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Marburg Marburger Corona-App boomt
Marburg Marburger Corona-App boomt
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17:55 08.05.2020
Professor Jürgen Schäfer, Leiter des Zentrums für unerkannte und seltene Erkrankungen, und andere Mitarbeiter des Uniklinikums stellten neue Zahlen zur Corona-Web-App vor. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Vom Corona-Alarmsignal hin zur Steuerung des Patienten-Aufkommens im Landkreis Marburg-Biedenkopf: Der am Marburger Uni-Klinikum entwickelte Online-Selbsttest zu Covid19 ist in der medizinischen Risiko-Einschätzung erweitert, Ergebnisse verfeinert worden.

Ziel: Allen Menschen, die sich trotz Unwohlsein oder Gebrechen während der Pandemie nicht zu Ärzten oder ins Krankenhaus trauen, eine Handlungsempfehlung für ihre nächsten Schritte zu geben, von Couch-Therapie über den Rat, mit Medizinern zu telefonieren, den Hausarzt aufzusuchen bis hin zum Gang in die Notaufnahme.

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Am Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM) geht man bei der Web-App somit nun über die Abschätzung einer Corona-Infektions-Wahrscheinlichkeit und deren mutmaßlichen Schweregrad hinaus, man will speziell an Schwerkranke - etwa Herzinfarkt- oder Krebspatienten – Signale zur möglichen gefahrlosen Rückkehr in ärztliche Betreuung senden.

Notaufnahme: Fallzahlen von 900 auf 480

„Wir müssen etwas gegen die aktuell große Patienten-Unsicherheit tun. Die Krankenhäuser sind leer, obwohl Menschen weiter mitunter schwer krank sind. Die Angst darf nicht bleiben und Arztbesuche verhindern, das ist gesundheitsgefährdend“, sagt Professor Harald Renz, Ärztlicher Geschäftsführer am UKGM. Die Software gebe nun jedem, auch Mehrfach-Vorerkranktem „einen größeren Verhaltens-Korridor“.

Wie Intensiv-Mediziner Dr. Andreas Jerrentrup am Beispiel Atemnot erklärt, teste das Programm auch auf mögliche andere Krankheitsbilder als Covid19, bewerte im Hintergrund mit einer Risiko-Matrix die jeweiligen Angaben und spreche je nach Datenlage eine farblich markierte Empfehlung aus: Reichen erstmal Bett und Wärmflasche oder sollte man zügig einen Experten konsultieren?

Die Neuerungen fußen vor allem auf der Beobachtung, dass nicht nur die ambulanten Fälle, sondern auch die Notaufnahmen-Besucherzahlen am UKGM eingebrochen sind. Statt wie normal um die 900 Patienten pro Woche, seien es zuletzt weniger als 480 gewesen.

Kein Ersatz für Corona-Test

Rund 14.000 Bewohner in Marburg-Biedenkopf – die meisten in der Altersgruppe bis 50 Jahre - haben seit App-Start vor einem Monat den Selbsttest gemacht, die meisten also irgendwie krank gefühlt und den Fragebogen ausgefüllt. Den wenigsten Teilnehmern, so zeigt die statistische Auswertung, wurde zwar ein Gang zum Arzt, eventuell zur Corona-Testung empfohlen.

Aber: Die Nutzerzahlen und Angabe von Symptomen seien laut Kardiologie-Professor Bernhard Schieffer „ein Indiz für potenziell Infizierte, dafür, wie viele mögliche Verdachtsfälle wir in welcher Gemeinde haben“. Die App ersetze keinen Corona-Test, sei diesem eher vorgeschaltet. Sie ermögliche für Corona im Landkreis in Echtzeit ein „messerscharfes Monitoring der potenziellen Neuinfektionen“, so Renz.

App verschafft zeitlichen Vorlauf

Letztlich kann das Online-Tool so vor allem für das Gesundheitssystem eine Vorwarnfunktion erfüllen. Seltene-Krankheiten-Professor Jürgen Schäfer erklärt: Wenn über die App plötzlich Dutzende in Marburg oder Wetter angeben, Kopfschmerzen oder Fieber zu haben, sei das „ein Warnsignal“ für die Klinik und das Gesundheitsamt, das wenige Tage später „eine Welle kommen könnte“.

Man gewinne dank der Daten Zeit, die App sorge für einen Vorlauf um Vorkehrungen zu treffen und es könnten so umgehend lokale Hotspots ausfindig gemacht, Infektionsketten nachverfolgt, letztlich das Virus schneller eingedämmt werden.

Auch für andere Erkrankungen

Für das UKGM und perspektivisch auch für Hausärzte diene die Web-App als vorgeschalteter Patienten-Check: Fragebogen ausfüllen lassen, wenn die App Corona-Entwarnung gibt, ein Mini-Risiko anzeigt, könne derjenige „einer jeden Untersuchung zugeführt werden“, wie Schieffer erklärt.

Neben der Corona-Früherkennung könne die Technik also gewährleisten, dass auch Patienten mit anderen Erkrankungen wie gewohnt versorgt werden. Die Software diene als ein „regionaler Gesundheits-Schutzschild“, der – wenn es denn eine Zulassung als Medizinprodukt gibt – bundesweit funktionieren könne, wie Dr. Sylvia Heinis, Kaufmännische UKGM-Geschäftsführerin sagt.

„Ein Beitrag zum Gesundheitsschutz“

Rückblick auf die erste Corona-Welle: Die meisten Patienten gab es laut UKGM im Landkreis Ende März, maximal 16 Intensivbetten auf den Lahnbergen seien von Covid19-Patienten belegt gewesen und es habe binnen einer Woche nie mehr als 26 Neu-Infektionen gegeben (50 ist die geltende Maximalzahl nach der sich laut Bundesregierung etwaige neue Lockdown-Schritte festmachen sollen). „Die App hat hier in der Region mitgeholfen, die erste Welle sehr flach zu halten. Sie ist ein Beitrag zum nationalen Gesundheitsschutz“, sagt Schieffer.

Zahlen zur ersten Corona-Welle im Landkreis

Auf OP-Anfrage hat das Gesundheitsamt Marburg-Biedenkopf erstmals Details zur ersten Corona-Welle mitgeteilt: Demnach sind unter den insgesamt rund 200 Infizierten 34 Menschen gewesen, die als medizinische Pflegepersonal arbeiten (30 bis jetzt genesen).

Zehn weitere Infizierte arbeiten in Einrichtungen der Kinderbetreuung, alle sind bereits wieder gesund. Mit 153 Fällen sind die meisten Menschen mit positivem Corona-Tests zwischen 15 und 59 Jahren alt (noch zwölf akut infiziert), in der Altersgruppe 60+ waren es 38 Menschen (aktuell noch vier davon krank).

Nur jeweils drei Kinder von null bis fünf beziehungsweise sechs bis 14 Jahren hatten sich infiziert, keines von ihnen zeigt mehr Symptome. Die wesentlichen Infektionsketten fußten demnach –zu Beginn des Virus-Ausbruchs –auf Reiserückkehrern aus Risikogebieten. Quarantäne-Verstöße, die von Behörden sanktioniert wurden, habe es keine gegeben.

Von Björn Wisker

08.05.2020
08.05.2020
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