Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Der Traum von Frieden und Demokratie
Marburg Der Traum von Frieden und Demokratie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 28.12.2020
Shaima und Noor Muhammad Ghafury hoffen auf Frieden und Demokratie in Afghanistan.
Shaima und Noor Muhammad Ghafury hoffen auf Frieden und Demokratie in Afghanistan. Quelle: Uwe Badouin
Anzeige
Marburg

Sie kämpfen von Moischt aus für Demokratie, Menschenrechte, freie Presse und nicht zuletzt für Bildung für Frauen in einem Land, das seit Jahrzehnten mit Terror, mit Krieg, mit der Unterdrückung von Frauen assoziiert wird. Ob sie und ihre Mitstreiter in unterschiedlichsten Bewegungen und Parteien Erfolg haben werden, ist offen.

Die Agraringenieurin Shaima und der Wirtschaftswissenschaftler Noor Muhammad Ghafury flohen 1992 mit ihren Kindern aus Afghanistan. In Marburg haben sie sich ein neues Leben aufgebaut. Sie gründeten den „Verein der Nationalen Einheit und des Fortschritts Afghanistans“ und mit neuen afghanischen und deutschen Unterstützern den Verein „Initiative Afghanisches Handwerk“, der inzwischen in „Initiative Afghanisches Hilfswerk“ umbenannt wurde. Ziele sind unter anderem bessere Bildung insbesondere für Mädchen und Frauen, denen die Taliban jede Ausbildung untersagten, Hilfe zur Selbsthilfe und Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung.

Konferenzteilnahmen über das Internet

Aktuell sind Shaima und Noor Muhammad Ghafury noch aktiver als ohnehin, denn es gibt eine Chance auf Frieden, der den schier endlosen Krieg und den Terror gegen die Zivilbevölkerung beenden könnte. Am 29. Februar dieses Jahres haben die USA und die Taliban ein Friedensabkommen für Afghanistan unterzeichnet, das den schrittweisen Abzug der US-Truppen vorsieht. Und im September haben die Taliban und die afghanische Regierung in Katar Friedensverhandlungen aufgenommen. Auf diese Verhandlungen hoffen die Ghafurys mit ihren Mitstreitern Einfluss nehmen zu können. Über das Internet nehmen sie Teil an oft mehreren Konferenzen pro Woche. Shaima und Noor Muhammad Ghafury schwebt eine demokratische Verfassung für Afghanistan vor – mit Bildungschancen für alle, mit freier Presse und freien Wahlen.

Während Shaima Ghafury vor allem von Deutschland aus versucht, Einfluss auf die Entwicklung in ihrer Heimat zu nehmen, ist ihr Mann seit 2007 regelmäßig und überwiegend in Afghanistan, wo er an der Universität Kabul lehrt. Er weiß um die Gefahren für Menschen, die für Demokratie eintreten. „Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute denkt man an die Gefahr“, sagt er im Gespräch mit der OP. „Die Lage in Afghanistan ist sehr labil. Bomben fliegen fast überall. Angriffe sind an der Tagesordnung.“ Die Sicherheitslage sei so schlecht wie seit 40 Jahren nicht mehr. Ähnliches gelte für die soziale Lage – es gebe kaum oder keine Arbeit, die Menschen hätten keine Einkommen. Ein großes Problem sei die Korruption.

Der Traum von einer modernen Regierung

Bis 2020 hätten die radikalislamischen Taliban als terroristische Gruppe gegolten. Seit dem Friedensabkommen mit den USA würden sie von internationalen Mächten nicht mehr als Terroristen, sondern als politische Kraft wahrgenommen, so Noor Muhammad Ghafury. Aus seiner Sicht sollten die internationalen Truppen die Demokratie durchsetzen, hätten aber im Land die falschen Partner ausgewählt: „Leute, die nicht an die Demokratie glauben, sollten die Demokratie durchsetzen.“

Nach 42 Jahren Krieg träumt das Ehepaar vom Frieden in Afghanistan, davon, eine moderne Regierung aufzubauen, die Menschenrechte und Grundrechte respektiert und davon, das Land wieder aufzubauen. Derzeit aber verhandeln nur die Taliban mit der bestehenden Regierung. Viele demokratische Gruppen sind bei den Verhandlungen in Katar außen vor.

Hintergrund

Seit 1978 herrscht Krieg in Afghanistan. Im April dieses Jahres übernahm die kommunistische Volkspartei in einem Staatsstreich die Regierung. Ein Aufstand brach los, in der Folge marschierte 1979 die Sowjetunion ein. Die Amerikaner wiederum bewaffneten die Mudschahedin. Der Konflikt dauerte zehn Jahre, verwüstete weite Teile des Landes. 1989 zog die Sowjetunion ab, es folgte 1993 ein Bürgerkrieg, in dem die von den USA gestützten Taliban die Kontrolle über den Großteil des Landes gewannen. Als am 11. September 2001 islamische Terroristen die USA angriffen und unter anderem das World Trade Center in New York mit Flugzeugattentaten zum Einsturz brachten, marschierten die USA in Afghanistan ein und stürzten die Taliban-Regierung. Seither führen die Taliban einen Terrorkrieg. Es gab unzählige Opfer auf beiden Seiten.

von Uwe Badouin

28.12.2020
Marburg Asyl oder Abschiebung in Marburg - Nazi-Drohbrief erschüttert Flüchtlings-Familie
27.12.2020