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Marburg „Stay at home“ und „Luftsicherheitszonen“
Marburg „Stay at home“ und „Luftsicherheitszonen“
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18:56 20.06.2020
Die Corona-Pandemie löste die Angst vor Versorgungsengpässen aus. Die Folge: leere Supermarktregale. Quelle: Tom Weller/dpa
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Marburg

Die Corona-Pandemie hat seit Anfang März mit einem Schlag das Sicherheitsgefühl der Menschen auf der ganzen Welt ins Wanken gebracht. Grund genug für mehrere Forscher rund um den Marburger Sonderforschungsbereich „Dynamiken der Sicherheit“, sich in einer Reihe von aktuellen Aufsätzen dem Themenschwerpunkt aus einer Vielzahl von Perspektiven zu widmen.

„Es geht um eine Mischung aus Analyse der Gegenwart und historischer Tiefenschärfe“, erläutert der Marburger Konfliktforscher Professor Thorsten Bonacker. „Wir erleben derzeit eine Krise der Sicherheit – im doppelten Sinne“, sagt Bonacker, der die Reihe „Sicherheit in der Krise“ gemeinsam mit dem Marburger Soziologen Professor Sven Opitz initiiert hat.

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Zum einen komme ein breites Repertoire an Sicherheitstechniken zum Einsatz, das weit über eingespielte Praktiken des Gesundheitsschutzes hinausreiche.

Was mal galt, gilt nicht mehr

„Denn viele Menschen sind nicht nur um ihre Gesundheit besorgt. Es geht hier auch um Lieferketten oder Infrastrukturen – man denke nur an die Hamsterkäufe vieler Bürgerinnen und Bürger zu Beginn der Pandemie. Die derzeitigen Maßnahmen haben nicht nur die Unversehrtheit des menschlichen Körpers als Ziel, sondern decken vielschichtige Aspekte ab“, sagt Bonacker.

Zum anderen erweisen sich in Krisenzeiten althergebrachte Sicherheitstechniken als unzureichend, defizitär oder reformbedürftig. „Quarantäne gab es bereits im 14. Jahrhundert – als die Pest Millionen Menschenleben forderte, wurden Bürger unter Hausarrest gestellt und Schiffe im Verdachtsfall nicht in den Hafen gelassen“, ergänzt Opitz.

„Das sind keine neuen Verfahren, aber wir beobachten neue Effekte. Ein Beispiel: Der eigene Wohnraum muss im Zuge der Quarantäne wieder Funktionen erfüllen, die er in einem längeren historischen Prozess eigentlich längst abgegeben hatte, wie Vorratshaltung, Erwerbsarbeit oder Bildungsaufgaben in Form von Homeschooling“, erläutert Opitz.

„Sich in Luft aufzulösen, ist keine Option“

Der Soziologe analysiert in seinem eigenen Beitrag das in Corona-Zeiten völlig neue Thema des Abstandsgebotes. „Unter Bedingungen viraler Bedrohung wird das Verhältnis von physischer und sozialer Distanz neu kalibriert“, schreibt Opitz. So könne es bekanntlich sogar dann zu einem „Hochrisikokontakt“ zwischen zwei Personen kommen, wenn diese sich gar nicht körperlich berühren.

Der Luftzwischenraum diene als Erinnerungszeichen für die im Alltag ebenso unsichtbare Krankheitsgefahr. Ob die aktuelle Abstands-Variante sich wie jede Luftsicherheitszone vielleicht als nicht hinreichend oder übertrieben gut befestigt und verletzungsanfällig erweise, bleibe abzuwarten. Nicht verlassen könne man allerdings den persönlichen Raum des Körpers. „Sich selbst in Luft aufzulösen, ist keine Option“, bilanziert Opitz.

Sozialraum wird Ort der Einsamkeit

Die Marburger Neuzeit-Historikerin Professorin Inken Schmidt-Voges beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit dem Thema „#stayathome als ambivalentes Sicherheitskonzept“. Darin beschreibt sie, dass der Sozialraum Haus im Zeichen der strikten Quarantäne- und Kontaktbestimmungen zum Ort der Pflege, Gemeinschaft, des Lernens und des Arbeitens werde, aber auch zum Ort von Ende, Gewalt und Einsamkeit.

Aufgrund der plötzlichen und unerwarteten Überfrachtung würde von den Haushalten auf einmal wieder die Erfüllung von Funktionen erwartet, die sie über einen längeren historischen Prozess längst an sozial- und wohlfahrtsstaatliche Strukturen abgegeben hätten.

Dazu zählt sie beispielsweise die Organisation von Erwerbs- und Sorgearbeit auf engstem Raum, die Sicherstellung des täglichen Bedarfs inklusive der vorausschauenden Bewirtschaftung von Vorräten oder die Unterstützung der Kinder bei Bildungsaufgaben sowie die Pflege von Kranken und Alten.

Mehrere Aufsätze online erschienen

Die „neue Häuslichkeit“ solle Sicherheit vor Ansteckung und die Sicherung der Versorgung bieten. Falle allerdings für den Mann in der Krise durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit auch noch die Funktion des Ernährers weg und werde dieser Jobverlust nicht durch eine neue häusliche Aufgabe ersetzt, dann verschärfe dies die Gefahr von Gewalttätigkeit.

Quarantäne, Tracing, Ausweispflicht oder Grenzkontrollen – in der Aufsatz-Reihe „Sicherheit in der Krise“ kommen zahlreiche weitere „Sicherheitstechniken“ zur Sprache. Initiiert und organisiert wird die Reihe vom Sonderforschungsbereich „Dynamiken der Sicherheit“, der an den Universitäten Marburg und Gießen angesiedelt ist.

Bislang sind zehn Artikel auf dem sozialwissenschaftlichen Internetportal Soziopolis (www.soziopolis.de) erschienen.

Von Manfred Hitzeroth

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