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Marburg Expertin: Rechte Einzeltäter "leben nicht verschlossen"
Marburg Expertin: Rechte Einzeltäter "leben nicht verschlossen"
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14:40 22.02.2020
Ein Polizist steht vor einem Absperrband in Hanau.  Quelle: Boris Rössler/dpa
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Marburg

Nach dem rassistischen Attentat in Hanau hätten viele das Gefühl, die Gewalt sei näher gekommen – dabei seien rechte Bedrohungen, auch Gewalt für viele Menschen schon „längst Realität, denn sie zählen zu der Zielgruppe rechter Ideologie: Muslime oder Menschen die als Muslime wahrgenommen werden“, sagt Tina Dürr, die mit Dr. Reiner Becker an der Spitze des Demokratiezentrums in Marburg steht. Nun werde es eben immer klarer, dass die „rechten Botschafts-Taten“ eben doch auf Rassismus gründen – ein Befund, den viele­ nicht wahrhaben wollten. Das ­eigentlich Neue sei aber „die ­Dimension und Häufung“ der rassistischen Gewalt.

Hanau, wo es am späten Mittwochabend, 19. Februar, in Shisha-Bars zu dem Terror-Anschlag kam, verstehe sich – wie Marburg – als ein Ort, wo das interkulturelle Zusammenleben gut funktioniere,­ wo man Vielfalt wolle und sie auch zivilgesellschaftlich lebe – auch deshalb wirke der Terror-Anschlag auf viele Bewohner in der Universitätsstadt wohl noch näher.

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Doch auch wenn der Hanau-Attentäter bei der Tatausführung ein Einzeltäter gewesen sei, müsse man ihn als „Teil einer Gemeinschaft, die sich im Mainstream fühlt“ sehen. Eine Bewegung, die sich vom anhaltenden politischen Klima „provoziert und bestätigt“ fühle und die zunehmend „einen Handlungsdruck verspürt“.

Taten geschehen nicht isoliert

Und auch wenn Menschen Täter sind, die nicht – wie das auch in Hessen etwa im Lumdatal oder rund um Kassel mit rechten Kameradschaften der Fall war und ist – Teil von aktiven Nazi-Netzwerken seien, würden diese „nicht verschlossen leben“. Es dürfte anzunehmen sein, dass sie sich vielmehr mit ihrem extremen Gedankengut in der Familie, gegenüber Freunden oder Arbeitskollegen äußern – wie schon der Wächtersbach-Täter, der seinen Mordanschlag auf einen Eritreer kurz zuvor offen in einer Kneipe ankündigte.

„Das Problem entsteht vor allem dadurch, dass Rassismus oft unwidersprochen hingenommen wird, rechtsextreme Äußerungen nicht ernstgenommen oder verharmlost werden und im privaten Umfeld niemand interveniert. Dabei muss genau das auch schon bei subtilen Formen von Rassismus geschehen.“ Die Taten würden „nicht isoliert geschehen.“

Gewöhnung an raue Sprache

Nicht zuletzt durch das ­Internet, die sozialen Netzwerke – in denen es mangels ­Widerspruchskultur fast nur noch „negativen Diskurs“ gebe – sei eine „Gewöhnung an raue Sprache“ in Gang, die Diskriminierung und Rassismus eher befeuere als zu mildern. Die Sicherheitsbehörden kämen jedenfalls meist zu spät, eben weil sie auch mangels sichtbarer Netzwerk-Aktivitäten nicht alle potenziellen Täter auf dem Schirm haben könnten.

