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Marburg Marburger Forscher: „Angst zerstört unsere Ordnung“
Marburg Marburger Forscher: „Angst zerstört unsere Ordnung“
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14:00 03.07.2020
Dr. Wolfram Schüffel: „Die Angst zerstört unsere Ordnung.“ Quelle: Carsten Beckmann
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Marburg

Wenn es nicht gerade um die Wirtschaft geht oder um die Zukunft der Bundesliga, haben in der Debatte um den besten Weg aus der Corona-Krise weiterhin die Virologen und Hygiene-Experten das Sagen. Das hat auf den ersten Blick durchaus seine Berechtigung, denn ohne die Erforschung des Covid-19-Erregers, die Entwicklung eines Impfstoffs, ohne Hygienekonzepte wird es zweifellos keinen Weg aus der Pandemie geben. Derweil muss sich die Psychologie damit begnügen, allenfalls als Hilfswissenschaft dazustehen.

Am Anfang der Pandemie hatten die Menschen Angst – Angst, sich selbst zu infizieren, Angst, die Seuche möglicherweise selbst nicht zu überleben, Angst, andere Menschen aus dem engeren familiären Umfeld zu verlieren. Dann folgte die Angst, wirtschaftlich nicht ohne Blessuren aus der Krise zu kommen. Geblieben ist eine diffuse Angst davor, dass nach Corona in unserem Leben nichts mehr so sein wird wie vorher, verstärkt durch die Frage, wie lange die Krisensituation noch andauern wird.

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Angst essen Seele auf, sagte der junge Marokkaner Ali in Rainer Werner Fassbinders gleichnamigem Film aus den 1970er Jahren – „die Angst zerstört unsere Ordnung“, sagt Dr. Wolfram Schüffel, der frühere Leiter der Abteilung für Psychosomatik des Zentrums für Innere Medizin der Philipps-Universität Marburg: „Die Menschen verkriechen sich und werden zersplittert.“ Mit dieser Bestandsaufnahme verbindet Schüffel die Befürchtung, dass aus der gegenwärtigen Situation eine Gesellschaft hervorgehen könnte, die ähnlich wie die Menschen nach den Weltkriegen für den Rest ihres Lebens traumatisiert sind. Dabei hält der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychosomatik es für „hirnrissig“, allein die alten Menschen als Hochrisikogruppe zu isolieren und dabei jene aus den Augen zu verlieren, die das höchste Risiko tragen, auch noch Jahre nach einem Ende der Pandemie unter den Folgen zu leiden. „Unsere Sorge sollte den Jungen und Mädchen in Kindertagesstätten und Schülerinnen und Schülern gelten, den Auszubildenden und Studierenden“, ist die eindeutige Forderung Schüffels, der es für verfehlt hält, Generationen voneinander fernzuhalten. Die sogenannte Island-Studie habe gezeigt, dass Kinder bei der Ausbreitung von Covid-19 eine untergeordnete Rolle spielten, sagt der Psychosomatik-Experte und geht damit auf Konfrontationskurs zu einer virologischen Lehrmeinung, die dafür sorgte, dass in Deutschland Kitas und Schulen geschlossen wurden und von Kontakten zwischen Enkel- und Großelterngeneration abgeraten wurde.

„Das war aus der Luft gegriffen“, sagt Schüffel, der dafür wirbt, medizinische und psychologische Risiken gegeneinander abzuwägen, anstatt sich auf Extrempositionen zu versteigen. Was bedeutet das – neben dem wissenschaftlichen Disput – für jeden Einzelnen?

Handlungsanleitungen

Wolfram Schüffel teilt seine „Handlungsanleitungen“ für ein möglichst angstfreies Leben während der Pandemie in vier Stufen ein: Angst und Ordnung, Maske und Gesicht, Distanz und Vertrauen sowie Bewegung und Schlafen.

