissen“

Bisher haben sich weder Soziologen noch Historiker intensiv mit der Produktion von „Schlafwissen“ seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert beschäftigt. Die Historikerin Professorin Hannah Ahlheim (Gießen), der Marburger Soziologe Professor Darius Zifonun und die Mediensoziologin Professorin Nicole Zillien (Gießen) möchten diese Lücke nun schließen. Unter ihrer Leitung läuft das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit über 600 000 Euro geförderte, interdisziplinäre Projekt „Schlafwissen. Zur Wissensgenerierung in Schlaflabor und Sleeptracking“.

Das Projekt besteht aus drei Teilstudien, die in enger Kooperation mit Schlaflaboren in Marburg, Zürich und Berlin durchgeführt werden. Dies ist zum einen die Analyse der Wissensgenerierung im Schlaflabor, die sich auf die in den kooperierenden Schlaflaboren erhaltenen Unterlagen, zeitgenössische Fachpublikationen sowie Interviews mit Schlafforschern stützt. Diese historische Analyse wird kombiniert mit der zweiten Teilstudie, einer soziologischen Untersuchung des heutigen Schlaflabors, die mit Hilfe der (Video-)Ethnographie auf die Wissensherstellung in der Experten-Laien-Interaktion blickt.

Die beiden Analysen zum Schlaflabor werden im dritten Teilprojekt mit einer soziologischen Untersuchung des Sleep Trackings per App oder Gadget kontrastiert. Dazu werten die Forscher Forendiskussionen, Blogbeiträge und Video-Vorträge zur digitalen Selbstvermessung aus.

Von Manfred Hitzeroth

19.06.2021
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