Die Drohbriefe an die Marburger Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz, der Mord an Walter Lübcke, der Mordanschlag auf einen­ Eritreer in Wächtersbach und nun die Bluttat von Hanau: „Die Brutalität zeigt sich immer offener.“ Dass Hessen jetzt jedoch sozusagen das Ostdeutschland des Westens wäre, wie manche meinen, stimme trotz der ­Taten-Häufung so nicht. „Rechtes Gedankengut und rechte Vernetzung endet nicht an Landesgrenzen.“ Nur die Mobilisierung sei im Osten leichter – die Nazi-Strukturen und Gedanken gebe es überall.

von Björn Wisker

Das sagen Ex-Hanauer zum Attentat

Unglaube und Bestürzung über die Morde in ihrer ­alten Heimat herrschen bei Andreas Schulz, Frauke Haselhorst und Helmut Müller vor.

von Ina Tannert

Landkreis. Die schockierenden Bilder der Mordserie wecken bei ihnen allen alte Erinnerungen an Kindheit, Ausbildung oder Berufszeit in Hanau. Etwa bei Ebsdorfergrunds Bürgermeister Andreas Schulz, der gebürtig aus Dörnigheim stammt, im benachbarten Hanau zur Schule ging und als junger Erwachsener dort jahrelang lebte und arbeitete. „Ich hatte damals schon viele türkische Freunde dort, das war völlig normal – jetzt ist nichts mehr normal“, berichtet Schulz, tief ergriffen von der rassistisch motivierten Bluttat in seiner früheren Heimat. Er zieht Parallelen zur Nazi-Zeit, warnt eindringlich davor, dass sich hier Geschichte wiederholt und fordert ein gemeinsames Aufstehen gegen rechts. 

Immens schockiert haben ihn die Bilder der Mordserie, die um die Welt gehen und Eindrücke an früher wecken: Als ehemaliger Hanauer kennt er die Orte, die nun zu Tatorten wurden, was die Taten umso realer werden lasse. „Immer wenn so etwas woanders – an für einen unbekannten Orten passiert – scheint es weit weg zu sein. Wenn man aber die Orte, noch mehr die betroffenen Menschen kennt, dann ist das nicht mehr weit weg.“ 

So ergeht es auch der gebürtigen Hanauerin Frauke Haselhorst von der Jugendförderung der Stadt Marburg: „Man fühlt sich plötzlich wieder zurückversetzt an die Orte, an denen es passiert ist, an denen man so oft vorbeigegangen ist – das ist sehr nahe an einem dran und für mich einfach unbegreiflich.“ Haselhorst verbrachte in Hanau den Großteil ihrer Kindheit und besucht immer noch jedes Jahr ihre Geburtsstadt, hat dort viele Freunde. „Ich kann mir kaum vorstellen, wie sich meine alten Klassenkameraden fühlen müssen, die noch dort leben – man ist einfach unfassbar hilflos.“ Die Morde sind auch großes Thema in ihrer Familie, die nun gemeinsam trauert.

Noch gut erinnere sie sich an Bilder aus der Schulzeit und daran, dass Hanau schon damals multikulturell war – ob durch die US-Soldaten, die dort stationiert waren, oder durch zugewanderte Menschen anderer Länder – „es war für uns immer Normalität, dass dort Menschen vieler Nationen zusammen lebten“, erinnert sie sich. Das sei schon immer so gewesen, „es sind doch Menschen, egal woher sie kommen“, sagt Haselhorst. So hat auch Helmut G. Müller aus Hachborn das Leben in Hanau erlebt – der Pfarrer im Ruhestand arbeitete 35 Jahre lang in der evangelischen Kirchengemeinde Buchen, der Bezirk direkt neben dem, wo die Morde passiert sind. Schon zu seiner Zeit lebten „Menschen verschiedener Religionen sehr eng zusammen“, gestalteten gemeinsam ihr ­Leben in der Gemeinde. 

Müller bekommt über seine alten Kontakte viele Reaktionen aus Hanau direkt mit, ist schockiert von der Tat, aber auch ergriffen von einer hohen Solidarität vor Ort. Die Hanauer verharren dabei nicht in Schockstarre, sondern werden aktiv, finden sich zusammen, organisieren spontane Gottesdienste, stehen einander bei, „es ist ein Zusammenstehen, füreinander und gegen rechtes Gedankengut – die Leute machen klar: Wir gehören zusammen, egal wo ­jemand herkommt“.

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