In seiner generationenübergreifenden Arbeitsgruppe mit Studierenden und Senioren erhielt Schüffel in den zurückliegenden Wochen Rückmeldungen, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über Angstsymptome wie Atemnot, Organdruck, Schlaflosigkeit und Konzentrationsschwäche litten. „Während eines Gruppentermins sagte eine Teilnehmerin, sie sei an jenem Morgen ,endlich mal wieder wach aufgewacht‘“, erinnert sich der Mediziner und berichtet, dass der Austausch über solche Empfindungen wichtig für die Gesundheit sei: „Das Gefühl, dass alle im gleichen Boot sitzen, erleichtert vieles“, so Schüffel, sein Appell: „Sprechen wir miteinander über unsere Lage, dann renkt sich vieles von selbst wieder ein.“

„Wir brauchen die Mimik“

Der emeritierte Professor bricht eine Lanze für den gesundheitsfördernden Effekt von Gruppenbildungen, sieht jedoch auch das Risiko, dass „alles wieder schnell kippen kann“. Trotzdem sagt der Psychosomatik-Experte Sätze wie „wenn du einen Mund-Nasen-Schutz hast, umarme die dir nahestehende Person“. Recht habe in einer Gruppe grundsätzlich derjenige mit dem höchsten Sicherheitsbedürfnis, räumt Schüffel ein, der das Tragen von Masken – zumindest aus kommunikativer Sicht – selbst kritisch sieht: „Ich möchte Menschen ins komplette Gesicht sehen, wir brauchen die Mimik, um einander zu verstehen.“ Distanz und Vertrauen spielen also in der Abwägung eine große Rolle. Für fast noch wichtiger hält Schüffel eine vordergründig eher banale Regel, die von drei Zahlen geprägt ist: 8-8-8: „Wir müssen den Menschen ermöglichen, ausreichend zu schlafen, das müssen wir ebenso laut verkünden wie die Abstandsregeln.“

Täglich acht Stunden arbeiten, acht Stunden wach sein und ebenso lange schlafen – das bekommen die meisten Menschen nur mit einem gewissen Maß an Disziplin hin. Disziplin, sagt Schüffel, müsse den Menschen jedoch sinnvoll erscheinen: „Wenn nicht, wird Disziplin zu Drill, und dann rebellieren die Menschen oder sie werden massenhaft apathisch.“ Das sagt der Mediziner auch und insbesondere mit Blick auf jene Menschen, die öffentlich gegen die Einschränkungen während der Corona-Pandemie demonstrieren und sich dabei in krude Verschwörungstheorien versteigen. Das geschehe, weil die Politik gegensteuere, anstatt sich mit den Menschen abzustimmen: „In der gegenwärtigen Lage gerät viel außer Rand und Band.“ Wohin führt das? „Da wage ich keine Prognose“, sagt Wolfram Schüffel: „Alles hängt an der Frage, wie wach die Politik ist – und wie wach wir sind.“

Die „Island-Studie“ zur Verbreitung von SARS-CoV-2

Die Studie „Spread of SARS-CoV-2 in the Icelandic Population“ (Die Verbreitung von Sars-CoV-2 in der isländischen Bevölkerung) erschien im „New England Journal of Medicine“. Im Abstract der Studie heißt es, dass von 9 199 gezielt getesteten Risikopatienten (Auslandsreise, Kontakt zu Infizierten, selbst symptomatisch) 1 221 (13,3 %) positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurden. Interessant für die Fragestellung nach den Infektionsraten unter Kindern war auch die Untersuchung der Allgemeinbevölkerung (offene Einladung an 10 797 Personen und zufällige Einladung an 2 283 Personen). Dort waren nur 0,8 % (offene Einladung) bzw. 0,6 % (zufällige Einladung) mit dem Virus infiziert. Insgesamt wurden 6 % der Bevölkerung untersucht.

Kinder unter zehn Jahren seien insgesamt weniger häufig infiziert gewesen als ältere (6,7 % vs. 13,7 % bei gezielten Tests). In der Untersuchung der Gesamtbevölkerung sei kein Kind unter zehn Jahren positiv auf das Virus getestet worden. Unter den älteren Kindern seien 0,8 % infiziert gewesen. Offenbar waren auch Frauen weniger betroffen als Männer (11,0% vs. 16,7% bei gezielten Tests; 0,6% vs. 0,9% in der Allgemeinbevölkerung).

Ob die niedrigere Inzidenz unter Frauen und Kindern auf eine geringere Exposition oder gar eine biologische Resistenz zurückzuführen ist, wisse man nicht. Aber auch andere Studien hätten gezeigt, dass Kinder und Frauen weniger schwer an Covid-19 erkranken.

Quelle: Deutsche Apotheker-Zeitung

von Carsten Beckmann

03.07.2020
03.07.2020